Die klagende Stimme Julias dringt durch den Stadtpark Kirchhalde. Leise spielt im Hintergrund eine Gitarre, dann ergreift Romeo das Wort. Neugierig bleiben Passanten stehen und versuchen, einen Blick auf die Freilichtbühne des Theaters Kanton Zürich zu erhaschen. Doch die Kulisse ist von schweren Vorhänge umrahmt, noch laufen die Proben im Geheimen. Der grosse Auftritt für die Öffentlichkeit findet heute Abend statt.

Obwohl nicht mehr viel Zeit bleibt, bis die Premiere aufgeführt wird, ändert Manuel Bürgin noch immer einzelne Details der Szenen. Mit kritischem Auge beobachtet der Regisseur, der ab der Spielzeit 2015/16 die Leitung des Theaters Winkelwiese in Zürich übernimmt, von der Tribüne aus die Sterbeszene von Romeo und Julia. Er ist noch nicht zufrieden und springt von seinem Platz auf. Julia solle näher bei ihrem Geliebten sei, wenn sie das Zeitliche segne, sagt er. Gemeinsam mit den Schauspielern bespricht er mögliche Alternativen. Es ist bereits das dritte Mal, das Bürgin für das Theater inszeniert. Dass bis zum Schluss noch gewisse Dinge abgeändert werden, sei ganz normal, erklärt Nicolas Batthyany, der im Stück Romeo spielt. Es gehöre zu seinem Job, auch selbst Vorschläge zu machen und sich einzubringen.

Zeit, vor Publikum zu spielen

Der 35-Jährige kann es kaum mehr erwarten, bis der Vorhang in Dietikon fällt. Es sei nun an der Zeit, das Ganze vor Publikum zu zeigen, sagt er. Nach acht Wochen Proben fühle er sich gut vorbereitet. Dass die Aufführung aufgrund der schlechten Wetterprognosen nun aber nach drinnen ins reformierte Kirchgemeindehaus verlegt werden muss, bedauert der gebürtige Österreicher. Unter freiem Himmel zu spielen, sei ein ganz besonderes Erlebnis. In geschlossenen Räumen spiele man ganz anders. «Die Stimme ist leiser, die Bewegungen kleiner», sagt Batthyany.

Auch Judith Cuénod, die im Stück Julia spielt, hätte sich über einen Auftritt draussen gefreut. Bereits vor zwei Jahren wirkte sie in der Freilichtproduktion von «Dracula» mit. Dennoch freut auch sie sich auf die Premiere. «Gerne würde ich selbst einmal als Zuschauerin dabei sein», sagt sie.

Während die Schauspieler einzelne Szenen immer wieder spielen und optimieren, haben auch die Techniker noch alle Hände voll zu tun. Der Klang der Stimmen ist nicht optimal, der Raucheffekt zu extrem. Die Kostümnäherin Diana Ammann hat sich ebenfalls auf die Tribüne gesetzt und näht eine offene Naht zusammen. Eines darf aber auch bei der ganzen Hektik nicht fehlen: der Humor. Immer wieder werden Sprüche gerissen oder dem Regisseur nicht ganz ernst gemeinte Vorschläge unterbreitet. Schauspieler Christoph Rath, der Lorenzo spielt, will beispielsweise unbedingt verhindern, dass das Theaterstück ein tragisches Ende nimmt. Immer wieder kommt ihm eine neue Idee, wie abgewendet werden könnte, dass Romeo den giftigen Trank zu sich nimmt, der seinem Leben ein Ende setzt. Doch ganz so viel Entscheidungsfreiheit überlässt Bürgin den Schauspielern dann doch nicht.

Wie das Freilichttheater in geschlossenen Räumen beim Publikum ankommt, wird sich heute Abend zeigen. Uwe Heinrichs, der leitende Dramaturg des Theaters, ist jedoch zuversichtlich. Das Stück vermöge sowohl drinnen als auch draussen zu überzeugen, sagt er.