Im Wartezimmer des Kinder- und Jugendhilfezentrums (KJZ) in Dietikon riecht es nach Duftkerzen oder Raumspray, das Angebot an Spielsachen ist gross und es bietet sich eine Aussicht direkt auf die Kirche St. Agatha sowie einige Hausdächer. B. soll sich wohlfühlen. Sie ist vierzehn Jahre alt und wird bald Mutter. Es ist üblich, dass dem ungeborenen Kind in dieser Situation ein Vormund vom KJZ zur Seite gestellt wird. Dieser soll abklären, ob der Teenager, die Mutterrolle übernehmen kann, wer welche Unterstützung braucht und wo und mit wem das Kind wohnen wird.

Stefan Egli, seit vergangenem Oktober ist er Leiter des KJZ, weiss, dass ein angenehmes Klima bei der Kinder- und Jugendberatung wichtig ist. Egli übernahm die Leitung der neu zusammengelegten Abteilungen Jugend- und Familienberatung, Erziehungsberatung, Mütter- und Väterberatung sowie Alimente und Kleinkinderbetreuungsbeiträge. Sie sind seit dem 1. Januar 2014 zusammengefasst. Zentrale Ziele für die Zusammenlegung waren die verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit, die Effizienzsteigerung und die Synergienutzung. Oder sind dies, wie so oft, nur Synonyme für Kostensenkungen? Egli lächelt und sagt zu Letzterem, dass staatlich getragene Organisationen es dem Steuerzahler schuldig seien, so effizient wie möglich geführt zu werden. «Aber auch für die Mitarbeiter ist es angenehm zu wissen, dass sie sich nun bereichsübergreifend austauschen und so den Klienten bestmöglich helfen können», so Egli.

Nicht alle bleiben friedlich

Der Vormund von B. ist in ständigem Kontakt mit der jungen Mutter, den Eltern, der Frauenärztin und den Lehrern. Es zeigte sich, dass das Mädchen und ihr Kind nach der Niederkunft im mütterlichen Elternhaus leben können – die familiären Verhältnisse scheinen stabil. Doch auch dann wird das Neugeborene noch regelmässig von einer Hebamme und einer Mütter- und Väterberaterin des KJZ begleitet. Gewicht, Grösse und Entwicklungsstand sollen während der ersten beiden Lebensjahre regelmässig kontrolliert werden.

Jugendliche, Eltern aber auch Kinder wenden sich bei Problemen entweder auf Eigeninitiative an das KJZ oder sie werden von der KESB (Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde) zu einer Zusammenarbeit verpflichtet. Rund 50 Prozent der Klienten kommen nicht freiwillig hierher.

Dass die Gesellschaft komplexer wird, zeigt sich in den Fällen beim KJZ. «Die Herausforderungen, auf die Kinder und Jugendliche treffen, werden vielschichtiger», so Egli. Früher habe man das jeweilige Problem beinahe schon isoliert betrachten können. «Heute sind es nicht mehr nur Sucht-, oder Gewaltprobleme, sie begannen, sich zu vermischen. Dabei nahmen die Fälle während der letzten Jahrzehnte nicht an Heftigkeit, sondern eben an Komplexität zu.»

Die Menschen, die zum KJZ kommen, befinden sich in einer verletzlichen Situation. Was machen Eglis Mitarbeiter, wenn es zu einer Eskalation kommt? «Es kommt vor, dass wir verbal angegriffen werden. Handelt es sich um eine ernstzunehmende Drohung, dann fordern wir die betreffende Person schriftlich auf, diese zurückzunehmen. Geschieht dies nicht, erstatten wir Anzeige bei der Polizei.»

B. fragt ihren Vormund, was geschehen würde, wenn sie sich bei ihren Eltern irgendwann nicht mehr wohlfühlt. Werden die Probleme ernst, dann wird sich der Vormund nach einer Alternative umsehen. Er verweist etwa auf die Möglichkeit eines betreuten Mutter-Kind-Wohnens.

Jugendliche nutzen die Leistungen

Kinder und Jugendliche aus allen Gesellschaftsschichten nehmen Hilfe im KJZ in Anspruch. «Gut situierte und in ärmlichen Verhältnissen lebende kommen genau so wie gute und schlechte Schüler», so Egli.

Zuvor arbeitete Egli als Sozialarbeiter in Uster. Nach einer Banklehre und mehreren Jahren Berufserfahrung in unterschiedlichen Branchen durchlief der heute 39-jährige das Studium der Sozialen Arbeit mit Masterabschluss. Was ihn für die aktuelle Stelle qualifiziert, ist nicht zuletzt sein Master-Thesis-Thema. Er untersuchte die Prozesse zur Entwicklung der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe des Amts für Jugend und Berufsberatung (AJB), seines heutigen Arbeitgebers.

Welchen Eindruck hat Egli vom Bezirk als neuer Chef des Dietiker KJZ? Schaut man sich die jährlichen Fallzahlen des Bezirks an, dann merkt man, dass sie im Vergleich zu anderen im Kanton sehr hoch sind. «Eine Dichte an Multikulturalität verbunden mit einer hohen Arbeitslosigkeit und einem durchschnittlich eher bescheidenen Haushaltsbudget wirken sich verschärfend auf die Probleme von Kindern und Jugendlichen aus», sagt Egli. Dies habe aber auch positive Seiten: «Hier werden die Leistungen des KJZ genutzt, das ist schön.»