Dübendorf

Knirpse stehen als Werbeschauspieler vor der Kamera

Kinder mit feuerroten Haaren sind in der Werbeindustrie beliebt.

Kinder mit feuerroten Haaren sind in der Werbeindustrie beliebt.

Eine Dübendorfer Firma hilft Eltern seit drei Jahren, ihre Kinder aufs Filmset oder in die TV-Werbung zu bringen. Das Geschäft mit den Jungtalenten läuft je länger, je besser.

Beim Film ist es so, dass man nie in die Kamera schauen darf.» Das weiss der siebenjährige Justin, seit er kürzlich für eine Nebenrolle im Film «Achtung, fertig, WK!» vor der Kamera stand. Worum es im Nachfolger des Kinohits «Achtung, fertig, Charlie!» geht, weiss Justin nicht mehr so recht, auch nicht, was ein «WK» ist. Aber das mit der Kamera, das hat er nicht vergessen.

Justin sitzt auf einer Holzbank im kleinen Garten einer grossen Überbauung irgendwo am Zürichsee. Vor ihm steht ein Teller mit Schokoladenkeksen, den er mit der Hilfe seiner sechsjährigen Schwester Leonie im Schnellzugtempo leert. Mit vollem Mund erzählt er von seinem Hobby, dem Breakdancen, und davon, wie er jeweils hinter dem Haus mit dem Trottinett herumtobt. Auf die Schrammen, die er sich dabei geholt hat, ist er stolz. Und er erzählt vom Drehen, von seinem Filmbruder, der ebenso rote Haare hat wie er selbst, und dass sogar seine Lehrerin gesagt habe, sie wolle sich «Achtung, fertig, WK!» anschauen.

Ins Rampenlicht katapultiert wurde Justin von «kinderagenturswiss.ch», einer Agentur aus dem Glatttal, die darauf spezialisiert ist, Buben und Mädchen an die Werbe- und Filmindustrie zu vermitteln. Die Agentur gehört der Dübendorferin Sandra Kissling. Sie hat das Unternehmen vor gut drei Jahren gegründet. Seither hat sie enormen Zulauf von Müttern und Vätern, die ihre Kinder gerne einmal von einer Plakatwand lächeln sähen. Mehrere hundert Kinder führt Kissling inzwischen in ihrer Kartei, vom Baby bis zum Teenager. Die genaue Zahl verrät sie nicht.

Feuerrote Haare sind gefragt

Beatrice M. ist die Mutter von Justin und Leonie. Nachname und Wohnort bleiben zum Schutz der Kinder geheim. Sandra Kissling hat die Familie im letzten Sommer kennen gelernt, als sie in einem Shoppingcenter auf Werbetour war. Sofort fielen ihr die Kinder mit den feuerroten Haaren auf – eine Seltenheit, die im Werbebusiness gefragt ist. Das sagte sie auch Beatrice M.. Diese meldete ihre Kinder bald darauf bei der Agentur an. «Ich dachte: Warum nicht? Schon viele Leute hatten mir gesagt, unsere Kinder seien so hübsch.»

Auf Kisslings Portal stehen von jedem Kind fünf Fotos. Ansehen können sie nur registrierte Kunden, die für Filme, Theater oder Werbekampagnen Kinder suchen. Bei Justin und Leonie liessen die Anfragen nicht lange auf sich warten. Leonie wurde für das Video einer Sportartikelfirma gecastet, Justin für eine Swisscom-Werbung. Sie gewann ihr Casting, er ging leer aus. «Damals war ich mega enttäuscht», sagt er. Inzwischen hat er gelernt, mit Absagen umzugehen: «Wenn ich nicht gewinne, ist das nicht, weil ich schlecht war. Sondern es hat einfach etwas nicht gepasst, zum Beispiel meine Stimme», erklärt er. Auch die Nervosität hat er nun im Griff. Vor Castings habe er nicht mehr so starkes Herzklopfen wie noch am Anfang.

Spielzeug kaufen mit dem Lohn

Monatlich finden bis zu 60 Castings statt, an denen Kinder von Kisslings Agentur teilnehmen. Zu sehen sind sie danach etwa in Spots von Migros, Ricola und den SBB, im Udo-Jürgens-Musical, auf der Bühne des Schauspielhauses und im «Tatort». Gefragt seien nicht die hübschesten Kinder, sagt Kissling, sondern Charaktergesichter. Immer öfter würden auch ganze Familien gecastet. Damit verdienen alle Beteiligten gutes Geld. Die Kinderdarsteller kassieren pro Drehtag zwischen 200 und 600 Franken, manchmal auch mehr. Von der Gage gehen 20 Prozent an Sandra Kissling, die den Eltern für den Platz auf dem Portal zusätzlich 100 Franken pro Kind und Jahr verrechnet. Die Kinder von Beatrice M. durften sich von ihrem Lohn ein Spielzeug kaufen. Den Rest zahlten die Eltern auf ein Konto ein. Justin und Leonie haben bisher je drei Castings absolviert, weitere stehen bevor.

Das Posieren haben die beiden Rotschöpfe längst verinnerlicht. Als der Zeitungsfotograf die Kamera auspackt, sind sie sofort bei der Sache. Noch bevor Blende und Blitz eingerichtet sind, werfen sie sich in Pose, Hand in Hand, Arm in Arm, er cool, sie herzig – ein Geschwisterpaar, wie man es sonst eben nur in der Werbung sieht.

Kinder sollen selbst entscheiden

Im Hintergrund beobachtet Beatrice M. die Szene, sie fiebert mit, wie sie das auch bei Castings und Drehs tut. Sie sei immer beeindruckt, wie viel Ausdauer ihre Kinder haben, sagt sie. Immer wieder die gleiche Szene, der gleiche Satz, bis der Regisseur zufrieden ist. «Ich bin aber nicht eine, die pusht, die den Kindern sagt, jetzt musst du so lächeln oder so hinstehen», sagt sie. Währenddessen fährt sie ihrem Sohn durch die Haare und legt ihrer Tochter eine widerspenstige Locke zurecht. «Cheese», ruft sie. Als der Auslöser klickt und als Justins abgeklärter Blick einem wohldosierten Lächeln weicht, lobt sie: «Das sieht gut aus, wenn deine Lippen geöffnet sind.» Auch Agenturchefin Kissling betont, die Kinder dürften stets selbst entscheiden, wo sie mitmachen. Zumindest gilt das für jene, die alt genug sind, um Ja oder Nein zu sagen. Zwei Mal wurde Kissling bisher von einem Kunden darauf hingewiesen, dass eine Mutter ihr Kind beim Casting zu sehr gedrängt habe. «Mit beiden Müttern habe ich sofort Kontakt aufgenommen», sagt sie. Eine hat die Agentur darauf verlassen.

Als Leonie im Kindergarten erzählte, dass sie in einem Werbespot zu sehen sei, applaudierte die ganze Klasse. Justin wurde von den Kollegen nach dem Dreh mit unzähligen Fragen gelöchert, die er aber nicht beantworten darf, bevor der Film im Kino zu sehen ist. Die Geschwister geniessen die neue Aufmerksamkeit. «Plötzlich wollten alle mit mir spielen», sagt Leonie. «Ich denke, es ist gut für ihr Selbstbewusstsein», sagt ihre Mutter. Und Justin fragt: «Machen wir jetzt bald Autogrammkarten?»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1