Erwin Holzer ärgert sich. Mitte November hat der Schlieremer Stadtrat beschlossen, dass die reformierte Kirche die Lärmschutzverordnung einhalten muss (die Limmattaler Zeitung berichtete). Doch noch heute schlägt die Glocke jede Viertelstunde die Zeit, die ganze Nacht hindurch.

«Von abends um 22 bis morgens um 7 Uhr ganze 35-mal», sagt Holzer. Er und andere Anwohner der Kirche, die sich dadurch in der nächtlichen Ruhe gestört fühlen, können nicht nachvollziehen, dass der Stadtrat seinen Beschluss nicht konsequent durchsetzt.

«Wenn wir in der Nacht auf eine Strasse stehen und ein Lied anstimmen würden, ginge es keine fünf Minuten, bis die Polizei dasteht. Da wird offenbar mit verschieden langen Ellen gemessen», so Holzer. Unverständlich sei für ihn und seine Mitstreiter auch, dass die Stadt keinen Höchstbelastungswert für die Lärmemissionen festgelegt hat.

Sicherheitsvorstand Pierre Dalcher (SVP) erklärt auf Anfrage, dass die Kirche die Lärmbelastung nicht von heute auf morgen senken könne: «Wir haben vollstes Vertrauen, dass die Kirchenpflege unserer Aufforderung vom November innert nützlicher Frist nachkommt.» Der Stadtrat werde im Verlauf des ersten Quartals dieses Jahres Rechenschaft über den Stand der Dinge verlangen.

Dass die Exekutive in ihrem Beschluss nicht genau ausführt, was es heisst, die Nachtruhe einzuhalten, begründet der Sicherheitsvorstand damit, dass keine rechtliche Handhabe bestehe: «Es gibt einen Bundesgerichtsentscheid zum Thema Kirchenglocken. Doch darin sind keine Höchstdezibelwerte festgelegt.»

Für nächtlichen Fluglärm gilt ein Höchstwert von 60 Dezibel. In einem jüngeren Entscheid zu einem Fall in Wädenswil verwies das Zürcher Baurekursgericht jedoch auf eine ETH-Studie zum Thema «Nocturnal church bell noise», die belegt, dass bereits Immissionen von 40 Dezibel zu Schlafstörungen führen.

Holzer stellte bei eigenen Messungen in seinem Schlafzimmer, das rund 169 Meter vom Kirchturm entfernt ist, bei den Zeitschlägen um Mitternacht Werte um die 65 Dezibel fest. Eine Lärmdämmung im Glockenstuhl würde laut Dalcher wohl wenig bringen: «Wenn man von der Maxime ausgeht, dass man das Recht hat, mit angelehntem Fenster zu schlafen, dann bleibt der Kirche nichts anderes übrig, als die Glocken von 22 bis 7 Uhr ganz abzuschalten.»

Auch Dämmung wird geprüft

Die reformierte Kirchenpflege will dennoch beide Varianten – eine Lärmdämmung und die Abschaltung – prüfen und die Kirchgemeindeversammlung im Mai darüber informieren, welche Lösung sie umsetzen wird. Dies teilt Jean-Claude Perrin, der Bauvorstand der Reformierten, auf Anfrage mit. Die Gemeindeversammlung genehmigte im Vergangenen Jahr einen Kredit für ein System, mit dem das Klima in der Kirche per Computer gesteuert werden kann.

Damit könnte man auch Kirchenglocken steuern, wenn die Mechanik des Geläuts entsprechend aufgerüstet wird. Den Kredit für eine solche Anpassung kann die Kirchenpflege voraussichtlich in eigener Kompetenz sprechen.

Dennoch wolle man erst alle Möglichkeiten prüfen und der Kirchgemeinde präsentieren, sagt Perrin: «Das Steuerungssystem für das Klima wird erst im Juni bereit sein. Auch das Zusatzmodul für die Glocken wäre also ohnehin erst dann einsetzbar.»

Die Anwohner werden sich also noch einige Monate gedulden müssen, bis ihr Wunsch nach Nachtruhe erfüllt wird. Für Wortführer Holzer ein vermeidbares Übel: «Wenn der Stadtrat der Kirchenpflege schon im November angekündigt hätte, dass bis im Februar eine Lösung stehen muss, so wäre man sicher schon viel weiter.»

Dem entgegnet Dalcher, dass es seltsam anmute, dass die unzufriedenen Nachbarn nun plötzlich so aufs Tempo drücken. Als die Kirchenpflege 2014 beantragte, den Zeitschlag nachts abzuschalten, und die Gemeindemitglieder dies ablehnten, sei von den in ihrer Ruhe gestörten Anwohnern niemand zugegen gewesen, so Dalcher: «Das Problem wäre sonst vielleicht bereits gelöst.»

Holzer betont, dass ihm damals nicht bewusst gewesen sei, dass er als Nichtmitglied überhaupt an der Kirchgemeindeversammlung hätte teilnehmen können: «Im Mai, wenn die Glockenfrage besprochen wird, bin ich aber bestimmt dabei», sagt er.