Baurekursgericht
Kirche muss Glockenschlag reduzieren

Es ist eine Gratwanderung zwischen Tradition und Ruhestörung. Das nächtliche Schlagen der Kirchenglocken beschäftigt Gerichte immer wieder.

Pascal Jäggi
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Der Glockenschlag war einem Ehepaar aus der Nachbarschaft zu laut. Deshalb ist es gegen die Schläge zwischen 22 und 7 Uhr vorgegangen. Kurt Heuberger

Der Glockenschlag war einem Ehepaar aus der Nachbarschaft zu laut. Deshalb ist es gegen die Schläge zwischen 22 und 7 Uhr vorgegangen. Kurt Heuberger

Kurt Heuberger

Zwei Anwohner der reformierten Kirche Wädenswil sind nun an das Baurekursgericht gelangt, um gegen den Glockenschlag vorzugehen.

Das Ehepaar wohnt rund 200 Meter von der Kirche entfernt. Die Frau leidet an einer unheilbaren Nervenkrankheit. Das ist auch der Grund, warum das Paar gegen die Glockenschläge zwischen
22 und 7 Uhr vorgegangen ist. Gemäss dem behandelnden Arzt sind «Ruhe und Schlaf für die Patientin von grösster Wichtigkeit». Es gebe Hinweise, dass gestörter Schlaf zu einer Verschlechterung des Krankheitsverlaufs führt.

Die Rekurrenten wohnen erst seit Winter 2014 im Wädenswiler Zentrum. Der Wechsel von einem Einfamilienhaus im Aussenquartier in eine Wohnung sei nötig gewesen, um in der Nähe von medizinischer Versorgung wohnen zu können, sagte der Ehemann vor Jahresfrist.

Das Baurekursgericht kommt zu einem zwiegespaltenen Urteil: Es berücksichtigt einerseits die Tradition des Glockenschlages, andererseits aber auch das Recht auf Schlaf. Die stündlichen Glockenschläge dürfen weitergehen, die viertelstündlichen sollen abgeschafft werden.

Das Gericht stützt sich vor allem auf eine neue ETH-Studie. Diese besagt, dass man bereits bei einer Lautstärke von weniger als 60 Dezibel aufwachen kann. Bei der Wohnung der Rekurrenten wurde bei einer Kontrolle ein Durchschnittswert von 59,6 Dezibel gemessen. Im Innenraum zeigte ein Gutachten 55 Dezibel bei geöffnetem und 43 Dezibel bei gekipptem Fenster auf. Gemäss der Studie kann es bei einem viertelstündlichen Schlagen bei dieser Lautstärke bis zu sechs Aufwachreaktionen geben. Schlagen die Glocken nur zur vollen Stunde, sinken die Reaktionen deutlich.

Ohrenschein im Wohnquartier

Die Richter haben bei einem Lokaltermin die nächtliche Lärmsituation im Quartier beurteilt. Schliesslich sprechen die Rekurrenten von einem nachts sehr ruhigen Quartier. Deren Wohnung liegt gemäss den Richtern in einer typischen Kernzone mit entsprechend vielen Dienstleistungs- und Ladengeschäften. Die Strasse ist jedoch verkehrsberuhigt und nachts kaum befahren. Bis 23 Uhr hätten aber die Flugzeuge, die über Wädenswil in einer Schlaufe fliegen, «erhebliche Lärmimmissionen» abgesondert.

Bis 1 Uhr seien einzelne Lärmspitzen bis 60 Dezibel vernehmbar gewesen. Erst gegen
3.45 Uhr habe der Lärm wieder zugenommen. Die Richter halten fest, dass nachts kaum nennenswerter Aussenlärm zu verzeichnen ist. Dennoch sei das Quartier nicht speziell ruhig.

Die reformierte Kirche stellte sich auf den Standpunkt, dass sich ausser dem Ehepaar niemand beschwert hat. Tradition gebühre gemäss Rechtsprechung der Vorrang. Der Stadtrat Wädenswil, der die Klage des Ehepaars abgelehnt hatte, erklärte, dass die Reaktionen der Bevölkerung für die Tradition ausfielen. Dem hielt das Paar entgegen, dass sich Bewohner des nahen Altersheims für ihr Engagement bedankt hätten.

Im städtischen Gebiet strittiger

Für das Baurekursgericht gilt das Festhalten an der Tradition nicht absolut. Im städtischen Gebiet sei das Glockenschlagen strittiger als auf dem Land. Auch sei die Bevölkerung den lokalen Traditionen gegenüber weniger verbunden. Wädenswil mit rund 20 000 Einwohnern werde als städtisches Gebiet angesehen. Das Baurekursgericht hält das Glockenschlagen für eine Zeitansage und keine religiöse Handlung. In der heutigen Zeit, in der «jeder Haushalt über mehrere Uhren verfügt, hat diese von der Kirche wahrgenommene Aufgabe an Bedeutung eingebüsst». Das Gericht sieht es aber als unverhältnismässig an, den Stundenschlag einzustellen. Diesem könne «nicht jegliche Akzeptanz in der Bevölkerung der Gemeinde abgesprochen werden».

Wichtig ist, dass die ETH-Studie zur Lärmbelastung noch in kein Gerichtsurteil eingeflossen ist. Durch ein Beschränken auf den Stundentakt könnten die Aufwachreaktionen unter Wahrung der Tradition vermindert werden, halten die Richter entsprechend der Studie fest. Erst bei mehr als einer zusätzlichen Aufwachreaktion komme es zu Herz-Kreislauf-Problemen. Die Reduktion würde «somit zu einer deutlichen Verbesserung der Lärmsituation führen».