Dietikon
Kinder mit Behinderung spielen für ein normales Leben

Kinder mit einer Behinderung sollten möglichst früh Therapien besuchen – sie entwickeln sich besser. Ein Besuch bei der Frühberatungs- und Therapiestelle für Kinder in Dietikon.

Bastian Heiniger
Drucken
Teilen
Auf spielerische Weise versucht Hanah Egli, in ihren Therapien die Kinder zu fördern. Die dreijährige Anina trainiert hier ihre schwächere Körperhälfte.

Auf spielerische Weise versucht Hanah Egli, in ihren Therapien die Kinder zu fördern. Die dreijährige Anina trainiert hier ihre schwächere Körperhälfte.

Chris Iseli

Anfangs versteckt sie sich in der Gummiröhre. Erst als sich die Therapeutin hinunterbeugt und fragt, ob sie herauskomme, krabbelt sie zur Öffnung. Zaghaft streckt sie ihren Kopf hervor, schaut hoch und beginnt zu lachen. Für die dreieinhalbjährige Anina (Name geändert) beginnt nun eine Spielstunde. Eigentlich. Ihr ist noch nicht bewusst, dass es sich dabei um eine Ergotherapie handelt. Eine Behandlung, die mitentscheidet, ob sie später ein weitgehend normales Leben führen kann.

Die Therapiestelle

Die Frühberatungs- und Therapiestelle für Kinder in Dietikon wurde vor 30 Jahren gegründet. Sie gehört zur Stiftung RGZ, die Institutionen zur Förderung von Kindern betreibt. In Dietikon werden 330 Kinder aus dem ganzen Bezirk behandelt – vom Säugling bis zum Lehrling. Angeboten werden heilpädagogische Früherziehung, Physio- und Ergotherapie. (bas)

Anina erlitt während der Geburt einen Hirnschlag. Ihre rechte Körperhälfte ist deshalb geschwächt. Nicht vollständig gelähmt, aber eben so schwach, dass es für sie schwierig ist, etwas zu halten oder das rechte Bein normal zu bewegen. «Wenn Anina keine Therapie hätte, wäre ihre rechte Seite verkürzt und stark verkrampft», sagt Hannah Egli, die in Dietikon die Frühberatungs- und Therapiestelle für Kinder leitet und auch Ergotherapien durchführt.

Hannah Egli.

Hannah Egli.

Chris Iseli

Ohne gezielte Übungen würde Anina nur ihre linke Seite benutzen. Und das hätte schwere Folgen: Einerseits würden sich die Sehnen verkürzen und sich dadurch die Muskulatur verkrampfen. Andererseits würden ohne Bewegungen keine Impulse ans Gehirn gesendet, wodurch die rechte Körperhälfte im Gehirn nicht mehr repräsentiert wäre – sie bliebe somit völlig passiv. Anina ist eines von 330 Kindern, die pro Jahr in Dietikon behandelt werden – neben der Ergotherapie bietet die Stiftung auch eine heilpädagogische Früherziehung und Physiotherapie an.

Das Behandlungszimmer sieht aus wie ein Raum in einer Kinderkrippe: Klettergerüst, Rutschbahn, Sitzsack, Spielsachen. Einzig die Therapieliege deutet an, dass hier etwas anders ist. In der Ecke sitzt Aninas Mutter. Sie hält einen Säugling in den Armen und beobachtet, wie ihre Tochter die Holzleiter der Rutschbahn hochsteigt. Oben angekommen, hält Anina kurz inne, strahlt über ihr ganzes Gesicht. Hannah Egli steht daneben, gibt ihr einen kleinen Stoffelefanten, und zwar so, dass Anina ihn mit rechts greifen muss. Dann rutscht sie herunter und lässt sich auf einen Sitzsack plumpsen, den Elefanten hält sie noch immer in ihrer Rechten. Nun darf sie ihn ablegen, erneut hoch klettern und sich ein neues Tierchen schnappen. Spielerisch soll sie Bewegungen ausführen, die sie von alleine nicht machen würde. Hannah Egli hilft ihr dabei.

Mit Steinen das Gefühl stärken

Die Übungen sind jeweils dem Alter entsprechend. Es sind zumeist alltägliche Handlungen. Mit älteren Kindern übt Egli Schreiben, Werken oder Kochen. Dies ständig mit dem Ziel vor Augen, den Alltag, die Schule, die Lehre selbstständig meistern zu können. Praktisch von Geburt an besuchte Anina Physiotherapiestunden, seit diesem Sommer kam die Ergotherapie dazu. Nun taucht sie ihre Füsse in ein Becken voller Kirschsteine. Mit ihren Händen versucht sie, die Glaskugeln herauszufischen. Durch die Steine soll sich Aninas Fühlimpuls stärken. Denn auf der halb gelähmten Seite fühlt sie weniger. Anschliessend versucht sie, Kirschsteine von einer Flasche in ein anderes Gefäss umzuleeren. Einzelne Steine fallen neben das Becken. «Aufwischen», sagt Anina und holt einen Besen. Auch das ist Teil der Übung. Danach will sie ihre Hände waschen; schliesslich hat sie ja geputzt.

«Die Therapie hilft sehr», sagt Aninas Mutter. Zwar sei es schwierig abzuschätzen, wie es ohne wäre, doch Anina mache gute Fortschritte. Und deshalb komme sie regelmässig. Am Ende der Stunde hält Anina ihren kleinen Bruder stolz auf ihrem Schoss. Nun strahlt sie sogar noch mehr.

Rein geistig wären einem Kind wie Anina keine Schranken auferlegt – das Problem ist nur körperlich. Und dennoch: In der Schulzeit komme schliesslich das Bewusstsein auf, dass man anders sei, sagt Egli. In der Pubertät kämen dann die Fragen, welcher Beruf wohl möglich wäre, und ob man jemanden finde, der einen trotz der Behinderung akzeptiert. Doch davon ist Anina noch einige Jahre entfernt. Noch ist sie ein Kind wie jedes andere. Ein sehr fröhliches dazu.

Aktuelle Nachrichten