Gähwilers Erbe

Kampf ums Gemeindepräsidium: «In Uitikon herrscht nicht immer Sonnenschein»

Am 5. Juni entscheidet das Uitiker Stimmvolk, wer der neue Gemeindepräsident wird. Im Gespräch sagen die Kandidaten Markus Hoppler (CVP) und Chris Linder (FDP) , welche Probleme eine derart reiche Gemeinde hat.

Herr Linder und Herr Hoppler, Sie beide betonten im Vorfeld zu diesem Gespräch, dass Sie sich gut mögen und es keinen schmutzigen Wahlkampf geben wird. Welche Eigenschaften des jeweils anderen würden ihn denn zu einem guten Gemeindepräsidenten machen?

Markus Hoppler: Chris Linder agiert sehr überlegt und wird im Dorf respektiert. Durch seine langjährige Tätigkeit in der Schulpflege hat er viel Know-how in Bildungsbereich, wovon die Exekutive der politischen Gemeinde profitieren kann.

Chris Linder: Markus Hoppler kennt den Finanzhaushalt der Gemeinde in- und auswendig und ist auch über andere aktuelle Geschäfte gut informiert. Im Dorf ist er auch dementsprechend bekannt.

In einem früheren Interview bezeichnete sich Victor Gähwiler als guten Verkäufer, was man als Gemeindepräsident sein müsse. Wer von Ihnen verkauft besser?

Hoppler: Das müssen andere entscheiden. Zwar teile ich diese Einschätzung, ein Gemeindepräsident muss jedoch auch über die Fähigkeit verfügen, zwischen verschiedenen Lagern zu vermitteln und tragfähige Lösungen zu ermöglichen.

Mit seiner Tätigkeit im Vorstand von Zürich Tourismus ist Herr Linder aber schon fast ein Berufsverkäufer der ganzen Region.

Hoppler: Als Unternehmer verkaufe und repräsentiere ich die Dienstleistungen meines Betriebs, der Hoppler AG, ebenfalls jeden Tag.

Linder: Ich gebe Gähwiler auch recht. Es scheint mir aber wichtig zu betonen, dass man auch die Bedürfnisse der Bevölkerung abholen muss, damit man ihr nicht etwas verkauft, das sie gar nicht will.

Diese Bedürfnisse holte Gähwiler jeweils im Rahmen der Sprechstunde des Gemeindepräsidenten ab. Werden Sie dieses Gefäss weiterführen?

Hoppler: Die Sprechstunde oder auch der Mittwochtalk sind aus meiner Sicht nicht von Personellem abhängig, sondern gehören in Uitikon zur Kommunikation zwischen Behörden und Bevölkerung. Auch sollte der künftige Präsident im Dorf sichtbar und an Anlässen präsent sein, um niederschwellig Anliegen abzuholen.

Linder: Den Kontakt zur Bevölkerung halte auch ich für wichtig. Vielleicht sollten sich die Gefässe des Austauschs ändern. Es ist bedauernswert, dass manchmal nur so wenige Einwohner am Mittwochstalk teilnehmen. Gut möglich, dass sich die Bevölkerung mit einem neuen Anlass besser abholen liesse.

Während eines Vierteljahrhunderts war Victor Gähwiler das Gesicht der Gemeinde Uitikon. Wird es für Sie schwierig in die Fussstapfen einer solchen Persönlichkeit zu treten?

Hoppler: Ich kenne das bereits, da René Schnidrig mein Vorgänger als Finanzvorstand war. Er war eine Art graue Eminenz in der Gemeinde. Auf ihn zu folgen, war nicht einfach (lacht).

Linder: Es wäre eine schlechte Idee, Gähwiler zu kopieren, das funktioniert nicht. Man kann aber auch nicht kommen und sagen: Nun drücke ich der Gemeinde meinen Stempel auf. Es ist ein Prozess, der Zeit beansprucht und der nicht forciert werden kann.

Uitikon ist eine der reichsten Gemeinden des Kantons. Herr Hoppler, Sie sagten 2013, dass der Lebensnerv der Gemeinde am Paradeplatz liegt. Gehe es dem Bankensektor gut, gehe es auch der Gemeinde gut. Beunruhigt Sie diese Abhängigkeit?

Hoppler: Natürlich wäre es mir lieber, wenn Uitikon nicht so stark von einem Sektor abhängig wäre. Wir sind uns aber des Privilegs einer solventen Einwohnerschaft durchaus bewusst. Das gibt uns finanzielle Kontinuität. Die Schattenseite: Durch unsere grosse Finanzkraft liefern wir einen Grossteil der Steuereinnahmen in den Finanzausgleich ab. Die Höhe der Ausgaben, die wir an den Finanzausgleich zahlen, ist proportional in etwa das, was andere Gemeinden für die Sozialkosten ausgeben.

Sind die Uitiker also zerknirscht darüber, dass sie so viel Geld abgeben müssen?

Hoppler: Die Bürger stehen absolut hinter dem Finanzausgleich. Doch steht nun zur Diskussion, den Ausgleichstopf zulasten der Gebergemeinden zu vergrössern. Das geht mir wie auch vielen Uitikern zu weit. Aus meiner Sicht darf der Topf nicht grösser werden, die Verteilmechanismen gilt es zu überprüfen.

Linder: Genau. Die Uitiker stehen hinter dem Finanzausgleich. Bereits in meinem letzten Interview habe ich darauf verwiesen, dass der Anreiz für die Nehmergemeinden, mehr Steuern einzunehmen, geringer wird, desto mehr Gelder sie aus dem Finanzausgleich beziehen.

Andere Dietiker Bezirksgemeinden pochen aber auf die Einführung eines Soziallastenausgleichs, um ihre Finanzen wieder ins Lot zu bringen.

Hoppler: Mir ist klar, dass die Soziallasten für diese Gemeinden eine grosse Belastung sind. Unser Ansatz ist, wie bereits erwähnt, eine Umverteilung der vorhandenen Mittel. Auch auf Uitikon kommen höhere Sozial- und Pflegekosten zu, da wir eine der Gemeinden mit der ältesten Bevölkerung sind. Aufgrund unserer Demografie tragen wir also im Vergleich zu anderen Gemeinden überdurchschnittlich hohe Kosten in diesem Bereich.

Hält der Vergleich mit anderen Gemeinden wirklich stand? Dietikon beispielsweise musste seinen Steuerfuss auf 129 Prozent anheben, um Zahlungen des Sonderlastenausgleichs zu erhalten. Dieser Wert liegt knapp 50 Prozent über jenem von Uitikon.

Hoppler: Natürlich ist dies eine Überspitzung, aber ich will damit sagen, dass auch nicht immer eitel Sonnenschein herrscht und auch Uitikon seine Herausforderungen hat.

Linder: Es ist etwas Schönes, dass Uitiker in Uitikon alt werden können und nicht in Institutionen anderswo untergebracht werden müssen. Klar ist es kostspielig, Alters- und Pflegheimplätze zur Verfügung zu stellen. Doch sehe ich es als die Verpflichtung der Gemeinschaft, diese Mittel angemessen zur Verfügung zu stellen.

Auf die Gemeinde kommen durch das Bevölkerungswachstum grosse Ausgaben zu. Dies erfordert auch Steuerfusserhöhungen. Wie überzeugen Sie die Uitiker, dass diese Ausgaben notwendig sind?

Linder: Damit die Anträge des Gemeinderates beim Volk durchkommen, müssen diese solide und nicht überrissen kostspielig sein. Auch muss die Notwendigkeit nachvollziehbar aufgezeigt werden.

Hoppler: Unsere Einwohner wollen zwar einen tiefen Steuerfuss, sind sich aber notwendiger Ausgaben und Investitionen durchaus bewusst. Sind ihnen Projekte etwas wert, sind sie auch bereit, dafür zu zahlen. Die Steuerfusserhöhung vom vergangenen November beispielsweise legte den Grundstein für die Finanzierung der künftigen Investitionen und wurde von der Gemeindeversammlung genehmigt.

Im September stimmen die Uitiker über die Verlängerung der Ortsbus-Linie 201 nach Schlieren ab. Ein Probebetrieb von vier Jahren kostet 2,4 Millionen Franken, die Rechnungsprüfungskommission (RPK) empfiehlt das Geschäft zur Ablehnung. Was halten Sie davon?

Linder: Diese Verlängerung nach Schlieren ist notwendig. Sieht man nach vier Jahren, dass sie nicht genügend Leuten nutzen und somit der Deckungsgrad nicht stimmt, muss sie wieder eingestellt werden. Dieses Szenario scheint mir jedoch unwahrscheinlich, da dieselben Diskussionen bereits vor der Inbetriebnahme des Ortsbusses geführt wurden.

Hoppler: Für gut ausgebildetes Kader-Personal, das in Schlieren oder Dietikon arbeitet, wird Uitikon zu einer noch attraktiveren Wohngemeinde.

Ist es ein Schönheitsfehler, dass sich Schlieren nicht an der Finanzierung beteiligt?

Hoppler: Ja. Aber wir sehen auch, dass Schlieren erst seine eigene Ortsbus-Frage klären muss.
Linder: Für mich ist es stossend, dass sich der ZVV während der vierjährigen Versuchsphase nicht an den Kosten beteiligt.

Nach diesem überaus friedlichen Gespräch ist ein wenig Kampfgeist von Ihnen beiden gefragt: Was können Sie der Gemeinde bieten, was der jeweils andere nicht zu bieten vermag?

Linder: Als Neuer in einem Gremium, das lange unter derselben Führung war, könnte ich gewisse Dinge kritisch hinterfragen und frischen Wind in den Gemeinderat bringen. Mein Einblick ins Bildungssystem ist ebenfalls eine Stärke, da die Schule bei Neuzuzügern ein grosser Faktor beim Entscheid für oder gegen einen Wohnort ist.

Hoppler: Durch meine langjährige Funktion als Finanz- und Liegenschaftsvorstand kenne ich mich mit den wichtigen Dossiers sehr gut aus. Auch bin ich mit den wichtigen Behörden über die Gemeindegrenzen hinweg sehr gut vernetzt.

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