Das vom Bund unterstützte und durch die Hochschule für soziale Arbeit Luzern (HSLU) begleitete «Projet Urbain» läuft Ende dieses Jahres aus. Der Stadtrat will das gesellschaftliche Integrationsvorhaben in Schlieren Südwest aber weiterführen und gar auf die ganze Stadt ausdehnen. Er beantragt dem Parlament in einem aktuellen Geschäft deshalb die Schaffung einer Fachstelle für Quartierkoordination mit 140 Stellenprozenten sowie ein Budget für kleinere Projekte, Angebote und Aktionen für insgesamt 225 000 Franken jährlich. Zeit, das Projekt mit einer Soziologin kritisch zu beleuchten.

Frau Dahinden, nützt ein Stadtteilentwicklungsprojekt wie das «Projet Urbain» überhaupt etwas?

Janine Dahinden: Ich möchte mir nicht anmassen, das Schlieremer Projekt als Aussenstehende zu evaluieren. Ich kenne es nur aus Zeitungsartikeln und mir scheint, dass hervorragende Arbeit geleistet wurde. Grundsätzlich haben sich solche Integrationsansätze, die stark auf die Beteiligung der Bevölkerung setzen, im In- und Ausland sehr bewährt. Dennoch muss ich Fragezeichen setzen. Die haben aber nicht mit dem Konzept oder der Umsetzung zu tun.

Janine Dahinden, Soziologin

Janine Dahinden, Soziologin

Das müssen Sie mir erklären.

Nun, es handelt sich um Probleme, die in der Natur der Sache liegen: Das erklärte Ziel dieses Projekts ist es ja, in einem sozial heterogenen Quartier mit einem hohen Migrationsanteil gesellschaftliche Integration zu fördern. Wenn man aber beachtet, wer die Bewohner sind, die sich in den Schlieremer Arbeitsgruppen engagieren, so sind das in erster Linie Schweizer. Man muss sich also fragen, ob sich Ausländer von den erarbeiteten Massnahmen überhaupt angesprochen fühlen.

Das heisst, jene Bewohner, bei denen der grösste Integrationsbedarf besteht, erreicht die Stadt nicht?

Genau. Dazu müsste man ganz andere Wege wählen. Gemeinschaftszentren oder Kaffeetreffs für Senioren, auf die man in Schlieren unter anderem setzt, sind sehr traditionelle Formen von Begegnungsorten, wie man sie in der Schweiz oft antrifft. Wenn man die über 45 Prozent Ausländer in der Schlieremer Bevölkerung erreichen will, so müssen sie in den Arbeitsgruppen angemessen vertreten sein.

Zu Beginn des Projekts versuchte die Steuergruppe, Migranten mit einzubeziehen. Das hat nicht funktioniert. Fehlt es ihnen also am Interesse, sich zu integrieren?

Nicht per se. Aber ein erstes Problem besteht schon alleine darin, dass viele Migranten – gerade solche ohne hohe berufliche Qualifikation – von ganz anderen Themen umgetrieben werden als Schweizer. Arbeitslosigkeit, soziale Benachteiligung und schulische Probleme der Kinder sind Dinge, die ihre gesellschaftlichen Erfahrungen prägen. Dagegen scheint der gemütliche Austausch mit Nachbarn in einem Kaffeetreff eher marginal. Davon fühlen sie sich sicher nicht angesprochen und im schlimmsten Fall sogar ausgeschlossen.

Sie deuteten weitere Faktoren an, die Ausländer am Engagement hindern.

Ja. Man sollte generell nicht der Illusion erliegen, dass man mit solchen Projekten alle Bevölkerungsgruppen erreicht. Und das hat nichts mit deren ethnischem Hintergrund zu tun. Viele Leute – wie etwa auch ich – sehen ein Wohnquartier nicht als Identifikationsgemeinschaft. Stattdessen ist es vielleicht das berufliche Umfeld oder eine gesamte Stadt. Menschen, die so funktionieren, sehen sich als Teil einer globalisierten Welt. Sozialer Zusammenhalt funktioniert heute nicht nur lokal.

Sie haben in einer Ihrer Studien soziale Netzwerke von albanischstämmigen Personen untersucht. Wie könnte man diese ins Boot holen?

Das Spannende daran ist, dass albanische Migranten, vor allem die der zweiten Generation, sich häufig mit ihrer Stadt identifizieren. Sie würden sich zwar nicht als Schweizer bezeichnen, aber durchaus als Zürcher oder Berliner. Verschiedene Studien in Europa haben gezeigt, dass eine Stadt eine starke Identifikationskraft hat.

Wie erklären Sie sich das?

Der Bezugspunkt Nation wird viel eher mit dem eigenen Kampf gegen Vorurteile, Ab- und Ausgrenzung verbunden als eine Stadt. Wenn man die «Zweitgeneratiönler» also abholen will, muss man sie auf ihre Stadt einschwören.

Dann hat aber Schlieren den falschen Weg gewählt: Dort will man nun in allen Stadtteilen Quartiergemeinschaften fördern. Würden sich die Behörden nicht besser darauf fokussieren, als ganze Stadt Identität zu stiften?

Natürlich hat Schlieren als Stadt ein hohes Identifikationspotenzial. Doch das wäre ein ganz anderes Projekt. Und für viele Leute ist der Bezug zum Quartier tatsächlich sehr wichtig. Deshalb entfalten die «Projets Urbains» ja auch tatsächlich eine integrative Wirkung.

Wie kann Schlieren denn sein Identifikationspotenzial als Stadt nutzen?

Es geht darum, Gemeinsamkeiten zu betonen, ein Dazugehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Deshalb wäre es zum Beispiel für ein Stadtteilentwicklungsprojekt symbolisch sehr wichtig, dass Migranten in den Arbeitsgruppen und insbesondere der Projektsteuerung vertreten sind. So würden sich womöglich auch jene ihrer Landsleute angesprochen fühlen, die sonst nicht auf den Kontakt im Quartier erpicht sind.

Hier beisst sich der Hund in den Schwanz: Schlieren ist es bekanntlich nicht gelungen eine nennenswerte Zahl von Migranten in die Projekte mit einzubeziehen. Ist das Vorhaben damit gescheitert?

Nein, auf keinen Fall. Für jene Leute, die eine lokale Verankerung in einem Quartier wollen, ist es Gold wert. Noch während sie Verbesserungsmassnahmen erarbeiten, vernetzen sie sich. Da geschieht gesellschaftliche Integration. Man muss sich aber bewusst werden, dass es nichts mit Desintegration zu tun hat, wenn in einer globalisierten Welt jemand keine Quartieridentität sucht.