Noch nicht einmal einen Hund würde man bei diesem Wetter aus dem Haus jagen. Der Waldboden ist aufgeweicht, von schmelzendem Eis und Regen, er schmatzt an den Schuhsohlen.

Die Tropfen pitschen unablässig auf das tote Laub, das sich wie ein Schuppenpanzer über die Erde gelegt hat. Anita Weibel, Präsidentin der Naturschutzgruppe Bergdietikon, hängt sich den Feldstecher um den Hals und spannt den Schirm auf. Auf, auf, zur Schwarzspechtsuche.

Spaziergänger hatten der Naturschutzgruppe Bergdietikon von der Entdeckung berichtet: Unmittelbar neben dem Weg entlang des Egelsees, kurz vor dem Ausfluss, klaffe in einer Tanne ein gewaltiges Loch, darunter liege ein Haufen Späne. Auch der Specht wurde gesehen, rabenschwarz mit rotem Scheitel.

Ein einzelner Vogel – deswegen eine solche Aufregung? Der Schwarzspecht ist nicht irgendein Vogel. Er ist mit einer Körperlänge von rund 50 Zentimetern so gross wie eine Krähe und damit der grösste Specht Europas.

Römer waren beeindruckt

Riesengross stand er ausgestopft auf dem Lehrerpult, damals in der Primarschule. Rabenschwarz mit feuerrotem Scheitel. Beeindruckt hat er übrigens bereits die Römer; der Schwarzspecht war der Glücksbringer von Kriegsgott Mars. So ein Exemplar lebendig zu sehen, wäre in der Tat ein Erlebnis.

Selten ist er nicht unbedingt; im Jahr 2004 sollen laut Vogelwarte Sempach in der Schweiz 3000 bis 5000 Schwarzspechtpaare gelebt haben.

Aber er ist sehr scheu und wählerisch: In seinem 400 bis 800 Hektaren grossen Revier braucht er Höhlenbäume und viel Totholz, in dem er nach Ameisen, Käfer und Larven stochern und mit seiner langen, mit Widerhäkchen besetzten Zunge herausziehen kann.

Solche Voraussetzungen sind in den vergangenen Jahrzehnten in den gut aufgeräumten Schweizer Wäldern nur selten gegeben gewesen.

Auch im Bergdietiker Naturwaldreservat war er lange nicht mehr gesichtet worden, bis in den letzten Jahren immer wieder Löcher gefunden und Schwarzspecht-Rufe gehört wurden. Und dass er nun keine zwei Meter neben einem Spazierweg Bäume löchert, ist eine Freude für die Naturschutzgruppe.

Nichts regt sich entlang des Weges hoch zum Egelsee, in dem ganzen Nass; keine Maus, die im Laub raschelt, kein Reh, das verdutzt aufschaut. Noch nicht einmal die wenigen Vögel singen; sie hüpfen nur lustlos durchs Geäst.

Orchideen wachsen

Anita Weibel zeigt mal nach links, mal rechts. Da würden in ein paar Wochen wunderschöne Orchideen wachsen, dort drüben spriesse bald eine wunderbare Wiese. Sie ersehne den Frühling, sagt sie. «Winter und Schnee mag ich nicht.»

Plötzlich reisst sie den Feldstecher hoch, den sie um den Hals trägt, «da ist er!» Nein, kein Schwarzspecht. Vielmehr ein Greifvogel, der zwischen den Baumkronen entlang des gegenüberliegenden Ufers segelt.

Aber kein Milan und kein Bussard, dafür sei er zu hell, überlegt Weibel laut. «Es könnte also eine Habichtdame sein», kommt sie zum Schluss.

Da sind sie. Direkt neben dem Weg, nicht zu übersehen. Zwei grosse Löcher im Stamm einer Tanne, direkt übereinander. Etwa 40 Zentimeter hoch, rund 10 breit, als wären sie mit einer Stichsäge ins Holz gefräst worden.

Es sind vermutlich Futterhöhlen, keine Bruthöhlen. Seine Jungen aufziehen würde der Schwarzspecht nicht an einem solchen Spazierweg. Und ausserdem bevorzugt er für seine Bruthöhlen Buchen und nicht Tannen.

Specht lässt sich nicht blicken

Am Fuss des Baumes liegen die Holzspäne, noch ganz hell. Es scheint nicht lange her zu sein, seit der Specht hier gewerkt hat. Erwartungsgemäss lässt er sich aber nicht blicken und nichts von sich hören.

Obwohl man in den Beschreibungen liest, er sei ein ausgesprochen ruffreudiger Waldbewohner. «Kliööh» mache er, «kwui-kwui-kwui» und «krü-krü-krü». Doch am Egelsee bleibt es totenstill.

Weibel kramt ihr Handy aus der Tasche und lässt einen Schwarzspecht via Vogelstimmen-App in den Wald rufen. Ob das vielleicht einen anlockt?

Rückzug. Den Schwarzspecht haben wir nur auf einer Fotografie auf der Infotafel zum Naturwaldreservat gesehen. Aber wer weiss, vielleicht flattert Mitte Mai, wenn die Jungen flügge sind, dem einen oder anderen Spaziergänger am Egelsee ein Schwarzspecht über den Weg.