Da stand sie, die Braut in ihrem weissen Hochzeitskleid. Mit Gehörschutz auf den Ohren und zusammengekniffenen Augen. Gleich wird es oberhalb des Winzerhauses knallen – und zwar so laut, dass wegen des Krachs des gezündeten Böllers weit über die Grenzen Weiningens Menschen zusammenzucken werden.

Bis nach Zürich könne man die geschichtsträchtige Kanone Barbara hören, erzählten die Weininger Hochzeitsschützen und lachten. «3, 2, 1», riefen die sieben Junggesellen und kündigten damit den Countdown zum Schuss an. Die Braut blickte zu ihrem frisch angetrauten Ehemann hinüber, der das Geschehen fasziniert beobachtete. Im gleichen Moment löste sich aus der Kanone das Geschoss aus Schwarzpulver, Sägemehl und nassen Zeitungen und sauste mit rot aufglühender Flamme aus dem Rohr.

Der ohrenbetäubende Knall hallte noch eine ganze Weile an den gegenüberliegenden Anhöhen wider und breitete sich über das ganze Limmattal aus. Im Abstand von jeweils zwanzig Sekunden erfolgten fünf weitere Schüsse.

Es braucht einen Bezug zu den Schützen

Die Idee, mit Schwarzpulver Krach zu machen, dürfte ebenso alt sein wie die Erfindung des Schwarzpulvers selbst. In Weiningen hat das Böllerschiessen anlässlich Hochzeiten Tradition. Seit den 70er-Jahren ist die Gemeinde im stolzen Besitz einer eigenen Kanone. Es heisst, das Abfeuern der Böllerschüsse liesse die bevorstehende Zeit mit gutem Vorzeichen beginnen und sei Ausdruck der Lebensfreude.

Für den Bräutigam Roland Hintermann war klar, dass es anlässlich seiner Trauung mit Maria richtig knallen muss. Auch er war bis vor kurzem noch einer der Weininger Hochzeitsschützen. Doch mit der Heirat hat das nun ein Ende, denn nur unvermählte Bürger des Dorfs dürfen die Böller zünden. Ebenso geregelt ist, dass «Barbara» nur zum Einsatz kommt, wenn ein Weininger Bürger heiratet, der im Dorf wohnt und Bezug hat zu den Schützen.

Der ganze Tag ist mit Böllern gespickt

Insgesamt wurden am Tag der Trauung 50 Schüsse abgefeuert. Um sechs Uhr morgens krachte es das erste Mal. «Um den Bräutigam zu wecken», erklärt Robin Haug, einer der Schützen. Natürlich sei damit auch gleich der gesamte Rest der Dorfbevölkerung aus dem Schlaf gerissen worden.

«Viele unterstützen uns und den Brauch», so Haug. Aber es gebe auch immer wieder mal Stimmen, die sich über das Böllern nicht erfreut zeigten. Nichtsdestotrotz – bereits vor Mittag knallte es erneut. Nämlich dann, als sich das Brautpaar ins Standesamt begab und erneut, als die beiden als Eheleute wieder draussen erschienen.

Weitere Böllerschüsse erfolgten um Punkt 12 Uhr und am Nachmittag zur kirchlichen Trauung. Nach der Kirche trafen sich die Gäste des Brautpaars zum Apéro im Dorf, wo wenig später auch die Hochzeitsschützen eintrafen. Als krönender Abschluss erzählten sie witzige Anekdoten aus der Junggesellenzeit des Bräutigams und liessen eine mehrere Meter lange Schriftrolle von zwei Tannenbäumen fallen, die sie zuvor mit Manneskraft aufgestellt hatten.