Ein Mann mit Schnauz steht kopfschüttelnd vor dem Klubhaus des FC Engstringen. Es ist Santiago Diaz, der Wirt des Klubhauses, des sogenannten Hüttli. Er blickt dabei auf das Zelt, das eigentlich über den Festbänken aufgestellt sein sollte, jetzt aber auf einer Seite am Boden liegt. Einige Metallstützen sind umgeknickt. Der Wind? «Nein, Luusbuäbä», sagt der Spanier, der nicht zum ersten Mal mit Vandalenakten konfrontiert ist.

Herr Diaz, wird oft randaliert?

Santiago Diaz: Es kommt vor, ja. Einmal hatte ich drei Säcke voller PET-Flaschen. Die sind alle ausgeleert worden und lagen um das Hüttli verstreut. Solche Sachen halt.

Lohnt es sich finanziell, ein Klubhaus zu führen?

Wenn Sie sich die Stunden anschauen, die ich hier verbringe: niemals. Das wusste ich aber von Anfang an.

Wie viele Stunden pro Woche wenden Sie für das Hüttli auf?

Während der Woche im Schnitt 20 Stunden. Am Wochenende hängt es natürlich stark von der Anzahl von Spielen ab. Es können insgesamt schnell mehr als 40 Stunden pro Woche werden.

Früher war es üblich, dass Auswärtsteams im Klubhaus des Gegners einkehrten. Wie ist das heute?

Es kommen schon viele – mehr als vom FC Engstringen jedenfalls (lacht).

Sie kriegen wahrscheinlich vieles mit. Etwa, wenn über Trainer gelästert wird.

Das ist so. Aber mich interessieren diese Dinge nicht und sie gehen mich auch nichts an. In Spanien sagt man: leben und leben lassen. Man soll seine Sache machen und sich nicht in die Angelegenheiten anderer einmischen.

Sprechen Sie viel mit den Gästen oder halten Sie sich bewusst zurück?

Wenn es die Zeit erlaubt, setze ich mich zu den Leuten und rede mit ihnen.

Wie sind Sie Wirt geworden?

Nach einem Spiel der ersten Mannschaft letztes Jahr kam Präsident Reto Keller auf mich zu. Er sagte, das wäre doch was für mich. Ich sagte, das stimmt – aber mehr im Scherz. Eines Tages kam mein Sohn Dave zu uns nach Hause und fragte, ob ich das Hüttli übernehme, er habe davon gehört. Ich reagierte nicht darauf, doch ein paar Wochen später meldete sich Reto wieder. Ich sagte ihm, dass ich schon 14 Stunden täglich arbeite und einfach keine Zeit dafür habe. Genau in diesem Moment rief mich meine Schwiegertochter an, Reto nahm das Telefon und sprach mit ihr. Schliesslich überzeugten mich die beiden.

Wie war Ihnen zumute, als es kein Zurück mehr gab?

Ich hatte etwas Angst davor, dass mich die Leute nicht verstehen. Auf Spanisch wäre es kein Problem, aber auf Deutsch habe ich Mängel. Aber das hat sich nicht bewahrheitet. In den ersten zwei Monaten war es so ruhig, dass ich Zweifel hatte, ob ich überhaupt genug Umsatz machen würde, damit es dem FC etwas bringt. Danach ging es immer besser, heute bin ich zufrieden.

Haben Sie vorher bereits Erfahrungen in der Gastronomie gesammelt?

Ich arbeitete früher mal in der Gastronomie. In Spanien eröffnete ich vor kurzem ein Restaurant für einen Neffen. Aber ein Experte bin ich deshalb nicht. Das muss ich aber auch nicht sein im Hüttli.

Was haben Sie als Erstes gelernt?

Am Anfang hatte ich unter der Woche täglich von 17.30 bis 22 Uhr geöffnet. Meistens sass ich allein hier. Nach ein paar Wochen entschloss ich mich dazu, nur noch so lange offen zu haben, wie die Junioren trainieren. Es macht keinen Sinn, für mich allein Strom zu verbrauchen.

Wie lange wollen Sie das machen?

Ein zweites Jahr sicher, das habe ich Reto Keller versprochen. Danach werden wir weitersehen.

Jeder Klubhauswirt bringt meist auch eigene Spezialitäten mit ein. Welche sind Ihre?

Spanische, natürlich. Ein paar Mal haben wir Paella gemacht. Aber im Normalfall haben wir das übliche Angebot: Grillspeisen, etwas aus der Fritteuse. Seit zwei Monaten haben wir auch Pouletflügeli vom Grill auf der Karte. Die laufen besonders gut.

Die Pouletflügeli sind also der bestverkaufte Artikel?

Nein – das ist ganz klar der Hamburger. Ich bin mir sicher: Wenn wir einen so guten Standort hätten wie McDonald’s, würden wir mehr Hamburger verkaufen als die. Meine Gäste sagen, es seien die besten Hamburger überhaupt.

Verraten Sie uns Ihr Geheimnis?

Es gibt keines. Ich mache nichts Spezielles, auch die Saucen sind fertig gekauft. Vielleicht ist der Grund, dass sie frisch und direkt vor den Augen der Leute gemacht werden. Es ist nichts vorbereitet oder aufgewärmt.

Wie sieht die Verkaufsstatistik bei den Getränken aus?

Die Nummer eins ist Bier, ganz klar.

Bei Ihnen im Kühlschrank findet man auch Bier einer spanischen Marke. Ihr Einfluss?

Ein paar Leute haben danach gefragt, natürlich habe ich es dann eingekauft. Das gilt auch für spanische Brandys.

Die Tagesumsätze unterscheiden sich wahrscheinlich sehr.

Allerdings. Ich habe nie mehr so viel verkauft wie am allerersten Tag. Ich dachte noch, ich hätte zu viel gekauft. Aber am Ende war alles aufgebraucht: 50 Kalbsbratwürste, 25 Schweinsbratwürste, 25 Cervelats, 36 Hamburger, 5 Kilogramm Pommes und Chicken Nuggets. Ausserdem Bier und Wein – alles. Ich musste am Schluss einigen Leuten sagen, dass es nichts mehr gibt. Das ist mir nie wieder passiert. Aber mit dem Bier ist es immer wieder schwierig, dazu fällt mir eine Geschichte ein – gopferdami!

Erzählen Sie!

Wir hatten mal einen Anlass, an dem eine einzelne Gruppe den Grossteil von zwölf Harassen getrunken hat, alles Halbliter. Ein anderes Mal kam die gleiche Gruppe wieder und bestellte nur kleine Biere. Man weiss als Wirt nie, was einen erwartet.

Waren Sie schon in vielen anderen Klubhäusern der Region, um ein wenig zu spionieren?

Ich fuhr nicht extra hin. Wenn aber die erste Mannschaft irgendwo spielte, sah ich mir im Hüttli die Preise an für einen Vergleich. Ich kann sagen: Hier ist es am günstigsten.

Würden das die anderen Klubhauswirte bestätigen?

(grinst) Ja, da bin ich sicher.

Macht Ihnen die Aufgabe Spass?

Wissen Sie, zu der Zeit, zu der ich hier bin, würde ich wahrscheinlich zu Hause auf dem Sofa sitzen und einschlafen oder im Garten arbeiten. Ich kann genauso gut hier sein. Es gibt immer etwas zu tun.

Machen Sie das alles allein?

Nein, das würde ich nicht schaffen. Am Wochenende helfen meine Frau und meine Schwiegertochter mit, wenn es viel zu tun gibt.

Wie oft mussten Sie schon zu später Stunde Gäste vor die Tür setzen?

(lacht) Ich musste bisher noch nie jemanden rauswerfen.

Dann haben Sie geöffnet, bis der Letzte gegangen ist?

Es gibt keine festen Öffnungszeiten. Aber meistens bleiben die Leute nicht lange. Die Spiele am Wochenende sind nicht so spät. Es ist bisher nie später geworden als halb eins.

Was würden Sie jemandem raten, der ein Klubhaus übernehmen will?

Das Wichtigste ist, freundlich zu den Menschen zu sein und sie zu verstehen versuchen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft im Hüttli?

Es wäre schön, wenn von den Aktivmannschaften mehr Spieler nach den Trainings zu mir kommen würden, statt vielleicht woanders hin zu gehen. Dabei geht es nicht um mich, sondern um den Verein, den sie damit unterstützen.

Das Wichtigste zum Schluss: Darf man als Klubhauswirt etwas offerieren?

Damit muss man vorsichtig sein. Man kann ausgewählten Personen schon etwas zahlen. Aber nur, wenn die Situation passt: Der Zeitpunkt ist entscheidend.