Senevita
Kommt jetzt das Überangebot?

Alter Mit der Senevita dringt in Dietikon ein Privater in den Betreuungsmarkt vor. Das wird nicht überall gern gesehen

Sophie Rüesch
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Würden all jene, die am Informationsanlass zum neuen Seniorenzentrum in Dietikon aufgetaucht sind, danach auch eine der 50 Alterswohnungen dort buchen – die Senevita im Limmatfeld wäre bereits vier Monate vor der Eröffnung ausgebucht. Tatsächlich rechnet Geschäftsleitungsmitglied Michael Lüthi damit, die Wohnungen innert neun bis zwölf Monaten gefüllt zu haben; bei den 77 Pflege-Einzelzimmern, die ebenfalls im November eröffnet werden, ist die Prognose schwieriger; im Pflegebereich ist die Belegung wesentlich stärkeren Schwankungen ausgesetzt.

Für Lüthi sind diese Aussichten erfreulich. Und nicht weiter erstaunlich: «Der Bedarf nach Alters- und Pflegeplätzen ist im Limmattal hoch. Es bestand lange ein zu kleines Angebot, das nun mit der Eröffnung der Senevita in Dietikon korrigiert wird.» Er bezieht sich dabei auf Erfahrungswerte: Bereits das Zentrum «Lindenbaum» in Spreitenbach, das die Senevita im Juni 2014 eröffnete, war innert eines Jahres voll belegt. «Langfristig wird der Bedarf noch steigen», sagt er – der Überalterung der Gesellschaft und komplexer werdender Betreuung sei dank.

Die Senevita ist ein privater Anbieter, eine Aktiengesellschaft, also gewinnorientiert – «langfristig gewinnorientiert», korrigiert Lüthi. Sie wolle sich als Qualitätsanbieter positionieren; dafür sei «der Schlüssel ein guter Ruf», der nur dann erreicht werden könne, wenn auch das Produkt überzeugt. Die AG aus Muri bei Bern betreibt auch Institutionen im Leistungsauftrags-Verhältnis, etwa in der Gemeinde Erlenbach. In Dietikon jedoch agiert sie unabhängig.

«Preis und Qualität entscheiden»

Die Senevita mit ihren landesweit 1400 Klienten in 18 Betrieben ist einer von mehreren privaten Anbietern in der Schweiz, die in einen Markt vordringen, der traditionellerweise von den Gemeinden bespielt wurde. Dem neuen Wettbewerb müsse man sich stellen, sagt Christoph Schwemmer, Leiter des Dietiker Alters- und Gesundheitszentrums AGZ. «Der Kunde hat heute mehr Wahlmöglichkeiten; Preis und Qualität entscheiden über die Auslastung», sagt er. Grundsätzlich sei das keine schlechte Entwicklung, zudem hat der Kanton diesen Grundsatz auch der neuen Pflegefinanzierung zugrundegelegt.

Völlig unproblematisch findet er das Ganze dennoch nicht. «Es wird sich zeigen, ob es nicht früher oder später zu einem Überangebot kommt.» Diese Befürchtung teilt der Schlieremer Alters- und Gesundheitsvorstand Christian Meier (SVP). Denn im Gegensatz zu Lüthi nehmen die beiden zurzeit keinen Mangel an Plätzen im Limmattal wahr. Zwar habe es in Dietikon während des Um- und Erweiterungsbaus des 2012 neu eröffneten Ruggackers Engpässe gegeben, so Schwemmer. Doch seit einiger Zeit hielten sich Angebot und Nachfrage in der Region etwa die Waage. «Die Lage hat sich in den letzten Monaten entspannt», sagt Schwemmer. Auch Meier sagt: «Zurzeit haben wir genug Plätze.»

Bei Bedarfs-Prognosen müsse man zudem Vorsicht walten lassen, bemerkt Schwemmer. Ein Blick in die Statistik bestätigt zwar, dass auch im Bezirk Dietikon der Anteil der über 80-Jährigen an der Bevölkerung ungebremst steigt (siehe Grafik). Dennoch sei nicht auszuschliessen, dass der schweizweit erwartete Pflegebedarfs-Anstieg aufgrund der soziodemografischen Struktur im Limmattal gar nicht zum Zug komme. Schwemmer spricht vor allem vom grossen Anteil von Leuten mit Migrationshintergrund: «Es ist unklar, wie viele von ihnen institutionalisierte Pflege beanspruchen werden», sagt er. Viele würden im Alter in ihr Herkunftsland zurückkehren oder sich lieber in der Familie pflegen lassen.

Betreuung ist Kostenfrage

Ein Angebot, das die Nachfrage übersteigt, sollte für die Kunden aber doch ein Vorteil sein: Steigt mit der Auswahl nicht auch die Qualität? Meier sagt zwar: «Wettbewerb ist immer auch eine Chance.» Dennoch mahnt er zur Vorsicht. «Mit mehr Wettbewerb steigt auch der Kostendruck», sagt er, und zwar nicht unbedingt zum Wohl der Klienten: Die Gefahr bestehe, dass im selben Zuge «mit einem Minimum an Leistung ein Maximum an Profit herausgeholt werden soll» – ein Mechanismus, den er im Bereich Alterspflege als heikel erachtet.

Denn automatisch günstiger, so Meier, werde es auf dem freien Betreuungsmarkt nicht. Er beobachte sogar das Gegenteil: «Preislich steigen private Anbieter eher oben ein – sie wollen tendenziell diejenigen abholen, die es sich auch leisten können.» Als Gemeinde fühle sich Schlieren demgegenüber verpflichtet, auch das Unterkommen «von weniger gut betuchten älteren Leuten zu gewährleisten».

Dabei geht es nicht nur um die Pflegekosten. Denn diese fallen für die einzelnen Bewohner weniger ins Gewicht; an ihnen beteiligen sich die Gemeinden und Krankenkassen oder decken sie bis zu dem vom Kanton vorgegebenen Normdefizit gar. «Für die Klienten sind die Kosten von Hotellerie und Betreuung ausschlaggebend», so Schwemmer. Im AGZ betragen diese im Altersheim und den Pflegeabteilungen je nach Pflegegrad und Zimmerart 140 bis 210 Franken pro Tag.

In den Schlieremer Pflegeangeboten sind es zwischen 139 und 194 Franken und im Pflegezentrum des Spitals Limmattal 191 bis 231 Franken; in der Senevita gilt die Pauschale von 205 Franken pro Tag, ungeachtet der Pflegestufe. Zudem müssen jeweils noch zusätzliche Angebote berappt werden: Je nach Institution können das etwa Mahlzeiten, Wäscheservice oder Telefon- und TV-Anschlüsse sein. Noch einmal ganz andere Preisstrukturen gelten bei den Angeboten des betreuten Wohnens.

Preiskampf unter Anbietern

Meier stellt mit Unbehagen fest, dass sich auch in Schlieren Private umschauen. «Ich begrüsse es nicht, wenn unter den Anbietern ein Preiskampf ausbricht», sagt er. Bei Schwemmer tönt es diplomatischer: «Wir nehmen zur Kenntnis, dass mit Senevita ein Mitbewerber den Betrieb aufnimmt und sind bestrebt, weiterhin gute Leistungen anzubieten.»

Dem Wettbewerb müssen sich die Anbieter auch im Bereich Personal stellen. Michael Lüthi spricht von einem «ausgetrockneten Markt». Für die Besetzung der rund 85 Senevita-Mitarbeitenden werbe man im Sinne der Fairness aber keine Leute aktiv ab, versichert er. Dem AGZ Dietikon steht kein Exodus bevor, sagt Schwemmer: «Wir haben zurzeit keine Vakanzen. Generell haben wir eine tiefe Personalfluktuation.» Auch in Schlieren hat sich die bevorstehende Eröffnung der Senevita laut Meier nicht in Kündigungen bemerkbar gemacht. Man beobachte aber schon länger, dass neu eröffnete Zentren für Bewerber attraktiver seien – und sie diesen gegenüber etwa dem in die Jahre gekommene Sandbühl schon einige Male den Vorzug gegeben haben.