Die Aula der Kantonsschule Rämibühl in Zürich ist bis in die obersten Reihen gefüllt. Trotz der beachtlichen Schülerschar ist es erstaunlich ruhig. Die Blicke sind auf die Bühne gerichtet. Vier Jugendliche stehen hinter Rednerpulten. «Wir können uns nicht zurücklehnen und den Staat machen lassen. Wir sind Staatsbürger und keine Staatskunden. Wir haben viele Rechte, aber auch Pflichten», sagt Rachid Burbano Sung. «Ja, wir haben viele Rechte und sollten auch etwas zurückgeben, dies sollte aber freiwillig geschehen und kein Zwang sein», entgegnet ihm Simon Leisinger.

Die hitzige Debatte drehte sich um das Thema «Soll ein Bürgerdienst für alle eingeführt werden?» und war Teil des Regionalfinales von «Jugend debattiert». Die
16 besten Debattierenden aus 9 Zürcher Gymnasien bewiesen gestern ihre Redegewandtheit und ihre Überzeugungskraft in vier Diskussionsrunden zu Fragen wie «Soll der Export von Schweizer Rüstungsgütern verboten werden?» oder «Soll die Massentierhaltung in der Schweiz verboten werden?».

Die 16- bis 17-Jährigen mussten entweder eine Pro- oder eine Kontra-Haltung einnehmen. Die Sieger aus jeder Runde konnten sich am Ende der Veranstaltung nochmals in der Finaldebatte ein Wortgefecht liefern. Noch viel wichtiger aber: Sie qualifizieren sich für das Schweizer Finale von «Jugend debattiert» am 29. und 30 März in Bern.

Kontra wider Willen

Simon Leisinger aus Hausen im Säuliamt vertrat als einziger die Kanti Limmattal. Gefallen am Debattieren und an der Philosophie fand er erst vor kurzem. An seiner Schule in Urdorf hat er sich für ein mathematisch-naturwissenschaftliches Profil entschieden. Kurz vor seinem Auftritt zeigte er sich wenig nervös. «Wir hatten eine Woche Zeit, uns vorzubereiten.

Erst gestern haben wir aber erfahren, ob wir die Pro- oder Kontra-Position vertreten müssen», sagte der 17-Jährige. Das Los fiel gegen ihn. «Ich finde den Bürgerdienst eine gute Idee. Er könnte bei der Gleichstellung der Geschlechter helfen und den Zusammenhalt in der Schweiz fördern. Nun muss ich aber dagegen argumentieren.»

Leisinger und seine Konkurrenten Jette Langer von der Kantonsschule Zürcher Oberland, Leia Hauschild von der Kantonsschule Zürich Enge und Rachid Burbano Sung von der Kantonsschule Zürcher Unterland legten sich in der 24-minütigen Diskussion so richtig ins Zeug. Um ihre Argumente zu untermauern, schreckten sie auch nicht vor waghalsigen Vergleichen zurück. «Manchmal brauchen wir einen Zwang. Ohne Impfzwang beispielsweise hätten wir es nie geschafft, die Pocken auszurotten», sagte Rachid Burbano Sung, um die Einführung des Bürgerdiensts beliebt zu machen.

Ein solcher Dienst vertrage sich nicht mit der gut funktionierenden freien Marktwirtschaft, fand Simon Leisinger. «Wenn der Staat plant und Leuten Arbeit zuteilt, dann wissen wir, wohin das führt. Wir kennen dieses System, es nennt sich Kommunismus.» Auch das Thema Gleichstellung wurde in der Debatte angeschnitten. «Um die Gleichstellung der Frauen voranzutreiben, sollte man sie nicht zum Wehrdienst zwingen. Man sollte zuerst einmal beim Lohn ansetzen», sagte Jette Langer.

Das Publikum konnte am Ende der Debatte seine Meinung äussern. Viele sprachen sich gegen einen Bürgerdienst aus. «Man soll keinen Zwang auf die Gesellschaft ausüben», fand eine Schülerin.

Ein junger Mann zeigte sich aus einem anderen Grund wenig überzeugt vom Bürger- und vom Militärdienst für alle. «Frauen leisten einen grossen Beitrag für die Gesellschaft. Sie bekommen Kinder. Den Militärdienst sollten daher nur Männer absolvieren müssen. Dann ist es ausgeglichen.» Andere Schüler vertraten die Ansicht, dass Zwang unumgänglich ist. Dies etwa im Zusammenhang mit dem Besuch der Schule. «Ich finde Kinder müssen dazu gezwungen werden, weil wir alle dumm sind», sagte ein Schüler.

Schliesslich überzeugte die Jury, bestehend aus Ursula Alder, Rektorin der Kanti Rämibühl, Markus Hofmann, SRF-Radioredaktor, Sabina Zimmermann, Deutschlehrerin an der Kanti Zürcher Oberland und Vorjahressieger Jonathan Daum, die Argumente von Rachid Burbano Sung am meisten. Er darf am nationalen Finale in Bern teilnehmen und konnte sich mit Dimitri Neff und Luca Kilgus von der Kanti Rämibühl und Nadine Lenz von der Kanti Zürcher Oberland nochmals messen.

Zur Debatte stand die Frage «Soll an Zürcher Schulen ein Handyverbot erlassen werden?». Aus dieser Diskussion ging Luca Kilgus als Sieger hervor.

Viel Vorbereitung

Leisinger nahm sein Ausscheiden gelassen. «Ich habe nicht erwartet zu gewinnen, denn ich habe selber nicht an meine Argumente geglaubt.» Die Konkurrenz sei stark gewesen. Ob er wieder bei einem solchen Wettbewerb mitmachen wolle, wisse er noch nicht.

«Es war anstrengend, sich neben allen Prüfungen auf den Anlass vorzubereiten. Ich glaube, wenn ich mehr Zeit hätte, könnte ich es mir schon vorstellen.»