Ihr Motorengeheul erschallt täglich zwischen Altberg- und Limmatfeld-Quartier in Dietikon. Sie drücken ihr Gaspedal in der SBB-Unterführung voll durch und fahren schnell und hochtourig in Richtung Limmatbrücke. Die hohen Gebäude beidseits der Strasse werfen den Schall hin und her, zum Leidwesen zahlreicher Anwohner.

Einer dieser Autofahrer ging der Polizei am 11. Juni 2018 ins Netz: Um 20.27 Uhr schoss er in seinem Mercedes über die Überlandstrasse, ein Fussgängerstreifen inklusive. Auf Höhe der Buchsackerstrasse zeigte sein Tacho 124 Kilometer pro Stunde an. Erlaubt sind dort aber nur 60 Kilometer pro Stunde. Ein klarer Raser-Fall.

«Durch die hohe Geschwindigkeit nahm er wissentlich und willentlich das hohe Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern in Kauf», schrieb die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis später in der Anklageschrift.

Als die Ermittler das Mobiltelefon des Rasers durchsuchten, fanden sie zudem ein Video eines weiteren Delikts. Der Raser hatte sich dabei gefilmt, wie er während einer 180-Meter-Fahrt auf einer kleinen Strasse in Zürich Altstetten seinen Sohn auf dem Schoss hatte und mehrfach ans Lenkrad liess. Beide waren nicht angegurtet. Der Sohn im Kindergartenalter war damit in grosser Gefahr, wie Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher bei der Verhandlung am Mittwoch festhielt. «Stellen Sie sich vor, es wäre ein Tier vors Auto geraten und Sie hätten reagieren müssen», sagte er. Bei einer solchen Kollision wäre der Junge zwischen seinem Vater und dem Lenkrad eingeklemmt worden. Schwere Verletzungen wären die Folge gewesen. «Keine Bagatelle», so der Richter.

«Er braucht einen Denkzettel»

Es handelte sich um ein abgekürztes Verfahren. Der Angeklagte, der auch schon in München mit 20 km/h zu viel erwischt wurde, kooperierte mit der Staatsanwaltschaft und besucht ein deliktorientiertes Interventionstraining im Einzelsetting, zu dem ihn nun auch das Gericht offiziell verpflichtete. Weiter erhält der Raser eine Freiheitsstrafe von 22 Monaten bedingt bei einer Probezeit von vier Jahren. Zudem wurde eine ursprünglich bedingt ausgesprochene Geldstrafe des Bezirksgerichts Zürich aus dem April 2018 widerrufen. Das heisst, er muss nun die 210 Tagessätze à 30 Franken zahlen, total 6300 Franken. Hinzu kommen 4170 Franken Verfahrenskosten und 1500 Franken Gerichtsgebühr. Der Täter brauche einen Denkzettel, damit ihm eine günstige Prognose ausgestellt werden könne, erklärte Richter Aeschbacher.

Eine zusätzliche Strafe – für den Täter ist sie womöglich die härteste – ist der Führerausweisentzug, den das Zürcher Strassenverkehrsamt nun aussprechen wird. Der heute 30-jährige Limmattaler mit zwei ausländischen Staatsbürgerschaften arbeitete seit Jahren als Chauffeur und ist jetzt arbeitslos.

Auch privat läuft es nicht rund. Die Frau ist mit jemand anderem durchgebrannt, eine Scheidung ist wahrscheinlich, die Familie mit mehreren Kindern lebt vom Arbeitslosengeld. «Es ist sehr knapp», sagte der Mann vor Gericht.

Als Aeschbacher ihn fragte, welche Zukunftspläne er habe, antwortete er: «Ich bin so auf die Schnauze gefallen wie noch nie in meinem Leben. Ich will nur noch das Beste daraus machen.»

Bezirksgebäude Dietikon beim Bahnhof Dietikon, Kantonsspolizei, Bezirksgericht, Gefängnis, 14. Februar 2018.

Der Raser wurde vom Bezirksgericht Dietikon verurteilt.

Bezirksgebäude Dietikon beim Bahnhof Dietikon, Kantonsspolizei, Bezirksgericht, Gefängnis, 14. Februar 2018.