Limmattal
Kampf-Komitees ersetzen die fehlenden Nationalräte

Dank einer Reihe von Komitees gelingt es dem Limmattal, seine Anliegen mit Bern zu verhandeln. Alleine vier der sieben seit 2001 entstandenen Komitees bekämpfen die Lärmursachen.

Jürg Krebs
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Am 2. März 2010 greift das Weininger Komitee «Chance Gubrist» zu einem ungewohnten, aber medienwirksamen Mittel. Es ist nur eine der Massnahmen für den Erfolg.

Am 2. März 2010 greift das Weininger Komitee «Chance Gubrist» zu einem ungewohnten, aber medienwirksamen Mittel. Es ist nur eine der Massnahmen für den Erfolg.

Limmattaler Zeitung

Komitees stehen hoch im Kurs. Auf den Zug springt nun die Gemeinde Oetwil auf. Die Gründung eines Kampf-Komitees wurde am Dienstag beschlossen, es will eine Lärmsanierung des Rangierbahnhofs Limmattal erzwingen. Denn die Immissionen lassen Oetwils Bevölkerung nicht schlafen, und freundliche Gesprächsversuche mit den SBB haben bislang nicht gefruchtet. Es ist der Kampf David aus dem Limmattal gegen Goliath in Bern.

Oetwils Komitee ist bereits das siebte mit politischem Ziel, das in den letzten zehn Jahren entstanden ist.

Die Stossrichtung der Komitees legt nahe: Das Thema, das die Limmattaler Bevölkerung am meisten beschäftigt, ist Lärm. Ganz gleich welcher Art: Strassenlärm, Bahnlärm, Fluglärm. Damit verbunden ist das Thema Verkehr, respektive Verkehrsüberlastung.

Vier Kommitees bekämpfen den Lärm

Alleine vier der sieben seit 2001 entstandenen Komitees bekämpfen die Lärmursachen. Drei verlangen eine Lösung der Verkehrsprobleme. Manchmal nimmt ein Komitee gleich beides ins
Visir, etwa das Komitee «Gateway: So nicht!».

Mit Komitees ist es so eine Sache. Einmal gegründet, stellt sich schnell die Frage: Und jetzt? Ein Komitee ist kein Selbstläufer. Das weiss derzeit niemand besser als Hanspeter Haug, Präsident des Weininger Komitees «Chance Gubrist» und Gemeindepräsident des Weindorfes. Nur wer sich im Rahmen des Komitees einsetzt, hat Erfolgschancen. «Wir müssen ständig am Thema dran bleiben», sagt Haug. Die «Chance Gubrist» setzt sich für eine 270 Meter lange Überdeckung der Autobahn vor dem Limmattaler Gubristtunnelportal ein.

Der Kampf wird in Bern entschieden. Also weibeln Haug und seine Mitstreiter bei National- und Ständeräten. Es ist wie beim Schachspiel. Haug muss sich ständig überlegen, wann und wo der nächste Zug erfolgt – und vorbereitet sein. Er spricht davon, sämtliche Fäden in der Hand halten zu müssen, auch wenn dies fast unmöglich sei.

In persönlichen Treffen leistet das «Chance Gubrist» Überzeugungsarbeit. Wer dazu nicht bereit ist, hat keine Chance. «Schnelle und gute Kommunikation ist sehr wichtig», sagt Haug. Der Einsatz hat sich bislang gelohnt. Weiningens Anliegen ist in Bundesbern zum Thema geworden. Im Nationalrat erfuhr es am 8.März 2011 erstmals Unterstützung. Nun ist der Ständerat dran. Wann das Thema traktandiert ist, weiss Haug nicht. Aber er wartet nicht, bis dies feststeht. Die Lobbyarbeit laufe bereits auf Hochtouren.

Knallhart und manchmal frustrierend

Das Politgeschäft ist knallhart – manchmal frustrierend. Genau an diesem Punkt kommen die politischen Komitees ins Spiel. Verkehrs- und Lärmprobleme werden vor allem in Bundesbern entschieden, manchmal auf kantonaler Ebene. Eine einzelne Gemeinde mit wenigen hundert oder tausend Einwohnern liegt am unteren Ende der Schweizer Hackordnung. Die Folge: Sie findet keine Beachtung.

Wie ein Kampfhahn, der sich aufplustert, um den Gegner zu beeindrucken, bleibt den Gemeinden die Organisation eines Komitees. «Es gibt einem Anliegen mehr Gewicht», sagt der Dietiker PR-Experte Edi Cincera. Es bietet die Möglichkeit über die politischen und gesellschaftlichen Grenzen der eigenen Gemeinde hinaus, einflussreiche Personen für die Sache einzuspannen oder auch nur zahlreiche Mitglieder zu gewinnen. Je mehr von beidem, desto besser. Für Cincera ist dies genau der richtige Weg, an dessen Ende die Belohnung winkt: Auf nationaler Ebene wahrgenommen zu werden.

Das ist an sich noch kein Erfolg, sondern die Voraussetzung, um überhaupt von Angesicht zu Angesicht verhandeln zu können. Was am Ende rausschaut, hängt nun vom Geschick des Komitees ab.

Ein Komitee darf sich nicht verzetteln, will es reüssieren. So ist das Ziel einer generellen Lärmbekämpfung wohl zu diffus gefasst. Kein Wunder hat die Gemeindeallianz Lebensqualität Limmattal keine sichtbaren Ergebnisse vorzuweisen.

Kampf gegen Gateway

Ganz anders das Komitee «Gateway: So nicht!» Der Widerstand ist auf ein Projekt fokussiert: den von den SBB geplanten Container-Umschlagterminal in Dietikon und Spreitenbach. Das Komitee hat bewirkt, dass der Gateway mehrheitlich auf dem Areal des Rangierbahnhofs Limmattal zu liegen kommt, statt auf wertvollem Gemeinde-Entwicklungsgebiet. Zudem müssen 80 Prozent der Container per Bahn weitertransportiert werden.

Ziviler Ungehorsam kann weiterhelfen: Das Paradebeispiel lieferten die Birmensdorferinnen und Birmensdorfer am 5.Juli 1995. Das Komitee «Auch wir wollen atmen» rief zur Strassenblockade der besonderen Art auf, um Druck auf den Bau der überfälligen Westumfahrung zu machen. Ein unablässiger Strom von Einwohnerinnen und Einwohnern versperrte Automobilisten die Ortsdurchfahrt, indem sie ununterbrochen einen Fussgängerstreifen überquerten.

Transparent über der Autobahn

Am 2. März 2010 griff Weiningen zu einem ungewöhnlichen Mittel. In einer Art Guerilla-Aktion entrollten Komitee-Mitglieder und der Gemeinderat über der Autobahn ein Transparent: «Keine
3. Röhre ohne Dorfreparatur» war darauf zu lesen. Gemeint war: kein Tunnelausbau ohne A1-Deckel als Lärmschutz für Weiningen.

Eine Viertelstunde nur prangte der Spruch für alle sichtbar, dann wurde die illegale Aktion schnell wieder abgebrochen. Das Ziel jedoch war erreicht, Medienvertreter, darunter die azLimmattaler Zeitung, berichteten darüber. Auf diese Art wird das Anliegen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrängt und Druck gemacht. Es war der Tag vor einer ersten Sitzung zum Thema im Nationalrat.

Der Griff zu solchen Methoden ist ungewohnt für einen Gemeindepräsidenten und Kantonsrat wie Hanspeter Haug. Es ist aber auch die Folge einer mangelhaften Vertretung des Bezirks Dietikon in den beiden nationalen Parlamentskammern. Seit 2003 nämlich, als der Aescher Roland Wiederkehr den Wiedereinzug in den Nationalrat verpasste, fehlt in Bern die Stimme der Region und damit die Möglichkeit, Entwicklungen frühzeitig im Sinne des Limmattals beeinflussen zu können. In Bern fühlt sich niemand für das Limmattal direkt zuständig. Deshalb bleibt hier nur noch die Reaktion statt die Aktion. Die Gründung von einigen Komitees seit 2005 kann denn auch vor diesem Hintergrund gesehen werden:
als Ersatz für fehlende Nationalräte.