Eigentlich ging der damals 24-jährige Schweizer im Sommer 2014 zur Polizei, um seine Frau als vermisst zu melden. Stattdessen landete er für über zwei Monate im Knast. Denn wenige Stunden zuvor hat ihn seine Frau unter anderem wegen Vergewaltigung angezeigt.

Kennen gelernt und verlobt haben sie sich im Sommer 2013, als der Limmattaler seine Ferien im Kosovo verbrachte, seinem Geburtsland. Im Januar reiste die damals 18-jährige Kosovarin in die Schweiz ein, 15 Tage später folgte die Schliessung der zivilen Ehe in Dietikon. Eine arrangierte Ehe, so die Meinung der Anwältin der Klägerin. Im Februar soll dann aus dem Mann ein Peiniger geworden sein. Der Staatsanwalt forderte sechs Jahre Freiheitsstrafe, sprach von einem «folterähnlichen Regime» und «sexueller Versklavung». Geschlagen, gefesselt, geknebelt sowie vaginal und oral vergewaltigt habe er seine Frau. Und ihr immer wieder mit dem Tod gedroht – bis es die Frau nicht mehr aushielt: Am Mittag des 26.  Juni 2014 flüchtete sie aus der Wohnung, in der sie mit dem Ehemann und dessen Familie wohnte. Sie wendete sich an einen Busfahrer für Hilfe. So kam sie zur Polizei, wo sie Anzeige erstattete.

Widersprüche auf beiden Seiten

Der Angeklagte sah das anders: Am Tag zuvor habe er ihr eröffnet, dass er sich scheiden lassen will. Er hatte immer mehr das Gefühl, dass sie ihn nur der Papiere wegen geheiratet hatte. Als die Familie am Nachmittag nach Hause kam und merkte, dass die junge Frau weg war, meldeten sie sie bei der Polizei als vermisst. Der Polizist fragte, ob die Gattin denn nicht einfach am Einkaufen sei. Sie kenne sich nicht aus und gehe nie raus, antworteten die Angehörigen. Für die Anwältin ein klares Indiz dafür, dass die Frau in der Wohnung festgehalten wurde – sonst hätte ihr Weggang die Familie nicht derart beunruhigt. Die Klägerin sagte bei den Ermittlungen, der Mann habe ihr verboten, die Wohnung alleine zu verlassen. Weil sie aber zweimal nachweislich alleine in ein Nachbardorf gereist ist, war das ein Widerspruch. Offenbar nicht der einzige: Bei den Befragungen sprach sie mal von einer arrangierten Ehe, mal von einer Liebesheirat.

Zudem erzählte sie, vier Tage vor der Anzeige bewusstlos geprügelt worden zu sein, doch konnten keine Verletzungsspuren in diesem Sinne nachgewiesen werden. «Ich würde nie einer Frau etwas antun, das alles ist eine Verschwörung», sagte der Angeklagte. Er hat keine weisse Weste: So wurde er schon bestraft wegen Verstoss gegen das Waffengesetz und das Strassenverkehrsgesetz. Weiter wurde ihm der Konsum von Kokain und MDMA nachgewiesen.

Nach einem über zweistündigen Plädoyer des Verteidigers wurde der Mann in dubio pro reo freigesprochen. Der gesamthafte Überzeugungsgrad der belastenden Elemente, welche die Untersuchung zutage förderte, reiche nicht für eine Verurteilung. Aus dem Freispruch könne aber nicht abgeleitet werden, dass die Frau bewusst die Unwahrheit gesagt hatte, so Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher. Auch die Aussagen des Beschuldigten hätten Widersprüche und Ungereimtheiten enthalten.

Als Nächstes die Scheidung

Das Kontaktverbot zur Ehefrau wird aufgehoben. Wegen der 67 Tage in Untersuchungshaft erhält der Beschuldigte total 22 500 Franken Genugtuung und Schadenersatz für den Lohnausfall.

Nachdem sie in einem Frauenhaus Unterschlupf fand, lebt die Klägerin heute in einer Institution für begleitetes Wohnen. Gestern wurde sie durch ihre Anwältin vertreten. Seit einem Eheschutzverfahren Ende 2014 zahlt der gestern freigesprochene Mann mehr als 1000 Franken Unterhalt pro Monat. Nun soll die Scheidung beginnen.