Zürcher Obergericht

«Können Sie voraussagen, wie das Urteil heute ausfällt?»

Der Hellseher täuschte seine Kunden mit ungültigen Rechnungen. (Symbolbild)

Der Hellseher täuschte seine Kunden mit ungültigen Rechnungen. (Symbolbild)

Ein langjähriger Hellseher hat von einer Limmattaler Gemeinde aus zahlreiche frühere Kunden mit ungültigen Rechnungen um über 100 000 Franken geprellt. Dafür kassierte er jetzt eine teilbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren.

«Können Sie voraussagen, wie das Urteil heute ausfällt?», wollte der Gerichtsvorsitzende Peter Marti vom heute 43-jährigen Wahrsager am Donnerstag zum Prozessauftakt wissen.

«Ich habe ein Wunschdenken, doch meine Intuition sagt mir etwas anders», antwortete der Parapsychologe und sollte zum Schluss mit seinen pessimistischen Gefühlen Recht bekommen.

So wurde er wie bereits am Bezirksgericht Dietikon wegen gewerbsmässiger Erpressung, Nötigung sowie falscher Anschuldigung zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. 314 Tage davon unbedingt, die er allerdings bereits mit der Untersuchungshaft verbüsst hat.

Der einzig Trost für den Beschuldigten: Die Oberrichter machten ihm klar, dass es bei einer Berufung der Staatsanwaltschaft zu einer deutlich höheren Freiheitsstrafe gekommen wäre. Da die Anklagebehörde bloss die Bestätigung des Dietiker Verdiktes verlangt hatte, durfte das Obergericht nicht höher gehen.

Kunden erpresst

Das Obergericht sah viele der Vorwürfe als erwiesen an. Demnach hatte der Beschuldigte von einer Limmattaler Gemeinde aus über mehrere Jahre hinweg Dutzende von früheren Kunden mit frei erfundenen und nicht berechtigten Rechnungen eingedeckt.

Dabei drohte er den Opfern nicht nur mit Betreibungen, sondern auch mit Enthüllungen von intimen Gesprächen. Viele der eingeschüchterten Geschädigten gaben dem Druck nach und überwiesen dem Täter insgesamt über 104 000 Franken. Die Staatsanwaltschaft ging sogar von 156 000 Franken aus. Bei weiteren 131 000 Franken blieb es beim Versuch.

Schuld auf andere geschoben

Vor dem Obergericht beteuerte der Wahrsager seine Unschuld und liess seinen Verteidiger in einem mehrstündigen Plädoyer auf Freisprüche plädieren. Die Taktik des Unternehmers war einfach. Er schob die Verantwortung der begangenen Straftaten auf andere Personen ab.

So erzählte der Beschuldigte etwa von einem väterlichen Freund namens Sigi, der mitverantwortlich sei. Auch seine frühere Limmattaler Rechtsanwältin beschuldigte er. Sie habe ihn mit Mafia-Typen aus Kalabrien bedroht. Der Beschuldigte redete dabei wie ein Wasserfall und stellte damit die Geduld der Oberrichter auf eine harte Probe.

Mies und fies

Die Oberrichter kauften dem Hellseher seine Geschichten nicht ab. Den Freund Sigi erachteten sie als eine rein fiktive Person. Die Rechtsanwältin habe sich korrekt verhalten. Das Vorgehen des Beschuldigten stuften die Oberrichter dagegen als mies und fies ein. Seine Aussagen seien zudem völlig wirr ausgefallen, erklärte der Gerichtsvorsitzende Peter Marti.

Mit den bestätigten Schuldsprüchen wurde der heutige Lebensberater verpflichtet, diversen Geschädigten einen Schadenersatz von mehreren 10 000 Franken zu bezahlen.

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