Dietikon

Kehrichtverbrennung Dietikon wird durch Abwasserreinigung ersetzt

Zusammenarbeit: Limeco-Verwaltungsratspräsident Jean-Pierre Balbiani, Limeco- Geschäftsführer Patrick Feusi, Harald Wanger und Guido Fischer von der KVA Buchs sowie Roger Huber und Peter Ender von der KVA Turgi. SANDRA ARDIZZONE

Zusammenarbeit: Limeco-Verwaltungsratspräsident Jean-Pierre Balbiani, Limeco- Geschäftsführer Patrick Feusi, Harald Wanger und Guido Fischer von der KVA Buchs sowie Roger Huber und Peter Ender von der KVA Turgi. SANDRA ARDIZZONE

Die Kantone Aargau und Zürich wollen bei der Kehrichtverbrennung zusammenspannen: Weil die Anlagen in Dietikon und Turgi in die Jahre kommen. Die Limeco hofft, eine Gross-Verwertungsanlage ins Limmattal bringen zu können und der jetzige Standort für eine neue Abwasserreinigungsanlage zu nutzen.

Die Kehrichtverwertungsanlage (KVA) in Dietikon wird bis spätestens 2035 ihr technisches Lebensende erreicht haben. Zwar sind bis dahin noch einzelne Sanierungsmassnahmen möglich. Ab dann müsste aber die ganze Anlage erneuert werden, um noch auf sinnvolle Art und Weise zu funktionieren.

Das Problem: Gemäss der seit diesem Jahr vorliegenden kantonalen Verordnung zur Umsetzung der 1987 rechtskräftig gewordenen nationalen Moorschutz-Initiative liegt die Kehrichtverwertungsanlage in der sogenannten Moorschutz-Pufferzone. Der Bau, wie er heute dort steht, könnte künftig nicht mehr in dieser Form bewilligt werden, dafür ist er zum Beispiel zu hoch. Als KVA-Standort muss er aufgegeben werden.

Nicht ganz so stark, aber wegen Gewässerschutzauflagen ebenfalls eingeschränkt, ist die Entwicklung der Anlage etwas weiter Limmat-abwärts, in Turgi. Die dortige Kehrichtverwertungsanlage, die gut 50 Prozent mehr Abfall verwertet als die Anlage in Dietikon, ist eingeklemmt zwischen der Limmat und Bahngleisen und erreicht um 2030 ihr Ablaufdatum.

Zusammen mit der noch etwas grösseren Anlage in Buchs, die nahe Aarau direkt an der Autobahn liegt, prüfen Turgi und Dietikon nun eine Zusammenarbeit. Der Anstoss dazu kam vom Badener Stadtrat Roger Huber (FDP), dem Präsident des Gemeindeverbands hinter der KVA Turgi. «Für uns kam die Anfrage aus dem Aargau zum absolut richtigen Zeitpunkt», sagte der Dietiker Stadtrat und Limeco-Verwaltungsratspräsident Jean-Pierre Balbiani (SVP) gestern an der Pressekonferenz in der Umwelt-Arena in Spreitenbach.

Es braucht 200 000 Tonnen Müll

Die Kooperation hat auch mit der Marktsituation zu tun, die mit immer grösseren Kehrichtverwertungsanlagen stets härter wird – gut die Hälfte des Abfalls stammt nicht aus Haushalten, sondern von Firmenkunden, die ihre Kehrichtverwertungsanlage nach den jeweils geltenden Konditionen auswählen. «Betriebswirtschaftlich liegt die optimale Grösse einer Kehrichtverwertungsanlage bei 200 000 Tonnen Kehricht pro Jahr», sagt Balbiani.

Diese Zahl kann die Dietiker Limeco nicht ohne Kooperation erreichen, obwohl ihr Einzugsgebiet das Säuliamt umfasst und bis ins Freiamt reicht. Eine Vorgabe bringt die Limeco zudem in die Feinevaluation mit, die nun beginnt: Den Limeco-Trägergemeinden muss total stets die Möglichkeit zur Verwertung von mindestens 120 000 Tonnen Kehricht pro Jahr gewährleistet sein. Vorgesorgt ist auch dafür, falls es im Limmattal künftig keine KVA mehr gibt.

Die längeren Transportwege zu einer KVA im Aargau, die sich dadurch ergeben, würden finanziell durch jene Gemeinden abgegolten, die weniger lange Wege haben. Der dafür nötige Kostenausgleich ist zwar kompliziert, aber keine Weltneuheit: Im Kanton Zürich hat er sich bei der Verwertung des Klärschlamms in der Werdhölzli-Anlage bereits bewährt.

Bei der Grobevaluation der Zusammenarbeit, welche die drei Kehrichtverwertungsanlagen seit Sommer 2015 durch die spezialisierte Firma TBF und Partner AG aus Zürich vornehmen liessen, haben sich zwei Kooperationslösungen herauskristallisiert, die in der nun folgenden zweijährigen Feinevaluation genauer verfolgt werden.

Bei beiden Varianten ist der Rückbau der KVA Dietikon vorgesehen.

Bei der ersten Variante wird die Kapazität der KVA Turgi von über 120 000 Tonnen Kehricht pro Jahr auf eine Menge von 70 000 bis 90 000 Tonnen reduziert. Dafür wird die Kapazität der KVA in Buchs verdoppelt, sodass sie künftig 240 000 Tonnen Kehricht pro Jahr aufnehmen kann. Mit dieser Variante wird die Kapazität all dieser Anlagen zusammen in etwa auf gleichem Niveau behalten, also auf etwas mehr als 330 000 Tonnen pro Jahr.

Eine Erhöhung auf 380 000 Tonnen sieht hingegen Variante 2 vor. Dafür werden die Standorte Turgi und Dietikon zurückgebaut, Buchs wird auf 180 000 Tonnen ausgebaut und an einem völlig neuen Standort im Einzugsgebiet der Limeco und der KVA Turgi sollen 200 000 Tonnen Müll verwertet werden.

Für die einzelnen KVA haben die Verhandlungen zwei Seiten. Zum einen wird eine Zusammenarbeit geprüft, mit der man sich weiterhin erfolgreich im Markt halten und die Marktposition gar verbessern kann, um zum Beispiel gegen das topmoderne KVA Perlen im Kanton Luzern bestehen zu können.

Angenommen, dass es zur Variante 2 kommt, hoffen aber beispielsweise die Limeco-Vertreter zusätzlich darauf, dass die neue Gross-Anlage für 200 000 Tonnen im Limmattal zu stehen kommt – «selbstverständlich hoffen wir das», sagt Balbiani darauf angesprochen. Denn je näher die Wege, desto attraktiver ist man als Limeco für die Kunden aus der Privatwirtschaft. Steuergelder darf man sich vom Betrieb aber keine erhoffen, da KVA als Staatsbetriebe steuerbefreit sind.

Zudem geht es um die Beibehaltung von Arbeitsplätzen und wie diese eingesetzt werden. «Die Limeco könnte mit gleich grossem Personalbestand dreimal mehr Kehricht verwerten», erklärt Limeco-Geschäftsführer Feusi. Mit einer grösseren Anlage im Limmattal könnte dieses Potenzial genutzt werden. Konkret sind die Gemeinden im Einzugsgebiet der drei KVA aufgerufen worden, 40 000 Quadratmeter grosse Parzellen zu melden, die sich für den Bau einer KVA eignen. «Solche Flächen gibt es auch im Limmattal», versichert Feusi.

ARA wechselt an KVA-Standort

Für die Limeco, die einst als Kläranlagenverband entstanden ist, spielt in der ganzen Diskussion auch die Abwasserreinigungsanlage (ARA) an der Limmat in Dietikon eine Rolle. Sie wurde zwar 2012 ausgebaut und wird als eine der modernsten Abwasserreinigungsanlagen Europas beworben.

Doch in 15 bis 20 Jahren erreicht sie ihre Kapazitätsgrenze. Am heutigen Standort ist ein Neubau auf keinen Fall möglich, da sich dieser in der Moorschutzzone selbst befindet, wo künftig überhaupt keine Bauten erlaubt sind – so sieht es der entsprechende Verordnungsentwurf vor. Der neue Standort für die ARA ist aber bereits bestimmt: Sie soll exakt auf der Parzelle entstehen, wo heute die KVA der Limeco steht. Der Platz reicht aus und ARA-Gebäude sind nicht derart hoch wie KVA-Gebäude.

Zudem hat die Kooperation auch Einfluss aufs Fernwärmenetz (siehe Artikel oben). Sollte die Limeco dieses künftig aus alternativen Energien speisen müssen, die entsprechend teurer sind, würden ihr die Kosten dafür von den anderen Gemeinden in der Zusammenarbeit ausgeglichen werden. Zu späteren Zeitpunkten ist es auch möglich, dass weitere Partner in die Kooperation eingebunden werden.

Der Zürcher Regierungsrat Markus Kägli liess zur geplanten Zusammenarbeit schriftlich mitteilen, dass die zukunftsfähige Infrastruktur zur Abfallverwertung nur mittels Kooperation gemeistert werden kann. «Die Zusammenarbeit darf nicht an der Kantonsgrenze Halt machen. Das geplante Vorhaben ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür», so Kägi. Auch der Aargauer Regierungsrat Stephan Attiger begrüsst den kantonsübergreifenden Ansatz. Die Beteiligten betonen auch die Ergebnisoffenheit des Prozederes. Denn zusätzlich verfolgen alle drei KVA ihre eigene Strategie.

Im Frühling 2016 hat der Limeco-Verwaltungsrat entschieden, dass die Limeco bei den vertieften Abklärungen mit dabei ist. Parallel arbeitet sie an ihrer eigenen, unabhängigen Strategie. Dies ist laut Feusi auch den Exekutiven der Trägergemeinden wichtig. Bis 2018 sollen alle Informationen vorliegen, damit entschieden werden kann, ob und welche Variante umgesetzt werden soll. Der Verwaltungsrat unter Führung von Balbiani wird den entsprechenden Antrag an die Trägerschaft stellen, die aus den jeweils zuständigen Gemeinderäten der Trägergemeinden besteht, aus Dietikon und Schlieren sind je zwei Stadträte mit dabei.

Für die Umsetzung des 2018 zu fassenden Entscheids werden auch Kredite aus den Trägergemeinden nötig, die jeweils durch den Souverän zu genehmigen sind.

Der gestrige Gang an die Öffentlichkeit kommt gerade zur richtigen Zeit: So hat der Dietiker Gemeinderat Ernst Joss (AL) gerade erst eine Interpellation eingereicht, in der er wissen will, welche Ausbauten bei KVA und ARA in Dietikon nötig sind und ob diese angesichts des nahen Naturschutzgebiets überhaupt möglich sind. Diese Fragen wird Stadtrat Balbiani also schnell beantworten können. Die Frage aber, ob im Limmattal für die Zeit nach 2030 ein KVA gebaut wird, harrt noch mindestens zwei Jahre einer Antwort.

Für die nun gestarteten Detailabklärungen werden auch Kantone und Gemeinden einbezogen. Bisher waren einzig die Regierungsräte und deren Departementsspitzen eingeweiht. Seit einer Woche wissen auch die Exekutiven der Trägergemeinden Bescheid. Von der Limmattaler Zeitung gefragt, ob die Konsumenten mit tieferen Kehrichtgebühren rechnen können, wenn die Kooperation umgesetzt wird, meinte übrigens Roger Huber, der Vater des Projekts, dass sich die Zusammenarbeit aus wirtschaftlicher Sicht lohnen muss, damit sie beschlossen wird. «Dies muss sich zwingend auf die Gebührenzahler niederschlagen», so Huber.

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