Bezirksgericht Dietikon
Kiosk-Mitarbeiterin entlassen – Rubbellos-Streit endet aber mit Freispruch

Zwei Frauen und ein Mann standen zugleich als Angeklagte und als Kläger vor dem Bezirksgericht – jetzt sind alle drei unschuldig.

Rosmarie Mehlin und David Egger
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«Aus Angst habe ich unterschrieben. Ich war so fertig, dass ich wohl selbst einen Mordauftrag unterschrieben hätte.»: entlassene Kiosk-Mitarbeiterin. (Symbolbild)

«Aus Angst habe ich unterschrieben. Ich war so fertig, dass ich wohl selbst einen Mordauftrag unterschrieben hätte.»: entlassene Kiosk-Mitarbeiterin. (Symbolbild)

Schweiz am Wochenende

Vor Richter Bruno Amacker sassen drei Beschuldigte und ebenso viele Privatkläger. Das kam so: Ein Limmattaler Kioskbetreiber und dessen Frau beschuldigten ihre Mitarbeiterin der Veruntreuung. Gleichzeitig musste sich das Kioskbetreiberpaar wegen Nötigung verantworten. Der Verteidiger der Kioskmitarbeiterin wollte die Kioskbetreiber sogar wegen Erpressung verurteilt sehen.

Kurzum: Zwar kein Kapitalverbrechen, aber eine einzigartige Angelegenheit, mit der sich die Justiz hier beschäftigen musste.

Zehntausende Lose veruntreut

Laut den beiden Anklageschriften hatte sich Folgendes zugetragen: Der Kioskbetreiber und seine Frau stellten eines Tages fest, dass ihre langjährige Angestellte Rubbellose aufgerubbelt und die jeweiligen Gewinne eingestrichen hatte. Die Lose bezahlt hatte sie aber nicht.
Wie das Ehepaar vor Gericht erklärte, seien sie der Mitarbeiterin anhand einer Statistik auf die Schliche gekommen. Der zufolge müsse die Angestellte über einen Zeitraum von drei Jahren insgesamt 30 000 bis 60 000 Lose veruntreut haben. Die Zahlen sind allerdings nicht eindeutig belegt.

Spielsucht vorgeworfen

Zudem hat die Mitarbeiterin die Verfehlungen stets abgestritten. Sie habe gerubbelt und zwischendurch gewonnen. Sie betonte aber, die Lose stets bezahlt zu haben. Die Behauptung der Kioskbetreiber, die Angestellte sei spielsüchtig, wies diese weit von sich.
Zugestanden jedoch ist, dass die Kioskbetreiber ihre Angestellte wegen dem Manko an Losen zur Rede gestellt hatten und dabei mit der Mitarbeiterin übereingekommen waren, dass diese mehr als 10 000 Franken zurückzahle. Darüber, wie dieses Abkommen zustande kam, gingen an der Verhandlung die Meinungen allerdings weit auseinander.

Mit Zeitungsbericht gedroht

Die Mitarbeiterin schilderte, das Ehepaar habe sie massiv bedrängt, ihr unter anderem mit der namentlichen Veröffentlichung im «Blick» gedroht, was auch dem Geschäft des Bruders der Kioskmitarbeiterin gewaltig geschadet hätte. «Aus Angst habe ich schliesslich unterschrieben, ohne eigentlich zu wissen was. Ich war so fertig, dass ich wohl selbst einen Mordauftrag unterschrieben hätte», sagte daher die Kioskmitarbeiterin vor Gericht. Aus lauter Verzweiflung habe sie dem Ehepaar damals umgehend 5000 Franken überwiesen.

Die Kioskbetreiber betonten, dass ihr Verhältnis zu ihrer Angestellten über acht Jahre hinweg sehr freundschaftlich, ja familiär gewesen und die besagte Aussprache friedlich und ruhig verlaufen sei. Die Angestellte habe die 5000 Franken ganz selbstverständlich und von sich aus bezahlt. Mit dem Einbehalten von ausstehendem Lohn für die inzwischen entlassene Mitarbeiterin sei für sie die Angelegenheit schliesslich finanziell abgeschlossen gewesen.

1400 Franken Busse gefordert

Die Staatsanwältin forderte für die Kioskmitarbeiterin eine bedingte Geldstrafe von 9000 Franken und eine Busse von 900 Franken. Herr und Frau Kioskbetreiber sollten mit je 3600 Franken Geldstrafe bedingt und je 500 Franken Busse bestraft werden. Die beiden Verteidiger setzten sich im Gerichtssaal vehement für vollumfängliche Freisprüche ein und kämpften dabei mit harten Bandagen. Ihre insgesamt zweieinhalb Stunden dauernden Plädoyers waren gespickt mit unschönen gegenseitigen Anwürfen. Da war etwa die Rede von «was für ein Quatsch» oder «für das, was sie da behaupten, gibt es Straftatbestände». Und auch die Staatsanwältin, die wie bei Einzelrichter-Fällen üblich nicht anwesend war, bekam ihr Fett weg: So sei zum Beispiel die Anklage «liederlich formuliert».

Klar ist: Das Bezirksgericht Dietikon ist nicht dem Urteilsvorschlag der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis gefolgt. Nachdem die Verhandlung am 31. Mai stattfand, wurde das Urteil später schriftlich verkündet. Das Urteilsdispositiv liegt jetzt der Schweiz am Wochenende vor. Alle drei Involvierten wurden freigesprochen. Ebenso lehnte der Richter den Genugtuungsantrag des Verteidigers der Kioskmitarbeiterin ab.

Dieser hatte gefordert, dass der Staat ihr 2000 Franken zahle. Allerdings geht der Grossteil der Kosten dieses Falls nun auf die Gerichtskasse. Wie üblich ist das Urteilsdispositiv ohne Begründung. Diese muss das Gericht nur liefern, wenn eine Partei es verlangt.