Urdorf

Keine Prüfungen, sondern nur freiwillige Tests im Lernatelier

«Es ist gut, frei arbeiten zu können»: Schülerinnen und Schüler der 3. Sek Urdorf im Projektunterricht. FUO

«Es ist gut, frei arbeiten zu können»: Schülerinnen und Schüler der 3. Sek Urdorf im Projektunterricht. FUO

Die Urdorfer Schule gestaltete ihre 3. Sek wie alle anderen Schulen im Kanton Zürich auf dieses Schuljahr um. Neben dem Lernatelier nimmt auch der Projektunterricht seinen Platz im Stundenplan ein.

Es ist still in der Klasse B3a des Oberstufenschulhauses Moosmatt als die az Limmattaler Zeitung zu Besuch kommt. Die Schüler sind nicht im Klassenzimmer, sondern in den extra für die neue 3. Sek eingerichteten Zimmern des Lernateliers.

Klassenlehrer Patrick Frauenfelder und Fachlehrerin Christine Schwab sind an diesem Besuchsmorgen für interessierte Eltern relativ unscheinbar präsent. Die Schüler arbeiten alle selbstständig, sei es an ihren Heften oder im Raum nebenan an den Computern.

«Einstieg in die Ruhe»

Die Schüler machen es nicht schlecht, findet Patrick Frauenfelder. Sie hätten die Bereitschaft gefunden, sich ruhig zu beschäftigen. Schwierig sei es gewesen, diesen Einstieg in die Ruhe zu finden und sich selbstständig zu beschäftigen.

«Wenn jeder seinen Punkt gefunden hat, dann läuft es, dann entsteht diese Stimmung der Ruhe. Ich bin wie ein Herdenhund, der die Gruppe beieinander hält, bis jeder sein Näpfchen gefunden hat. Dann wird es eine gute Stunde.»

Leistungsfähigkeit überprüfen

Die Schüler können ihre eigene Leistungsfähigkeit anhand von computerisierten Test selber erfahren. Danach arbeiten sie an ihren Defiziten, bis ihnen ein neuer Test ihren neusten Wissensstand ermittelt.

Das Lernatelier dient auch ganz direkt der Vorbereitung auf die Lehrzeit. Hier können Schüler spezifisch auf die Erfordernisse ihre Wunschberufs lernen. Zur eigenen und zur Kontrolle der Lehrperson führen sie ein Lernjournal. Dort listen sie ihre getätigten Arbeiten auf und schreiben, wie es weiter gehen soll. Die Lehrperson liest das Protokoll und gibt Lob und Anweisungen.

«Über Schulisches sprechen, ist in Ordnung»

Wie steht es um die Leistungsentwicklung? Lehrer Frauenfelder: «Sehr unterschiedlich. Es gibt ja im Lernatelier keine Prüfungen mehr, sondern nur freiwillige Tests. Es ist aber für den Schüler sehr unterstützend, Räume und Zeiträume zu besitzen, wo er alleine etwas machen kann. Ich bin der Coach, erkläre und gebe Tipps, ich reagiere auch, stupfe ihn an. Ich toleriere im Gegensatz zu anderen Lehrern sogar das Sprechen. Wenn über das schulische gesprochen wird, ists in Ordnung.»

Lehrer sind begeisterter als die Schüler

Es komme auf den Charakter der Schüler an, denkt Christine Schwab über die Leistungsentwicklung. Konzentriert arbeiten wollen sei das eine, die Eigenmotivation, dies braucht, fehlt zum Teil noch. Sie habe gemerkt, dass die Lehrer das Projekt besser finden als die Schüler.

Die Schüler hätten es fast lieber, wenn die Lehrerschaft ihnen sagen würde, wo es durchgeht. «Deshalb fangen wir nun schon in der ersten Sekundarklasse mit Elementen des Lernateliers an, damit sie sich daran gewöhnen können.»

Auf dem Weg zur Eigenmotivation

Schüler Timon Hanselmann findet, die Materie sei schwer zu organisieren, aber wenn man konzentriert arbeite, komme man weit in den zwei Stunden. Er findet es gut, frei arbeiten zu können, mühsam sei allerdings, dass er alles selber organisieren müsse.

Er konzentriert seine Lernaktivitäten auf die Mathematik. «Das ist das, was ich für die Lehrstelle brauche. Bei den Tests habe ich gemerkt, wo ich noch nicht so gut bin.»

In der Klasse von Lehrer Frauenfelder beträgt die Lektionenzahl 30 pro Woche. Zwei Stunden werden fürs Lernatelier, drei für den Projektunterricht verwendet.

Kontakte mit der «Aussenwelt»

Die nächste Stunde in einem anderen Zimmer. Die Klasse Sek A3a konkretisiert in kleineren Gesprächsrunden ihre Abschlussarbeiten für Ende Schuljahr. Wir sind im Projektunterricht. Im ersten Halbjahr hätten sie die Methode kennen gelernt und Miniprojekte auf die Beine gestellt, erklärt Fachlehrerin Christine Schwab.

Aus den fünf Handlungsschwerpunkten organisieren/konzipieren, recherchieren/dokumentieren, forschen/entdecken, erfinden/fantasieren sowie konstruieren/gestalten wählen sie einen Schwerpunkt für ihre Arbeit aus. Eine Schülerin beispielsweise will erforschen, wie das Leben in einem Internat ist. Andere wählen Themen wie Frühgeburten. Modell einer Wohnsiedlung, Diabetes, Bistro an der Abschlussveranstaltung samt Businessplan, Modellflugzeug oder serbischer Volkstanz.»

«Die Schüler werden viel Eigeninitiative zeigen und werden externe Fachpersonen beiziehen müssen», sagt Schwab. «Sie werden sehr viel Zeit ausserhalb der Schule verbringen, mit Erlaubnis der Eltern.» Früher hätte man nicht so viel Zeit gehabt für Projekte. Man sei heute froh darüber.

«Haben endlich Zeit dafür»

Schulleiterin Trudi Müller Blau sagt, Abschlussarbeiten würde man an der Sek in Urdorf schon seit vielen Jahren herstellen. «Mit den drei Lektionen pro Woche Projektunterricht haben wir jetzt auch richtig Zeit dafür. Früher war alles noch beim Deutschunterricht angesiedelt.»

Sie findet es schön, dass man auf Sekundarstufe ein Gefäss erhalten habe, wo die Schüler systematisch an ein Projekt herangeführt werden können. Weil Projektunterricht anspruchsvoll ist und die Lehrpersonen gleichzeitig an vielen Orten sein müssen, sind immer zwei Lehrpersonen im Projektunterricht anwesend. Es gilt, ihn weiter zu entwickeln und das Know-how an die 2.-Sek-Lehrer weiterzugeben, die den Unterricht bald selber anwenden werden.

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