Betreuung

«Kinder erweitern in der Tagesfamilie ihren Lebensraum»: Psychologin Sabine Brunner im Interview

Die Tagesmutter Ramona Allaz aus Urdorf betreut täglich bis zu acht Kinder, drei davon sind ihre eigenen.

Die Tagesmutter Ramona Allaz aus Urdorf betreut täglich bis zu acht Kinder, drei davon sind ihre eigenen.

Immer mehr Schweizer Eltern lassen ihre Kinder fremdbetreuen. Ob dies eine förderliche oder eine schlechte Entwicklung ist, lässt sich laut Psychologin Sabine Brunner heute noch nicht beurteilen.

Vertraut, verlässlich und verfügbar – so definiert das Marie Meierhofer Institut für das Kind (MMI) die drei essenziellen Eigenschaften der Beziehungsperson eines Kindes. Frau Brunner, wie viele solcher Personen braucht ein Kind für eine gute Entwicklung?

Sabine Brunner: Besser nicht nur eine. Einerseits kann eine einzelne Person wegfallen oder überlastet sein. Und andererseits bieten sich einzelne Personen unterschiedlich in der Beziehung zum Kind an: die einen sind verlässlicher, die anderen verfügbarer und die dritten eventuell etwas vertrauter. In gesundem Masse ergibt dies zusammen ein Beziehungsnetz, das förderlich für die kindliche Entwicklung ist.

In der Schweiz setzen immer mehr Eltern auf Fremdbetreuung für ihre Kinder. Es gibt Psychologen, die behaupten, dass dies den Kindern schadet.

Die Schweiz war lange Zeit eine Insel inmitten von Ländern, die sich schon viel früher mit Fragen zur Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit auseinandersetzen mussten. Immer mehr Eltern lassen ihre Kinder fremdbetreuen. Fakt ist, wir haben keinen Aussenblick. Es kann sein, dass wir in 200 Jahren erkennen, dass dies eine schlechte Entwicklung war. Ich denke, man kann weder pauschal sagen, dass Fremdbetreuung den Kindern schadet, noch, dass sie ihnen guttut. Generell darf man darauf vertrauen, dass Kinder von klein auf die Fähigkeit haben, sich auf mehrere Personen einzulassen. Das ist quasi eine Lebensversicherung. Jedoch kann durch zu viel Diskontinuität in der Betreuung eine Unruhe für ein Kind entstehen. Wie sehr, ist abhängig vom Charakter und von der Art des Betreuungsnetzes.

Welchen Beitrag müssen die beteiligten Erwachsenen leisten, damit der Wechsel zwischen den betreuenden Personen ein Kind nicht verängstigt?

Ein Kind soll sich von seinen Eltern zu den Tageseltern gut übergeben fühlen. Wichtig ist das Gefühl, dass zwischen den Erwachsenen Respekt und Verständnis herrscht. Eventuell auch Freundschaft. Dabei gilt es gleichzeitig, das Verhalten eines Kindes zu beobachten. Ist es zu Hause wild oder auffällig ruhig, kann das ein Zeichen von Überforderung sein. Eltern können dann versuchen, die Ursache dafür und eine passende Lösung zu finden. Vielleicht braucht es nur eine kleine Veränderung, etwa bezüglich der Abholzeiten.

Was sind die Qualitäten, die Tageseltern mitbringen sollten?

Einen liebevollen, offenen und aufmerksamen Umgang mit den Kindern. Die Bereitschaft, sich und sein Verhalten zu reflektieren und, falls nötig, sich ein wenig zu verändern versuchen. Ein gewisses Mass an Ausbildung und professioneller Weiterbildung wirkt dabei unterstützend.

Im MMI beschäftigen Sie sich mit der frühen Förderung. Inwiefern kann ein Kind ausserhalb der Kernfamilie, etwa in einer Tagesfamilie, gefördert werden?

Bei der Frühförderung geht es nach dem Verständnis unseres Instituts nicht darum, Kinder in einem einzelnen Bereich zu fördern, sondern darum, ihnen eine entwicklungsgerechte Umgebung zu bieten. Kinder lernen ganzheitlich. Sie bringen ihre Bildung voran, indem sie lustbedingt von einem Spiel zum nächsten gehen und dabei mit allen Sinnen fundamentale Erfahrungen machen. Für Eltern wie auch für Tageseltern ist es wichtig, zu wissen, wie Kinder am besten aufwachsen und sich entwickeln. Ein Stück weit ist das Volksbildung. In der frühkindlichen Phase entdeckt ein Kind die Welt.

Mit der Betreuung in einer Tagesfamilie weitet sich sein Lebensraum aus. Vieles ist neu und aufregend: der Hinweg, der veränderte Tagesablauf, der Wohnort, die Kinder der Tageseltern, die Spielzeuge. Frühkindliche Bildung geschieht automatisch, indem man Kinder in einem genügend geschützten Rahmen, der sowohl Fürsorge, Liebe wie auch Leitplanken bietet, Erfahrungen in Eigenregie machen lässt. Eine Bedingung dafür ist, dass die Kindergruppe nicht zu gross und am besten altersgemischt ist.

Die ersten drei Lebensjahre eines Kindes gelten als entscheidend für die gesamte Entwicklung. Welchen Stellenwert hat dabei Bindung?

Eigentlich ist Bindung ein psychologisches Konstrukt. Es setzt sich damit auseinander, wie kleine Kinder in verunsichernden Situationen auf Erwachsene zurückgreifen. Das Problem dabei ist, dass man nicht jede Beziehung durch ein Raster durchlaufen lassen kann, um herauszufinden, wie viel Bindung vorhanden ist. Ein Beispiel: Bei kleinen Kindern kann man beobachten, dass sie nach einem schwierigen Tag bei der Tagesmutter oder in der Krippe erst zu Hause losheulen, während sie sich tagsüber gut hielten. Das, was Bindung ausmacht – ein vollkommenes Vertrauen und das Gefühl, aufgefangen und verstanden zu werden – liegt trotz aller ausserfamiliären Beziehungen letztlich oft bei den Eltern.

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