Herr Haderer, vierzehn Jahre lang sassen Sie im Verwaltungsrat des Zürcher Zoos. Welches Tier ist Ihnen in dieser Zeit am meisten ans Herz gewachsen?

Willy Haderer: Als Zürcher faszinierte mich der Löwe immer speziell. Das Tier, das mir seit meiner Kindheit aber am nächsten stand, war der Grizzly-Bär.

Warum? Gibt es Eigenschaften der Bären, die Ihrer eigenen Art entsprechen?

Das würde ich so nicht sagen. Aber es sind die Kraft und die Dominanz, die ein Bär ausstrahlt, welche mir immer wieder imponierten.

Sie waren 36 Jahre Gemeinderat in Unterengstringen, vertreten die SVP seit 1991 im Zürcher Kantonsrat, haben ein eigenes Druckereiunternehmen und unzählige weitere Ämter. Wie kam es, dass Sie sich auch noch im Zoo engagierten?

Den Zürcher Zoo besuchte ich bereits als kleiner Junge. Er begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. 1997 fragte mich der damalige Zoopräsident Rolf Balsiger, ob ich daran interessiert wäre, im Zoo mitzuarbeiten. Mit ihm arbeitete ich auch im Zentralvorstand der SVGU zusammen, dem Vorgänger des heutigen Verbands für visuelle Kommunikation – Viscom. Ich sagte sofort mit Freude zu.

Damals war der Zoo noch eine Genossenschaft. 1999 wurde sie zur AG. Weshalb?

Ich kam von Beginn weg in die Baukommission des Vorstands. Kurz zuvor war der Wettbewerb für die erste Umgestaltung des Zoo-Eingangs abgeschlossen worden. Als Erstes durfte ich die Realisierung dieses Projekts begleiten. Danach begannen wir mit der Planung der neuen Himalaja-Anlage und – parallel dazu – der Masoala-Halle, einem 50-Millionen-Projekt. In der Genossenschaftsform war das wirtschaftlich nicht mehr verantwortungsvoll zu tragen. Das Risiko, finanziell zu scheitern, war zu gross. So wurde aus dem Zoo eine Aktiengesellschaft mit integrierter GmbH für die Restaurationsbetriebe.

Mit Ihrem Einstieg in den Verwaltungsrat begann auch die Epoche der Grossprojekte des Zoos. Wie trieben Sie jeweils das Geld dafür auf?

Bereits zu Zeiten der Genossenschaft bestand im Zoo Zürich die Regel, dass für Tiergehegebauten keinerlei Gelder von Stadt oder Kanton Zürich beantragt werden. Alles wurde und wird noch heute mithilfe von selbst erwirtschafteten Mitteln sowie Spenden und Nachlassgeldern finanziert. Als ich einstieg, konnten wir mit rund sechs bis sieben Millionen Franken an Spenden pro Jahr rechnen. Wenn wir ein neues Projekt planten, lancierten wir eine Plakat-Aktion und die Leute spendeten für unsere Projekte.

Die Masoala-Halle steht auch für den philosophischen Wandel des Zürcher Zoos. Heute leben immer mehr Tierarten in weitläufigen Gehegen und werden den Besuchern nicht mehr auf dem Präsentierteller gezeigt, wie noch vor 20 Jahren. Wie kam es dazu?

Das begann schon lange vor meiner Zeit im Verwaltungsrat. Früher war die Idee eines Zoos, den Menschen Tiere aus fernen Ländern zu zeigen, die sie noch nie gesehen haben. Ich mag mich etwa erinnern, wie in meiner Kindheit ein Finnwal auf einem Bahnwaggon nach Zürich gefahren wurde und die Raubkatzen in kleinsten Gehegen untergebracht waren. So etwas wäre heute undenkbar. Die Philosophie von wissenschaftlichen Zoos wie unserem ist es, bei den Besuchern das Bewusstsein für den Schutz der Tiere und deren Lebensräume zu wecken.

Wann kam dieses Umdenken?

Ich glaube, schon in meinen frühen Jahren war den Menschen bewusst, dass es einem Panther, der vor seinen Gitterstäben hin und her geht, nicht wohl sein kann. Es brauchte aber dennoch seine Zeit, bis die Zoos reagierten. Rolf Balsiger hatte bereits die Idee von naturnahen Gehegen. Als ich 1997 in der Baukommission Einsitz nahm, setzten wir diese Philosophie dann konsequent um.

Das führte zwischenzeitlich auch zu Kritik. Besucher monierten, dass ein Zoo nichts bringe, wenn man die Tiere nicht zu Gesicht bekommt.

Die Idee ist nicht nur, den Tieren Rückzugsräume zu bieten. Wir wollen den Besuchern auch die Landschaften zeigen, in denen sie leben. Der Effekt davon ist, dass die Leute auch etwas suchen und die Wege rund um die Gehege ablaufen müssen, um ein Blick auf die Tiere zu erhaschen. Das weckt aber auch den Entdeckungstrieb der Besucher und macht doch einen Zoobesuch viel spannender.

Worauf legten Sie als Baukommissionsmitglied den Fokus?

Mir war es immer wichtig, dass wir Tierarten, deren Haltung nicht mehr mit unseren neuen Standards vereinbar waren, so schnell wie möglich neue Unterbringungen erstellten. Das führte zwar dazu, dass wir fast konstant irgendwo bauten und Zusatzanstrengungen leisten mussten, um die finanziellen Mittel dafür aufzutreiben. Aber es lohnte sich in jedem einzelnen Fall und man wird damit auch nicht so schnell aufhören können.

Wo werden die nächsten Massnahmen nötig?

Ich habe bereits die Erstellung einer mongolischen Jurte aufgegleist. Dann.» steht bald auch die afrikanische Savannenlandschaft im Süden des Zoos an. Mein Traum ist es, dass dort dereinst neben den Giraffen, Zebras und anderen Paarhufern Afrikas auch die Gorillas in einem integrierten Waldgehege untergebracht sind. Das wird aber einiges kosten. Ich rechne mit rund 50 Millionen Franken Bauvolumen. Dafür erhalten wir am heutigen Standort der Gorillas mehr Platz für ein neues Orang-Utan-Gehege.

Warum treten Sie aus dem Verwaltungsrat des Zoos zurück, wenn Sie offensichtlich noch derart viel Feuer dafür an den Tag legen?

Am 9. März feierte ich meinen siebzigsten Geburtstag. Gemäss unseren Statuten kann man nach Erreichen des siebzigsten Lebensjahrs nicht mehr für den Verwaltungsrat kandidieren. Deshalb ist es für mich Zeit geworden, den Hut zu nehmen. Es war schön, den Abschluss mit der Eröffnung des neuen Elefantengeheges zu machen. Ich habe eine riesige Freude daran.

Sie brechen Ihre Zelte im Zoo ab. Wann folgt Ihr Rücktritt aus dem Kantonsrat?

Nächstes Jahr stehen die Wahlen für den Kantonsrat an. Ich werde nicht mehr antreten. Nach 24 Jahren und sechs Amtszeiten ist auch für mich die Zeit gekommen, aufzuhören.

Was folgt danach?

In den nächsten drei Jahren werde ich mein Engagement überall zurückfahren. Ich möchte endlich mehr Zeit für meine Frau haben. In den über 40 Jahren meiner politischen Laufbahn hatten wir etwa kaum Zeit für Ferien. Wir werden nun gemeinsam Reisen unternehmen.

Wohin zieht es Sie, nach Afrika zu den Löwen oder in den Norden zu den Bären?

Wir ertragen beide die Hitze schlecht. Deshalb reisen wir wohl nicht nach Afrika. Zunächst ziehen wir wohl durch Süd- und Ostdeutschland. Aber auch Skandinavien würde mich sehr reizen.

Also siegt am Ende wieder der Bär.

Richtig.