In der Garderobe im Erdgeschoss der Spielgruppe Plus im Dietiker Altberg-Quartier geht es lebhaft zu und her. Kinder wuseln durch den Raum, ihre Mütter versuchen, ihnen Mütze und Jacke anzuziehen. «Vergiss nicht dein Krönchen, das du gebastelt hast», sagt Ermina Arnautovic zu einem Kind. Es ist 11.30 Uhr. Die Kleinen werden von den Eltern abgeholt. Ab 13.30 Uhr kümmern sich die Spielgruppenleiterinnen Ermina Arnautovic und Angela Piller um zwölf andere Kinder. Insgesamt 60 von ihnen betreuen die beiden mithilfe zweier Assistentinnen jede Woche.

Jedes siebte Kind in der Schweiz lebt in einer Familie mit einem suchtkranken Elternteil. Haben Sie auch schon einmal den Verdacht gehabt, dass eines der Kinder in der Spielgruppe in solch schwierigen Verhältnissen aufwächst?

Ermina Arnautovic: Ich arbeite seit vier Jahren als Leiterin in der Spielgruppe Plus. In dieser Zeit gab es zwei bis drei Fälle, bei denen einiges auf eine Suchterkrankung von Eltern und oder auf Gewalt im Elternhaus hindeutete. Bei einem Kind entdeckte ich zum Beispiel blaue Flecken am Rücken, als ihm der Pullover hochrutschte.

Angela Piller: Ich erinnere mich an drei Fälle, wo wir handeln mussten und die Sache der Erziehungsberaterin des Kinder- und Jugendhilfezentrums Dietikon meldeten und professionellen Rat bekamen.

Wie haben Sie denn festgestellt, dass etwas nicht stimmt?

Arnautovic: Wie gesagt in einem Fall zeugten die blauen Flecken von der schwierigen Situation zu Hause. Es kann sich aber auch ganz anders zeigen. Wenn das Kind zum Beispiel unregelmässig in die Spielgruppe kommt, es kein Znüni oder Zvieri dabei hat oder wenn die Kleidung dreckig ist, die Unterhose oder die Socken fehlen, dann werden wir hellhörig.

Piller: Es kann sich aber auch im Verhalten des Kindes manifestieren. Wenn es zum Beispiel sehr empfindlich und weinerlich ist oder wenn es oft abwesend wirkt, kann auch etwas nicht stimmen. Auch das Verhalten der Eltern kann aufschlussreich sein. Wenn etwa das Kind beim Abschied übermässig bemuttert wird oder wenn Eltern die Spielgruppe sehr eilig betreten und verlassen. Mehrere Faktoren müssen jedoch zusammenspielen, damit wir hellhörig oder gar misstrauisch werden.

Was tun Sie denn, wenn sie so etwas feststellen?

Piller: Wichtig ist, dass wir keine vorschnellen Entscheidungen treffen und das Ganze nicht noch schlimmer machen. Stellen Sie sich vor, wir sprechen die Eltern darauf an und diese blocken ab, schicken das Kind nicht mehr zu uns in die Spielgruppe oder ziehen gar weg. Damit ist dem Kind nicht geholfen. Es verliert uns als verlässliche Bezugspersonen.

Arnautovic: Das wäre eigentlich das Worst-Case-Szenario, weil wir dann keinen Einfluss mehr auf das Wohl des Kindes nehmen können. Es braucht viel Geduld und Fingerspitzengefühl. Wir versuchen, uns besonders intensiv um solche Kinder zu kümmern und ihnen mehr Zuwendung zu geben. Bei einem Verdacht müssen wir ganz genau und unauffällig beobachten. Erst wenn sich dieser erhärtet und wir merken, dass das Kind leidet, schreiten wir ein. Es ist und bleibt aber eine Gratwanderung.

Piller: Unser Ziel ist es, dass das Kind weiterhin zu uns kommt. So hat es eine Verbindung zur Aussenwelt und ist nicht isoliert. Es soll einen Ort haben, wo es sich geborgen fühlt und es einfach sich selbst sein kann.

Und wie gehen Sie vor, wenn sich der Verdacht erhärtet?

Arnautovic: Dann sprechen wir die Eltern an und geben ihnen Adressen von Fachstellen, an die sie sich wenden können. Das ist rein auf sprachlicher Ebene schon eine Herausforderung, weil einige nicht gut Deutsch sprechen. Zudem nehmen wir Rücksprache mit der Erziehungsberatung. Diese kann auch die regionale Kinderschutzgruppe kontaktieren. Diese unterstützt und berät bei der Einschätzung von Gefährdungssituationen und bei der Planung des weiteren Vorgehens. Die nächste Instanz wäre dann die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde.

Manchen Kindern merkt man aber auch nichts an.

Piller: Ja, das ist so. Kinder sind schlau und können sich gut anpassen. Sie wachsen so auf und erachten diese Situation als normal. Oder sie schämen sich und verheimlichen es. Manchmal wollen sie so auch ihre Eltern schützen oder verhindern, dass sie von zu Hause wegmüssen.

Zu wissen, dass die Kinder zu Hause mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, ist für Sie auch nicht einfach. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Arnautovic: Es nimmt mich natürlich mit. Trotzdem müssen wir uns abgrenzen und uns damit abfinden, dass wir die Kinder leider nicht retten können. Unser grösstes Anliegen ist, dem Kind eine schöne Zeit zu ermöglichen, wenn es bei uns ist. So kann es Kraft schöpfen für den Alltag zu Hause.

Um sich mehr mit dem Thema «Kinder aus suchtbelasteten Familien» auseinanderzusetzen haben Sie eine halbtägige Weiterbildung bei der Suchtpräventionsstelle der Bezirke Affoltern und Dietikon besucht. Was hat Ihnen diese gebracht?

Arnautovic: Ich fühle mich nun sicherer im Umgang mit diesem Thema. Mein Bewusstsein dafür wurde geschärft, man schaut und hört genauer hin, auch im privaten Umfeld. Zudem habe ich ganz viele nützliche Informationen erhalten. So zum Beispiel, welche Suchtarten es überhaupt gibt und dass Alkohol nur eine Sucht von vielen ist. Spielsucht und Medikamentenabhängigkeit werden oft vergessen. Die Weiterbildung hat mir auch gezeigt, wie gut es uns geht und dass es wichtig ist, die Menschen zu sensibilisieren. Viele Kinder können sich nicht wehren, es braucht Hilfe und Kenntnis von aussen.

Piller: Ich wusste zuvor nicht, dass diese Problematik in allen Bevölkerungsschichten zu finden ist. Mit Statistiken wurde uns die vermutete Häufigkeit in der Schweiz vor Augen geführt, wobei die Dunkelziffer sehr hoch ist. Uns wurden zudem eindrückliche Filme über den Alltag von Kindern aus suchtbelasteten Familien gezeigt. Besonders eingefahren ist mir eine Sequenz, die von einem Kind handelt, das der apathischen Mutter etwas Gutes tun will und ihr Schnaps in die Kaffeetasse einschenkt, als wäre es etwas völlig Normales. Ausserdem wurden wir auch über unser eigenes Verhalten zum Nachdenken angeregt. Wann beginnt eine Sucht? Sind zwei Gläser Wein pro Tag schon zu viel? Das fand ich spannend.

Dieses Thema bestimmt glücklicherweise nicht Ihren Berufsalltag. Im Zentrum steht die frühe Sprachförderung und die Vorbereitung auf den Kindergarten. Kinder aus 19 verschiedenen Nationen besuchen die Spielgruppe Plus. Für die meisten sind Sie die erste Station ausserhalb des Elternhauses. Viele verstehen kein Wort Deutsch. Wie verständigen Sie sich?

Arnautovic: Wenn die Kinder neu bei uns sind, wird viel über Körpersprache kommuniziert. Ich versuche aber immer, Deutsch mit ihnen zu sprechen. Es ist wichtig, dass wir die Kinder in Alltagssituationen sprachlich begleiten. Ich selbst stamme aus Bosnien und Deutsch war beim Kindergarteneintritt eine Fremdsprache für mich. Der Start war dementsprechend nicht einfach. Ich kann den Kindern also gut nachfühlen und möchte eine Brücke für sie sein. Zu meiner Zeit habe ich ein solches Angebot vermisst.

Piller: Wir versuchen, die Kinder sozusagen in der deutschen Sprache zu baden. Sie sollen immer wieder dieselben Wörter und Sätze hören. Am besten geht das beim Singen. Da haben die Kinder auch am wenigsten Hemmungen. Es gibt aber einige, die monatelang nicht reden, weil die neue Sprache so fremd für sie ist. Die Kleinen sind sehr tapfer. Stellen Sie sich vor, Sie werden nicht verstanden und Sie verstehen niemanden. Auch wenn es für die Kinder nicht einfach ist, bin ich froh, dass die Eltern sie zu uns schicken und ihnen so die Chance geben, sich auf die bevorstehende Zeit im Kindergarten und in der Schule vorzubereiten.

Dazu gehört nicht nur das Sprachliche.

Piller: Genau. In der Spielgruppe erlernen die Kinder auch Rituale und sie gewöhnen sich daran, sich an bestimmte Regeln zu halten. So etwa, dass wir alle gemeinsam in der Znünipause um 10.15 Uhr essen oder dass sie, wenn wir einen Kreis bilden, stillsitzen müssen. Hinzu kommt, dass sich die Kinder daran gewöhnen, dass sie für kurze Zeit von den Eltern getrennt sind. Zudem wird ihr Sozialverhalten geschult. Sie lernen zu teilen und Rücksicht auf andere zu nehmen.

Arnautovic: Natürlich haben die Kleinen auch ganz viel Freiraum, in dem sie basteln, malen, rumkleckern und Dinge ausprobieren können, wie es zu Hause vielleicht nicht möglich ist.