Geroldswil
Keine Feuerspucker und Konzerte: Kulturparty fällt dem Rotstift zum Opfer

Die Kulturkosten haben sich verachtfacht. Der Gemeinderat setzt zum Schnitt an.

David Egger
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Weder Feuerspucker noch Kulturparty.

Weder Feuerspucker noch Kulturparty.

Kathrin Schneider

Keine Feuerspucker, keine Konzerte, kein Kinder-Nachmittag: Die fünftägige Kulturparty auf dem Dorfplatz Geroldswil findet 2017 nicht statt. Der Gemeinderat hat entschieden, die für 2016 abgeschlossene Leistungsvereinbarung mit Werner Stulzens Einzelfirma Events Geroldswil nicht zu erneuern.

Im Rahmen der Vereinbarung gibt die Gemeinde dieses Jahr 83 000 Franken aus. Gut die Hälfte dieses Geldes, nämlich 43 000 Franken, werden mit Steuergeldern berappt. Weitere 40 000 Franken stammen aus dem Restvermögen des Kulturvereins Spektrum. Der Verein hatte die Limmattaler Kulturparty vor acht Jahren ins Leben gerufen und wurde 2015 mangels Nachfolgern für den Vorstand aufgelöst. 2017 müsste die Gemeinde also selber 80 000 Franken aufwenden – zu viel für den Gemeinderat. Zu den hohen Kosten trug auch bei, dass die Kulturparty zuletzt keinen Eintritt mehr kostete.

«Vor zehn Jahren gab die Gemeinde noch 10 000 Franken für Kultur aus. Dieser Posten ist also innert kurzer Zeit sehr stark angestiegen. Nun musste der Gemeinderat auf die Bremse stehen», sagt Gemeindeschreiber Beat Meier. 80 000 Franken jährlich für die Kultur sei zu viel für ein Dorf dieser Grösse.

Zusammen mit der Kulturparty fallen nächstes Jahr womöglich auch andere von Werner Stulz organisierte Anlässe weg, zum Beispiel der Comedy-Herbst oder das Christmas-Concert. Ein Teil könnte erhalten bleiben: 2017 gibt die Gemeinde noch 10 000 Franken für kulturelle Veranstaltungen aus – wofür, ist zurzeit aber noch offen.

Die Gemeinde wird die Bevölkerung im Dezember aufrufen, zusammen mit Gemeindevertretern ein Konzept für Veranstaltungen zu erarbeiten. Dabei sollen Fragen geklärt werden wie zum Beispiel, was die Kultur in Geroldswil beinhalten und wer damit angesprochen werden soll.

Das Ende dieser Streichung bei der Kultur ist in einem grösseren Kontext zu sehen: Wegen der Finanzlage sah sich der Gemeinderat zu diversen Sparmassnahmen gezwungen, damit der Verlust 2017 nicht zu gross wird. Die Kulturausgaben sind nur ein Teil von Dutzenden Massnahmen (siehe Text unten).

Bedauern beim «Spektrum» ist gross

Gleichwohl kommt der Verlust der Kulturparty nicht gut an – zum Beispiel bei Ursula Hofstetter. Sie war früher Präsidentin des 1974 gegründeten Kulturvereins Spektrum und amtete von 2002 bis 2014 als Gemeindepräsidentin. Sie sagt: «Mit 10 000 Franken lässt sich nicht viel machen.» Nur noch kleinere Veranstaltungen würden so drinliegen. «Es wäre ehrlicher gewesen, den Betrag gleich ganz zu streichen», so Hofstetter. «Ich bedaure es, dass die professionelle Zusammenarbeit mit Werner Stulz nach nur einem Jahr beendet wird. Es ist schade um die aufwendige Grundlagenarbeit, die er gemacht hat.» Dazu gehört zum Beispiel das Erstellen der Website von Events Geroldswil, wo sich auch Tickets für die Anlässe kaufen lassen.

Diese Anlässe fanden zumeist in Räumlichkeiten des Hotels Geroldswil statt. Aber auch auf dem Dorfplatz, bei der Kulturparty, war das Hotel mit dabei: Es übernahm jeweils die Gastronomie. Zum vorläufigen Ende der Kulturparty sagt Hotel-Chef Roberto Carpentieri auf Anfrage: «Das ist schade für die Geroldswiler und auch für uns. Es war zwar ein grosser Aufwand, der finanziell nicht sehr ertragreich war, aber als Dienst am Dorf haben wir das sehr gerne gemacht.»

Werner Stulz, Veranstalter der Kulturparty

Werner Stulz, Veranstalter der Kulturparty

Zur Verfügung gestellt

Für Organisator Werner Stulz ist am Ende der Zusammenarbeit vor allem eines erstaunlich: «Für die Verhandlungen hatte ich zwei Budget-Varianten erarbeitet, die günstigere hätte noch 50 000 Franken jährlich gekostet. Der Gemeinderat ging aber nicht darauf ein. Ich war überrascht, da der Gemeinderat mich vor vollendete Tatsachen stellte.» Stulz bedauert den Entscheid des Gemeinderats zwar, kritisiert ihn aber nicht: «Dafür kenne ich mich mit dem Gemeindebudget zu wenig aus», sagt er.

Die Sparmassnahme für 2017 bedeutet aber noch nicht das definitive Ende für die Kulturparty, sagt Gemeindeschreiber Meier: «Der Gemeinderat will unabhängig vom Bisherigen neu anfangen. Es ist alles möglich, vielleicht ist die Kulturparty 2018 also in gewohnter oder anderer Form zurück.»

So ist es zur Sparübung gekommen

Bei der Erstellung des Budgets 2017 musste die Gemeinde mehrmals über die Bücher, bis schliesslich ein Verlust von nur noch 1,2 Millionen Franken resultierte. Zuerst war das Defizit noch doppelt so hoch: Im Budgetentwurf resultierten 2,5 Millionen Franken Verlust. Mit «enormen Sparanstrengungen» und der Halbierung zusätzlicher Abschreibungen werden total 1,3 Millionen Franken eingespart.

Im Gros der einzelnen Sparmassnahmen, die bis ins kleinste Büromaterial-Konto gehen und die zusammen die grosse Million ausmachen, ist die Streichung bei der Kultur nur ein Teil (Spareffekt zwischen 30 000 und 70 000 Franken). Wie Gemeindeschreiber Beat Meier auf Anfrage mitteilt, sind die drei grössten Sparposten die folgenden: Weniger Abschreibungen (608 000 Franken), ein tieferer Sachaufwand (326 000 Franken) und geringere Sozialkosten (224 000 Franken). In der Mitteilung auf ihrer Website weist die Gemeinde darauf hin, dass 85 Prozent des Aufwands durch übergeordnete Gesetze und vertragliche Vereinbarungen ausgemacht werden. Der für 2017 budgetierte Aufwand beträgt nun 20,8 Millionen Franken.

In den letzten zehn Jahren war nur der für 2016 budgetierte Aufwand (21,6 Millionen Franken) höher. Seit 2015 liegt der Aufwand wieder bei über 20 Millionen Franken. Zuvor lag er während fünf Jahren unter dieser Grenze. Aber auch die ordentlichen Steuereinnahmen sollen 2017 wieder steigen: Mit 6,6 Millionen Franken wird gerechnet, das sind 176 000 Franken mehr als im Budget für das Jahr 2016. Der Steuerfuss der politischen Gemeinde soll bei 44 Prozent bleiben. Das Eigenkapital verringert sich wegen des Verlusts auf 12,5 Millionen Franken. Im rechten Limmattal verfügt nur Oberengstringen über mehr Eigenkapital als Geroldswil, die Gemeinde spricht selbst von einem «ansehnlichen Nettovermögen». Die neue Zentrumsüberbauung, über deren Gestaltungsplan die Gemeindeversammlung am 5. Dezember abstimmt, soll wesentlich zur Gesundung des Finanzhaushalts beitragen. (DEG)