«An diesem Abend kamen Soldaten. Sie fesselten die alten Männer, darunter meinen Schwiegervater, verteilten sie in zwei Häuser und legten Feuer. Die Gefangenen sind alle lebendig verbrannt.» Die Bosnierin Esma Šljivar war 34 Jahre alt, als in ihrem Heimatland 1992 der Krieg ausbrach. Serbische Truppen nahmen ihr Dorf Donja Sanica ein. Sie musste mitansehen, wie ihr Mann und ihre Söhne abtransportiert wurden, ins Konzentrationslager Manjača. Nach jahrelanger Suche fand sie ihre Familie – und flüchtete 1995 in die Schweiz. Rund 20 Jahre später tastet sich ihre in der Schweiz aufgewachsene Nichte Sumejja Zukovic wieder an die Vergangenheit heran.

Im letzten Jahr an der Kantonsschule Limmattal galt es für die 19-Jährige, die mit ihren Eltern und Geschwistern in Unterengstringen lebt, ihre Maturaarbeit zu verfassen. Titel: «Die schwarzen Tränen. Crne suze. Der Krieg in Bosnien und Herzegowina (1992 – 1995)». Dass sie ihre Arbeit über die Geschichte ihrer Heimat schreibt, stand für Zukovic bereits anfangs der Kantonsschule fest.

Ein Grossteil ihrer engen Verwandtschaft hat den Bosnienkrieg hautnah miterlebt. «An Familientreffen kamen wir jedes Mal auf den Krieg zu sprechen», sagt Zukovic. Allerdings drehten sich die Diskussionen primär um politische Aspekte. Persönliche Schicksale teilte niemand von sich aus. «Schon als kleines Kind habe ich diese Treffen als sehr angespannt empfunden», erinnert sich Zukovic. Darum wollte sie nun das Emotionale der Familiengeschichte aufarbeiten. Ihre Mutter, der es gelang, vor Kriegsausbruch in die Schweiz zu flüchten und ihr Vater, dessen Dorf verschont blieb, bestärkten sie darin.

Von Verrat, Verlust und Tränen

Im ersten Teil ihrer Arbeit analysiert Zukovic die Ursachen und den Verlauf des Bosnienkrieges. Hierfür wählt sie explizit von Aussenstehenden verfasste Literatur. Der Grund: «Die Haltungen der Kriegsparteien gehen weit auseinander. Ich fand keine objektive Analyse eines Serben oder eines Bosniers», so Zukovic. Im zweiten Teil schildern drei Frauen und drei Männer aus Bosnien in langen Interviews selbst erlebte Szenen aus dem Krieg. Es sind Berichte von Verrat, Folter und Verlust. Zukovics Tante sah, wie Soldaten Frauen wegschleppten, um sie zu vergewaltigen. Ein Zeitzeuge überlebte seine eigene Hinrichtung. Ein anderer musste auf dem Todesmarsch von Srebrenica seinen um Hilfe rufenden Freund zurücklassen.

Die Betroffenen waren froh, dass sich jemand für ihre Geschichte interessierte. Viele überkam während des Erzählens die Trauer. Auch Zukovic hat die Arbeit mitgenommen. Nicht das langwierige Transkribieren oder das Übersetzen von Bosnisch ins Deutsche sei schwierig gewesen, sondern, sich während der Interviews zu beherrschen. «Es gab Momente, wo ich die Tränen nicht zurückhalten konnte und sie mich trösteten.» Oft habe sie nicht einschlafen können. Doch etwas trieb sie an: «Ich wollte diese Geschichten festhalten. Nicht nur für mich, auch als Mahnmal für jene, die den Horror erlebt haben.» Es sei als Autorin schwierig gewesen, objektiv zu bleiben. Doch geht es in ihrer Arbeit nicht darum, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Viele ihrer Freundinnen seien Serbinnen. In der neuen Generation gebe es keine Vorurteile.

Die Vergangenheit vergessen oder «totschweigen» ist, wie die Schülerin schreibt, aber der falsche Weg. Es habe sie getroffen, dass niemand in ihrer Klasse vom Bosnienkrieg wusste. Sie wünscht sich ein Umdenken: «Der Krieg sollte an Schweizer Schulen im Geschichtsunterricht behandelt werden.» Denn Ignoranz sei gefährlich: «Die Menschheit scheint nie aus ihren Fehlern zu lernen», bricht es aus ihr heraus.

Ihre Arbeit soll aufrütteln, bewegen, sensibilisieren. Eine Plattform dafür hat sie schon: Ihre Maturaarbeit wurde kürzlich mit dem zweiten Preis des Schweizer Geschichtswettbewerbs Historia ausgezeichnet. Doch damit nicht genug: Sumejja Zukovic, die im September ein Architektur-Studium an der ETH Zürich beginnt, möchte die historische Kriegsstätte Srebrenica besuchen und weitere Zeitzeugen interviewen. Mit fester Stimme sagt sie: «Ich lasse nicht zu, dass das Geschehene in Vergessenheit gerät.»