Dietikon
Knaben sollen in der Schule Dietikon nicht benachteiligt sein

Die Schule Dietikon will Knaben wie Mädchen gerecht werden – auch wenn in der Primarstufe 83 Prozent Frauen unterrichten. Dabei geht es um Gerechtigkeit, nicht um Gleichheit.

Bettina Hamilton-Irvine
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Ein Lehrer unterrichtet in der Schule Steinmürli. Auf Primarstufe werden Bewerbungen von Männern bei gleichwertiger Qualifikation bevorzugt.

Ein Lehrer unterrichtet in der Schule Steinmürli. Auf Primarstufe werden Bewerbungen von Männern bei gleichwertiger Qualifikation bevorzugt.

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Früher waren die Mädchen in der Schule benachteiligt. Lange Zeit blieb ihnen der Zugang zu Bildung weitgehend verwehrt, dann mussten sie für den Zugang zu Kantonsschulen kämpfen, zu Universitäten oder dafür, dass sie naturwissenschaftliche Fächer besuchen durften.

Jetzt hat der Wind gedreht – das zumindest ist die Meinung vieler und ein Thema, das in den letzten Jahren medial viel Aufmerksamkeit fand. So fragte das Magazin «Geo» einst «Jungs – werden sie die Sorgenkinder der Gesellschaft?», während der «Spiegel» titelte: «Schlaue Mädchen, dumme Jungen», und der «Beobachter» meinte schlicht: «Buben sind die Dummen».

Auch in Dietikon beschäftigt das Thema. Die «Gleichmacherei» der Geschlechter habe in vielerlei Hinsicht zur Benachteiligung der Knaben geführt, findet SVP-Gemeinderat Roger Bachmann, der den Stadtrat daher um eine Stellungnahme zum Thema bat. Nicht zuletzt führe «der Ausbau an Überangeboten im Bereich der Heil- und Sonderpädagogik» dazu, dass die Kosten aus dem Ruder laufen würden, so Bachmann – wobei er annimmt, dass mehr Knaben von diesen Massnahmen betroffen sind.

Mädchen und Knaben fördern

Tatsächlich zeigt die Statistik, dass mittlerweile 60 Prozent der Maturabschlüsse von Frauen gemacht werden. Zudem ist auch der Anteil an Knaben in Einschulungsklassen, Aufnahmeklassen, Kleinklassen, Sek B und C und im Bereich der Sonderschulungen überproportional hoch. Wie der Stadtrat in seiner Antwort auf Bachmanns Interpellation schreibt, ist dies auch in Dietikon der Fall.

Während Bachmann wissen wollte, was in Dietikon unternommen wird, um den Bedürfnissen der Knaben gerecht zu werden und diese entsprechend zu fördern, legt der Stadtrat Wert auf die Feststellung, dass Mädchen und Knaben gleichermassen gefördert werden sollen. Dass der Unterricht die individuellen Begabungen und Neigungen der Kinder zu berücksichtigen habe, sei schon im Volksschulgesetz festgehalten.

Auch in Dietikon sei man «bemüht, Knaben genauso gerecht zu werden wie den Mädchen», hält der Stadtrat fest. Die Schule sei jedoch schon beim Schuleintritt mit Kindern konfrontiert, die unterschiedlich sozialisiert seien. «Es wäre vermessen, zu glauben», schreibt der Stadtrat, «dass die Schule diese unterschiedlichen Voraussetzungen auszugleichen vermag.»

Zwar könne man Defizite mildern. Die Bedingungen seien jedoch niemals gleich, weshalb man nicht von einer Chancengleichheit sprechen könne. Eine Chancengerechtigkeit hingegen sei anzustreben: Diese bedeute, die Unterschiede zu anerkennen und im Unterricht die individuellen Begabungen und Neigungen der Kinder zu fördern. Mit gezielten Massnahmen sei es so möglich, das Potenzial der Kinder auszuschöpfen, so der Stadtrat.

Dietikon liegt im Durchschnitt

Dass die Schule Dietikon der Feminisierung des Lehrberufes entgegenwirken kann, wie dies Bachmann vorgeschlagen hatte, erachtet der Stadtrat nicht als realistisch. Schliesslich zeigt sich rundum ein ähnliches Bild: In Dietikon beträgt der Anteil an Primarlehrerinnen 82,9 Prozent, während es im kantonalen Durchschnitt 85,9 Prozent sind. In der Sekundarstufe gleicht sich das Verhältnis wieder aus: Dort beträgt der Anteil an Lehrerinnen in Dietikon 42,6 Prozent, im Kanton 43 Prozent.

Wünschen würde sich der Stadtrat in der Primarstufe aber auf jeden Fall eine grössere Ausgewogenheit. Man behandle dort Bewerbungen von Männern bevorzugt, wobei das Geschlecht aber nie der ausschlaggebende Faktor sein dürfe, schreibt er. Eine Trendwende ist jedoch nicht in Sicht, denn auch an den pädagogischen Hochschulen ist der Frauenanteil sehr hoch.

Für den Stadtrat gibt es daher nur eine Lösung: Die Schule werde weiterhin Mädchen wie auch Knaben gezielt fördern, «und zwar unter Berücksichtigung der durchaus unterschiedlichen Bedürfnisse von Knaben und Mädchen, unabhängig davon, ob sie kulturell oder genetisch bedingt sind».