Im nördlichen Gebäudeteil des Restaurants Ochsen stehen heute perfekt gedeckte Tische. Ein paar rote Laternen und Bilder mit typisch chinesischen Sujets verleihen dem in Weiss gehaltenen Raum Farbe. Es ist ein üppig heisser Nachmittag und Qiulin Luo bereitet sein Restaurant für den Abend vor, bevor es in die Zimmerstunde geht. Seit Mai wirtet er gemeinsam mit der Pächterfamilie Garcia — im restlichen Lokal bietet diese noch immer spanische wie auch schweizerische Gerichte an — im «Ochsen» und fühlt sich sichtlich wohl dabei.

Einen Namen machte sich Luo mit seinem ehemaligen Restaurant im Hotel Continental an der Stampfenbachstrasse in Zürich. Über zehn Jahre hinweg verlieh ihm «Gault Millau» jährlich 13 Punkte, was sich schnell herumsprach. Bilder in einer Glasvitrine, die im Dietiker Restaurant gleich beim Eingang steht, bezeugen, dass Luo bereits viele Prominente bewirtet hat. Neben Alt-Bundesrat Adolf Ogi, Operndiva Cecilia Bartoli oder Star-Designerin Christa de Carouge finden sich viele chinesische Bekanntheiten. Mehrheitlich aus den Sparten Politik und Wirtschaft, denn der Weg ans WEF führte für viele an der Stampfenbachstrasse vorbei. Einen besonders treuen Stammgast fand Luo im Star-Pianisten Lang Lang. Wenn dieser etwa für ein Konzert in Zürich weilt, dann bestehe er darauf, jede Mahlzeit bei Luo einzunehmen — auch das Frühstück. Dies bietet Luo jedoch nicht an.

Luo wurde 1957 in Schanghai geboren. Die Leidenschaft fürs Kochen erbte er von seinem Vater, der als Ingenieur arbeitete und die Familie stets bekochte. «Dass ich eine Kochausbildung mache, kam für ihn jedoch nie infrage», sagt Luo. Zu wenig Ansehen habe dieser Berufsstand in den Augen seines Vaters gehabt. So studierte Luo chinesische Literatur, arbeitete jedoch anschliessend in der Mensa einer Fabrik. 1988 zog er zu Studienzwecken mit seiner Frau Huamei ins Wallis, wo er den Kochlöffel auch nicht an den Nagel hängen konnte und mit der Zeit voll und ganz auf die Karte Starkoch setzte.

Kochbuch mit Irma Dütsch

Ein erster Höhepunkt dürfte die Anstellung als Gastkoch in einem Mehrsternerestaurant im Walliser Grächen gewesen sein. Starköchin Irma Dütsch, die eines Abends das Lokal besuchte, war zu Beginn sehr kritisch: Wolle sie chinesisches Essen, dann gehe sie nach China, soll sie im Vorfeld gesagt haben. «Nachdem Dütsch jedoch die ersten Happen gekostet hatte, bestellte sie erst Supplements, anschliessend verlangte sie noch andere Gerichte. Sie ass unglaublich viel», erzählt Luo, während sein Blick in die Ferne schweift. Ihr schmeckten seine Speisen so gut, dass sie den Koch dahinter kennen lernen wollte. «Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wer sie ist», sagt Luo und fügt an, dass sich seither eine Freundschaft zwischen ihm und der Grande Dame der Schweizer Spitzenküche entwickelt habe. In Dütschs Kochbuch «Amitié Gourmande» aus dem Jahr 2007 steuerte Luo einige Gastrezepte bei. Sein Ruf als asiatischer Spitzenkoch zementierte sich allmählich.

Kritiker kommen nach Dietikon

Das Bedürfnis, sesshaft zu werden und ein eigenes Restaurant zu eröffnen, führte Luo und seine Familie im Jahr 2003 nach Dietikon, wo er seither wohnt. Ein Jahr darauf feierte sein Restaurant in Zürich Eröffnung. Der Mietvertrag wurde jedoch nach zehn Jahren gekündigt mit dem Verweis, dass dort ein Fitnessstudio einziehen würde. «Das war für mich die Gelegenheit, etwas Neues zu starten. Etwas, das auch in meiner Nähe ist. Mein Wohnort Dietikon schien mir perfekt», sagt Luo. So schlug er «Ochsen»-Pächter Luis Garcia kurzerhand eine Zusammenarbeit vor. Dieser war von der Idee begeistert: «Nun können wir unseren Gästen eine grosse Bandbreite an Gerichten auf hohem Niveau bieten», sagt er.

Hatte Luo keine Angst, dass seine über zehn Jahre stetig angewachsene Stammkundschaft den Weg nach Dietikon nicht unter die Füsse nehmen wird? «Doch», sagt er. Einige seiner langährigen Gäste hätten ihm auch klipp und klar gesagt, dass sie nicht zu ihm in die Agglomeration kommen werden. «Dies hat sich jedoch als falsch erwiesen», sagt er lachend und ergänzt, dass die schärfsten Kritiker seiner Standortwahl bereits mehrmals in Dietikon zu Gast waren.

Dabei hat sich für den Kunden auch ein grosser Vorteil ergeben: «Hier in Dietikon sind unsere Gerichte günstiger, als sie es in Zürich waren.» Luo verweist darauf, dass er sich den in der Region üblichen Preisen habe anpassen müssen. «Da ich mit dem Herzen koche, sind mir tiefere Preise ohnehin lieber», sagt der Gastronom. So bietet er zwei Frühlingsrollen für 8 Franken an, vier gebackene Ravioli — eine seiner Spezialitäten — gibt es für 9 Franken. Eine weitere Spezialität, sein scharfes Crispy Beef, serviert er für 36 Franken.

Der Schweizer Esskultur ist Luo nicht abgeneigt. «Fondue und Raclette koche ich allerdings ausschliesslich zu Hause.» Wie sich die Zusammenarbeit der beiden Vollblut-Gastronomen entwickeln wird, lassen Garcia und Luo offen. Der Trend der Fusion-Küche, also die Kombination von unterschiedlichen Esskulturen, würde sich hier anbieten. «In der Tat ist dies eine verlockende Idee», sagt Garcia, während ihm Luo mit einem Nicken beipflichtet. Fast so, als hätte er schon eine Vielzahl Menüideen, bei denen chinesische auf spanische und schweizerische Spezialitäten treffen.