Kleine Geschichte der islamischen Welt
Kleine Geschichte der islamischen Welt

Mit der Auswanderung Mohammeds 622 beginnt die Zeitrechnung des Islam bei 0. Lesen Sie hier einen kurzen Überlick über wichtigsten Geschehnisse seither.

Sandro Zimmerli
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Die Mezquita-Catedral in Córdoba zeugt noch heute von der einstigen Blüte der maurischen Herrschaft in Spanien. keystone

Die Mezquita-Catedral in Córdoba zeugt noch heute von der einstigen Blüte der maurischen Herrschaft in Spanien. keystone

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622 n. Chr.: Mohammed emigriert nach Medina

Um 610 erfährt der rund 40 Jährige Mohammed vom Stamm der Quraisch seine erste Offenbarung. Fortan tritt er in Mekka als Prophet des Islam auf. Sein EinGott-Glaube stösst beim Quraisch-Stamm auf Ablehnung, weil er, dessen Tradition widerspricht. 622 emigriert Mohammed mit seinen Anhängern nach Yathrib, dem heutigen Medina. Die Auswanderung aus Mekka, «Hidschra» genannt, ist das Jahr 0 der islamischen Zeitrechnung.

632 bis 661: Erste Expansion und Abspaltung

Nach dem Tod Mohammeds 632 wird sein Freund Abu Bakr erster Nachfolger (Kalif). Es folgt die erste grosse Expansionsperiode der islamischen Geschichte. Unter anderem werden Ägypten, Syrien und Mesopotamien unterworfen. Um 653 liegt erstmals die Gesamtversion des Korans vor. Im Inneren des wachsenden Reiches kommt es zu blutigen Fehden um die Propheten-Nachfolge. Unter dem Kalifat von Ali, dem Schwiegersohn des Propheten und gleichzeitig sein vierter Nachfolger, kommt es zum ersten muslimischen «Bürgerkrieg». Nach Alis Ermordung begründet der neue Kalif Muawija die Umajjaden-Dynastie mit der Hauptstadt Damaskus. Aus Alis Partei wird die schiitische Abspaltung. Jene Muslime, die Muawija folgen, heissen fortan Sunniten.

661 Bis 750: Die zweite grosse Eroberungswelle

In die Herrschaft der Umajjaden fällt die zweite grosse territoriale Erweiterung des noch jungen Reichs. Nordafrika wird erobert. 711 setzen muslimische Truppen von Marokko nach Europa über. Sie vernichten das Westgotenheer und beginnen mit der Eroberung Spaniens. Die islamische Expansion in Europa wird 732 mit dem Sieg Karl Martells bei Poitiers gestoppt. Im Osten stossen die Muslime bis zum Indus vor. Mit ein Grund für die schnelle Expansion ist der Umstand, dass Angehörige anderer Offenbarungsreligionen, also Juden und Christen, weitgehende Freiheiten geniessen, solange sie die Oberhoheit der Muslime anerkennen und ihre Tribute entrichten.

749 bis ca. 850: Abbasidische Revolution und die Blüte Bagdads

Im Reich brodelt es unter den verschiedenen Volksgruppen weiter. Die Dynastie der Abbasiden rottet die Familie der Umajjaden fast vollständig aus und übernimmt für über 500 Jahre das Kalifat. Hauptstadt des Reiches wird 762/763 Bagdad. Die Stadt steigt bald darauf zum Mittelpunkt der islamischen Welt auf. Das goldene Zeitalter des Islam, das ein halbes Jahrtausend währen sollte, bricht an. Die Blüte ihrer Macht erreicht die Ära der Abbasiden unter Harun al-Raschid (786–
809), der später durch die Geschichten aus 1001 Nacht auch im Abendland Bekanntheit erlangt. Bagdad wird zu einem Zentrum der Intellektuellen. Aus dem einst arabisch dominierten Reich wird ein multinationaler Staat. Der Islam entwickelt sich zur Weltreligion. Die Glanzzeit der Abbasiden dauert knapp 100 Jahre. Ab 850 beginnen sich erste Provinzen von der Zentralregierung loszusagen.

750 Bis 1492: Al-Andalus und die Reconquista

Bereits Mitte des 8. Jahrhunderts begründet Abd al-Rahman I., der einzige Überlebende des Massakers an den Umajjaden, in Spanien das Emirat von Córdoba. Von 912 bis 961 führt Abdarrahman III. den Staat, in dem Muslime, Juden und Christen bisweilen ein friedliches Zusammenleben gelingt, zur ersten Blüte. Nach Plünderungen durch Berber zerfällt das Reich 1031 in mehrereTeilkönigreiche. Den Almorawiden gelingt es später, die untereinander verfeindeten Kleinstaaten zu einen. Sie werden von den Almohaden abgelöst, die 1170 die Herrschaft über das islamische Spanien übernehmen und es nochmals zu einer Blüte führen. Im Zuge der Reconquista, der Rückeroberung, werden sie von den Christen Schritt für Schritt von der iberischen Halbinsel verdrängt. Ab 1238 bildet das von den Christen geduldete Königreich der Nasriden mit der Hauptstadt Granada, das einzige verblieben Bollwerk des Islam in Spanien. 1492 wird es von den Spaniern eingenommen.

1095 bis 1270: Die Kreuzzüge und der Held Saladin

Papst Urban II. predigt 1095 den ersten Kreuzzug ins Heilige Land. 1099 erobern die Kreuzritter Jerusalem. Im zweiten Kreuzzug von 1147 bis 1149 erleiden die christlichen Invasoren grosse Niederlagen. 1187 fügt Saladin, Sultan über Ägypten und Syrien, den Kreuzfahrern eine vernichtende Niederlage zu und nimmt Jerusalem ein. Bis 1270 folgen weitere, weitestgehend erfolglose Kreuzzüge.

1203 bis 1922: Die Mongolen- und Osmanenzeit

Ende des 12. Jahrhunderts beginnt ein gewisser Temudschin in den fernen Steppengebieten der heutigen Mongolei einen Stamm nach dem anderen zu unterwerfen. Binnen weniger Jahrzehnte erobert der Mongole, der sich inzwischen Dschingis Khan nennt, ein gigantisches Imperium. Bei seinem Tod 1227 erstreckt sich sein Reich vom chinesischen Meer bis nahe an die Grenzen Europas. Seine Nachkommen erobern den Iran, plündern und zerstören 1258 Bagdad. Ursprünglich Anhänger des Schamanismus beginnen mit der Zeit viele Mongolen zum Islam zu konvertieren. Er wird nun bis nach Innerasien vermittelt. Das Mongolische Reich zerfällt ab Mitte des 14. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt wächst bereits ein neues islamisches Imperium heran. 1453 erobern die Osmanen Konstantinopel. Das Byzantinische Reich geht unter und Istanbul wird zum politischen Mittelpunkt der islamischen Welt. Seinen Zenit erreicht das Osmanische Reich unter Sultan Süleyman (1520-1566). Es erstreckt sich von der mittleren Donau bis Eritrea und von der Halbinsel Krim bis Westalgerien. In diese Zeit (1529) fällt auch die erste Belagerung Wiens. Nach dem Tod von Süleyman beginnt der schleichende Niedergang des Reiches. Militärische Niederlagen und ein zunehmender Entwicklungsrückstand gegenüber Europa setzten den Osmanen zu. Im Ersten Weltkrieg steht das Reich auf der Verliererseite. 1923 wir Mustafa Kemal Präsident der neuen Republik Türkei. Der Islam als Staatsreligion wird abgeschafft.

1945 Bis Heute: Ende der Kolonien und Re-Islamisierung

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt mit dem «liberalen Jahrzehnt» in der islamischen Welt. Nationalistische, sozialistische und republikanische Ideen werden zum Diskussionsgegenstand und teilweise, etwa in Ägypten, auch verwirklicht. 1947 wird auf Beschluss der UNO Palästina geteilt. Der Staat Israel wird proklamiert. Es folgt der erste arabisch-israelische Krieg. In den folgenden Jahren werden eine Reihe islamischer Staaten unabhängig. 1956 sind es Marokko (von Frankreich und Spanien) und Tunesien (von Frankreich). Von 1960 bis 1971 werden die meisten islamischen Staaten in Afrika südlich der Sahara unabhängig. Im Zuge sich verschärfender sozialer und wirtschaftlicher Probleme gewinnen Bewegungen an Bedeutung, die als Lösung eine Rückbesinnung auf den Islam fordern. Verstärkt werden diese Bestrebungen durch den Sieg der islamischen Revolution im Iran (1979) und zehn Jahre später durch den Zusammenbruch der Sowjetunion. Linkes, säkulares Gedankengut gerät auch in der islamischen Welt in Misskredit. Mit dem Ende der Sowjetunion entstehen neue, mehrheitlich von Muslimen bewohnte Staaten. In den Balkan-Kriegen in den 1990er-Jahren verüben Serben Massenmorde an bosnischen Muslimen. 1996 übernimmt in Afghanistan die Taliban-Miliz die Macht. 2001 verüben islamistische Terroristen in New York einen Anschlag auf die Twin Towers. 2003 greifen die USA erneut den Irak an und stürzen Saddam Hussein. In Europa wächst die Angst vor dem Islam. Währendessen fühlen sich muslimische Migranten kollektiv stigmatisiert.

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