Sommerserie
Kleingärtner kämpfen allerorts um ihre Grünfläche

An einer Tagung in Zürich diskutieren Schrebergärten-Pächter aus ganz Europa über ihr Image. Der Saal ist fast voll. Etwa 40 Männer und Frauen hören Ton Thius zu, Vizevorsitzender des Holländischen Kleingärtnerverbands – er präsentiert das Konzept für die Tagungen von 2012 bis 2014.

Dominic Kobelt
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Schrebergärten werden oft an den Stadtrand verlagert. Viele Kleingärtner möchten aber Grünfläche nahe am Zentrum. bhi

Schrebergärten werden oft an den Stadtrand verlagert. Viele Kleingärtner möchten aber Grünfläche nahe am Zentrum. bhi

Jedes Jahr treffen sich Kleingärtner aus ganz Europa zum Austausch, dieses Jahr in Zürich. An der Wand des grossen Tagungssaals im Hotel Krone Unterstrass hängen eine Schweizerfahne und eine Fahne des SFVG, des Schweizerischen Familiengarten-Verbands – grüner Grund, darauf ein gelber Kreis und eine rote Blüte mit Schweizerkreuz. Thema der Tagung ist das Bild vom Kleingartenwesen in Öffentlichkeit, Medien und Politik.

Mehr Bewohner, weniger Gärten

Kurz vor zehn Uhr beginnt das Referat von Ernst Tschannen, Direktor von Grün Stadt Zürich. Er spricht auf Deutsch, englische Übersetzungen liegen auf den Tischen, eine Frau aus Polen übersetzt für einen Kollegen simultan. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Polen, Holland, England und Luxemburg angereist.

«Welches Bild haben die Familiengärten in der Öffentlichkeit?», fragt Tschannen und kommt damit gleich zum Thema seines Vortrages. Es würde immer wieder mehr Raum für Wohnungen oder für Sportanlagen gefordert. Dabei gerieten auch Kleingärten ins Visier, sagt Tschannen. «Wir haben in Zürich 110 Fussballplätze, die Sportler hätten gerne doppelt so viele.» Die Entwicklung über die letzten Jahre zeige, dass die Bevölkerung wachse und die Anzahl Gärten abnehme, sagt Tschannen. «Das knappste Gut in Zürich ist Land.» Es gebe aber auch positive Entwicklungen: «Die Hemmschwelle, den Kleingärtnern etwas wegzunehmen, ist in den letzten Jahren stark gestiegen.»

Traktor- statt Kriegsspiele

Tschannen erklärt den Seminarteilnehmern die Zonenplanung in Zürich: «In der Zwischenzeit sind fast alle Schrebergärten in Familiengarten-Zonen und nicht mehr in gewöhnlichen Bauzonen. Wenn ein solcher Schrebergarten überbaut werden soll, dann erfordert das eine Umzonung.» Dies bringe eine gewisse Sicherheit, so Tschannen. Dieser Erfolg sei das Ergebnis eines harten Kampfes. Kämpferisch geht es in seinem Vortrag weiter: «Was früher Kriegsspiele gewesen sind, das sind heute PC-Spiele, in denen man Traktor fahren und Felder pflügen kann», sagt der Direktor von Grün Stadt Zürich. Seit einiger Zeit seien die Ansprüche an das Gärtnern vielfältiger geworden. «Moderne Vorstellungen und traditionelle Gärten müssen nebeneinander Platz haben», so Tschannens Fazit.

Belgien will junges Image

Kaffeepause: Die Kleingärtner tauschen sich bei Espresso und Gipfeli aus. Eines der Diskussionsthemen sind die Nachwuchssorgen, die viele der europäischen Schrebergärtenvereine plagen. Es sind auch bei dieser Tagung hauptsächlich ältere Männer, die den Vorträgen lauschen, zwischendurch Stichwörter notieren und anschliessend viele Fragen stellen. Heraus sticht die 31-jährige Delegierte aus Belgien. Das ist pure Absicht: «Der belgische Verband möchte gerne ein etwas jüngeres Image. Das war einer der Gründe, wieso der Verband mich angestellt hat», sagt sie und lächelt. Allerdings findet sie es schade, dass sie praktisch die einzige junge Frau ist. «Aber ich arbeite gerne im Garten, das ist meine Motivation für diesen Job», sagt sie.

Nach der Pause gehört die Aufmerksamkeit der Tagungsteilnehmer Derk Jan Stobbelaar. Er ist Professor an der holländischen Hochfachschule Larenstein bei Arnheim. Er zeigt auf, mit welchen Mitteln sich Schrebergärten-Anlagen in einer Stadt behaupten können. Dazu brauche es vor allem die Akzeptanz der «Nicht-Kleingärtner». Sein Rezept dafür: «Zuerst die Leute fragen, was sie wollen, und ihnen dann aufzeigen, was so eine Gartenanlage alles zu bieten hat.» Um Kleingartenanlagen einem grösseren Publikum nahe zu bringen, seien beispielsweise auch die Wege von Bedeutung: «Ist die Anlage Teil der Stadt? Muss man darum herum gehen, oder kann man hindurch laufen?» Auch der Dialog mit der umliegenden Bevölkerung sei wichtig, so Stobbelaar.

Überall ähnliche Probleme

Schrebergärtner in ganz Europa haben es mit ähnlichen Problemen zu tun. Dies zeigt sich auch in den Diskussionen. Einerseits verschwinden die klassischen Schrebergärten immer mehr aus den Städten, andererseits gibt es mit «urban farming» auch neue Trends, Gemüse in den Städten anzubauen. Die Grünfläche in den Städten müsse erhalten bleiben, darüber sind sich die Teilnehmer einig. Die Kleingarten-Vereine suchen nach jungen Mitgliedern, und möchten von der Öffentlichkeit besser wahrgenommen werden. In Workshops diskutieren die Seminarteilnehmer am Nachmittag über ihr Image, und wie es positiv beeinflusst werden kann.

Ein Deutscher Teilnehmer erzählt, bei ihnen hätten einige Kleingärtner zusammen eine Parzelle gemietet, die keinen neuen Besitzer mehr fand, um darauf Gemüse für Bedürftige anzubauen. Solche Projekte müssten besser kommuniziert werden – auch grüne Klassenzimmer, Garten-Therapie und ähnliche Projekte fänden zu wenig Beachtung.