Limmattal

Kein Pardon, wenn der Lehrerin die Hand ausrutscht

Die Oberstaatsanwaltschaft führt keine Statistik, wie oft es zu Anzeigen von Schülern gegenüber Lehrern kommt.

Die Oberstaatsanwaltschaft führt keine Statistik, wie oft es zu Anzeigen von Schülern gegenüber Lehrern kommt.

Eine Lehrerin soll gegenüber Schülern handgreiflich geworden sein, Schule weist Vorwürfe zurück.

Das Video ist verwackelt, eine Hand verdeckt anfänglich die Sicht auf das andere Ende des Schulzimmers. Dort erkennt man plötzlich einen jungen Mann, der vor einer Frau steht. Ein lautstarker Konflikt, ein Wortgefecht ist nicht zu vernehmen. Doch dann holt die zierliche Dame aus – wehrt sie seinen Arm ab oder teilt sie ihm eine Ohrfeige aus? Eindeutig ist dies nicht zu erkennen. Er schützt sich, greift nach ihrer Hand und macht einen Ausfallschritt weg von ihr.

Die Aufnahme stammt aus einem Dietiker Schulhaus, ein Mitschüler hat sie gemacht. Der Knabe im Film heisst D.F.*. Für ihn ist die Sache klar: Er wurde geschlagen. Vor der besagten Ohrfeige sei er ohne zu fragen auf die Toilette gegangen, als er zurückkam, sei seine Lehrerin* wütend gewesen und habe ihn angegriffen, sagt er gegenüber der Limmattaler Zeitung. Laut Angaben von D.F. ereignete sich diese Szene Ende des vergangenen Jahres. Er und die Lehrerin hätten im Anschluss ein Gespräch mit dem Schulleiter gehabt, dieser habe den Schüler verantwortlich für die Situation gemacht. Seither sei Gras über die Sache gewachsen.

Anfang Februar sei die Situation erneut eskaliert. Schüler K.L.* war im Unterricht bei besagter Lehrerin. Er habe «ein wenig Unfug gemacht», gibt er zu. Doch die Lehrerin habe völlig überreagiert. «Sie hat mehrmals auf mich eingeschlagen, ein Mal auch auf den Kopf», sagt er. Er habe im Anschluss festgestellt, dass er leicht blute, sah jedoch davon ab, ins Spital zu gehen oder Anzeige bei der Polizei zu erstatten, da sich die Lehrerin im Anschluss bei ihm unter Tränen entschuldigt habe. «Sie tat mir dann auch ein wenig leid.» Doch: Die Lehrerin habe bereits in der Vergangenheit Grenzen überschritten. So bestätigen beide Schüler, dass die Frau im vergangenen Jahr ein Mädchen an den Haaren gezogen habe – alle drei Vorfälle ereigneten sich vor den Augen der Schulklasse.

Schläge habe es keine gegeben

Anders schildern dies die Verantwortlichen der Schule. Vom ersten Vorfall habe man überhaupt keine Kenntnis und jener von vergangener Woche sei aufgearbeitet worden, sagt Schulpräsident Jean-Pierre Balbiani (SVP). «Der Schüler kam mit einem Hammer ins Schulzimmer», sagt er weiter. «Er war nicht in der Klasse der Lehrerin, diese war eingeschüchtert. Geistesgegenwärtig und mit viel Zivilcourage wies sie den Schüler zurecht», sagt er, Schläge seien keine ausgeteilt worden. Im Nachgang hätten sich die Beteiligten mit dem Klassenlehrer zusammengesetzt und die Sache geklärt. Hätten zu irgendeinem Zeitpunkt Schläge nachgewiesen werden können, wäre man der Sache auf den Grund gegangen. Auch vom Video ist Balbiani in Kenntnis. Doch sei darauf nichts Eindeutiges zu erkennen, sagt er.

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Die Aussagen der beiden Schüler decken sich mit jener einer Drittperson*, die nicht namentlich genannt werden möchte. Zudem liegt das eingangs beschriebene Videomaterial der Limmattaler Zeitung vor. Es ist jedoch sehr verwackelt und dauert nur zehn Sekunden. Wer was getan hat, ist schwierig zu beurteilen.

Keine Statistik zu anderen Fällen

Zu einer Anzeige ist es bei keinem der beschriebenen Fälle gekommen. Nicht nur deshalb ist es schwierig, die Frage, wie oft Fälle von physischer Gewalt gegenüber Schülern vorkommen, zu beantworten. Die Oberstaatsanwaltschaft beispielsweise führt keine Statistik über die Anzeigen von Schülern gegenüber Lehrern, wie Sprecherin Corinne Bouvard auf Anfrage sagt.
Auf Nachfrage sagen diverse Schulverantwortlichen im Limmattal, dass ihnen keine Fälle von Gewaltanwendung in ihren Schulen bekannt seien. Man würde aber, sagt der Urdorfer Schulpräsident Stefan Zehnder, käme es zu einem solchen Fall, erst ein Gespräch mit der Lehrperson und der Schulleitung sowie dem Schulpräsidium organisieren. Im Anschluss müsste dann das Gespräch mit den Eltern und dem Schüler gesucht werden, so Zehnder.

Auch der Oberengstringer Schulpräsidentin Elsbeth von Atzingen ist in ihrer Gemeinde kein Fall von physischer Gewalt bekannt. Es werde jedoch erwartet, dass die Schulleitung und das gesamte Kollegium auf Stress und Überforderung bei Lehrerkollegen sensibilisiert seien, sagt sie. «Auch die Schulsozialarbeit kann erste Warnsignale wahrnehmen.» Zudem sei die Schulleitung darauf bedacht, bei der Zuteilung der Aufgaben an die Lehrpersonen auf deren persönliche Ressourcen zu achten. Auch dies könne als Präventionsmassnahme gesehen werden. «Schlägt eine Lehrperson eine Schülerin oder einen Schüler, wäre dies ein schwerwiegender Mangel in der Ausübung der Berufspflicht», sagt Beatrice Krebs, Schulvorsteherin von Schlieren. Sei gar eine Gefährdung der Klasse zu befürchten, könne die Bildungsdirektion eine Lehrperson vom Schuldienst freistellen.

Auch Jean-Pierre Balbiani spricht von einer Null-Toleranz-Grenze in den Dietiker Schulen. «Es darf nicht vorkommen, dass einem Lehrer die Hand ausrutscht», sagt er.

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