Die Debatte um die Blutbuche im Schlieremer Zentrum könnte pathetischer kaum sein. So wird der Baum in Leserbriefen als «einziger Stolz» der Innenstadt und dessen drohende Fällung wegen des Baus der Limmattalbahn als «Schändung der Natur» bezeichnet.

Rund 2700 Unterschriften kamen in den vergangenen Wochen für die Rettung der Buche zusammen. Initiiert wurde die Petition von Susanne Porchet und ihrer Schwester Liliane Hagen. Anlässlich einer Kundgebung von vergangener Woche zeigten sich viele Teilnehmer irritiert. Denn die von einem Geomatiker auf dem Boden markierte Linienführung führt rund fünf Meter am Baum vorbei. Dieser Abstand sollte doch ausreichen, damit der Baum stehenbleiben kann, so die Meinung vieler Baumfreunde.

"Blutbuche hat an diesem Standort keine Zukunft"

Dem sei eben nicht so, sagt Daniel Issler auf Anfrage. Der Projektleiter der Limmattalbahn AG kann zwar nachvollziehen, dass man denkt, der Baum werde durch die Gleise nicht in Mitleidenschaft gezogen. «Doch besteht der Gleiskörper nicht bloss aus den Schienen, sondern aus einem mehrere Meter von ihnen wegragenden Betonblock», so Issler.

Bei der Blutbuche handle es sich um ein Hochwurzelgewächs, dessen Wurzelwerk in etwa denselben Radius aufweist, wie die Baumkrone. «Während der Arbeiten würden also die Wurzeln verletzt werden und der Baum sterben», so Issler. Doch nicht nur das: Auch die Krone würde in das städtische Flügeldach und in die Fahrleitungen ragen und dadurch massgeblich in Mitleidenschaft gezogen. Für Issler steht fest, dass die Blutbuche an diesem Standort keine Zukunft hat. Auch der Forderung nach einer Abänderung der Linienführung erteilt er eine Absage, weil so eine gebogene Einsteigekante entstünde. Dies würde für gehbehinderte Menschen zum Problem werden, da sie die Bahn nicht hürdenlos besteigen könnten.

Optimistischer ist Issler beim Thema Versetzung der Buche. «Noch immer finden verschiedene Abklärungen statt. Wir sind in engem Kontakt mit der Stadt Schlieren und den Baum-Aktivistinnen Susanne Porchet und Liliane Hagen.»

Zwischenzeitlich engagiert sich auch die SP für die Rettung des Baums. Gestern wurde bekannt, dass Präsident Walter Jucker ein Postulat einreichte, in welchem er den Stadtrat bittet, alle Möglichkeiten für den Erhalt der Buche auszuschöpfen.
Einer der entscheidenden Faktoren dafür ist – neben der Finanzierung –, ob man einen neuen Standort findet. Dies ist Sache der Stadt. Der zuständige Bauvorstand Markus Bärtschiger (SP) sagt auf Anfrage, dass derzeit drei mögliche Standorte diskutiert würden. «Es sind aber noch verschiedene Abklärungen zu treffen.»


Ist Visualisierung irreführend?

Auch die Stadt muss sich derzeit einen happigen Vorwurf gefallen lassen. In verschiedenen Leserbriefen und im Gespräch mit Baum-Aktivisten kommt nämlich zutage, dass sich viele Schlieremer getäuscht fühlen. In den Visualisierungen, mit welcher die Stadt Mitte 2016 die Werbetrommel für den 8-Millionen-Franken-Kredit für die Neugestaltung des Stadtplatzes mit Flügeldach rührte, ist ein Baum zu sehen, der ähnlich wie die umstrittene Blutbuche positioniert ist.

Die umstrittene Visualisierung: Baumfreunde sehen rechterhand die Rotbuche.

Die umstrittene Visualisierung: Baumfreunde sehen rechterhand die Rotbuche.

«Viele Stimmbürger kommen auf uns zu und sagen: Hätten wir gewusst, dass es sich dabei nicht um die Blutbuche handelt, wäre ein Nein auf unserem Stimmzettel gestanden», sagt Susanne Porchet. Die Visualisierung zeige Bäume von doppelter Höhe des Flügeldachs.

Bei der Stadt reagiert man irritiert auf diesen Vorwurf: «Es war nie die Absicht des Stadtrates oder der Limmattalbahn AG, irgendjemanden in die Irre zu führen», sagt Bauvorstand Bärtschiger. So habe man mit den besagten Visualisierungen versucht zu zeigen, wie der mögliche Endzustand des Platzes aussehen könne. Auf dem neuen Zentrumsplatz entstehen neben der Haltestelle der Limmattalbahn und dem Flügeldach auch drei neue Bauminseln mit entsprechender Bepflanzung. «Dies wurde dem Parlament und den Stimmbürgern auch so angezeigt», so Bärtschiger. Der Baum auf den Visualisierungen entspreche in keiner Weise der Blutbuche. «Dies ist durch den Standort, die Formgebung aber insbesondere durch die Grösse des Baums erkennbar ist», sagt Bärtschiger. Dass bei ungenauer Betrachtungsweise jedoch der Eindruck entstehen könne, dass dieser Baum die Blutbuche ist, bedauere man.