Manchmal, wenn die Bise bläst, liegt über dem Dietiker Mühlehaldenquartier Kaffeeduft. Dann halten die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Nasen in die Luft und schnuppern. Man riecht den Ferrari, sagen sie und meinen die Kaffeerösterei, die seit 1895 an der Bremgartenstrasse zu Hause ist.

Auch für die Historikerin und Journalistin Helene Arnet war der Kaffeeduft das erste, was sie wahrnahm, als sie vor Jahren von Schlieren nach Dietikon zog. Über Kaffee, Bubenstreiche und Schlitteln auf gefrorener Gülle, darüber unterhielt sie sich mit Renato Ferrari gestern an der Matinee@one des Theaters Dietikon.

Bärendreck wurde stibitzt

Roter Pullover und Tabakpfeife, das sind die Markenzeichen von Renato Ferrari, und sie fehlen auch jetzt nicht. «Wäre ich Helmut Schmidt, würde ich hier rauchen», sagt er mit einem Augenzwinkern. Dann nimmt er die Besucherinnen und Besucher der Matinee auf eine Reise in die Vergangenheit. In eine Zeit, als die Bremgartenbahn noch auf Gummirädern fuhr und der Schulunterricht zuweilen ausfiel, weil die Lehrer im zweiten Weltkrieg Dienst leisten mussten. In farbigen Worten erzählt er, wie er und seine Kollegen mit listigen Ablenkungsmanövern im Konsum an der Bremgartenstrasse Bärendreck stibitzen konnten. «Wenn einer aus jener Zeit heute sagt, er war da nicht dabei, dann lügt er», sagt Ferrari, und der Schalk blitzt aus seinen Augen.

Renato Ferraris Erinnerungen an die Kriegsjahre, als Dietikon zur Festung ausgebaut und Lebensmittel rationiert waren, lassen erahnen, wie schwierig das Leben zu jener Zeit war. «Wir hatten Angst», sagt er. Auf Anweisung des Vaters sei seine Mutter einmal Hals über Kopf mit ihm nach Chiasso gereist, weil man befürchtete, die Deutschen stünden kurz vor dem Einmarsch in die Schweiz. «Für uns Kinder war es zuweilen aber auch eine gute Zeit. Für kleine Botengänge zahlten uns die Soldaten, die auch bei uns in der Kaffeerösterei einquartiert waren, hie und da mal einen Fünfer.»

Schmierseife in den Gleisen, Zündhölzer im Klingelknopf der alten Frau, die Grabkränze verkaufte - «Herr Ferrari, waren Sie ein Schlufi?» fragt Helene Arnet. Und wie aus der Pistole geschossen kommt die Antwort: «Sicher. Heute wäre ich im Chefi!» In der Schule habe es darum auch immer wieder mal eine Ohrfeige abgesetzt. Der Lehrer habe jeweils nicht lange gefragt, aber das sei ihm allemal lieber gewesen als eine Strafaufgabe, erinnert sich der gebürtige Tessiner, den man in der Schule «Tschingg» gerufen hat.

Die erste Rösterei stand bis 1894 an der Bahnhofstrasse in Zürich. Als man mitten in der Stadt keine Produktionsstätten mit Lärm und Kutschenverkehr mehr wollte, verlegte der damalige Inhaber Jean Rau die Rösterei 1895 nach Dietikon in das Riegelhaus an der Bremgartenstrasse, wo Renato Ferrari noch heute wohnt und, mit Unterstützung seines Neffen, nach alter Tradition die Kaffeebohnen über dem Kohlefeuer röstet. 1924 übernahmen Paul Suter, welcher gerade aus Sumatra in die Schweiz zurückgekehrt und vor allem im Gewürzhandel tätig war, und Luigi Ferrari, welcher aus dem Tessin Erfahrung im Rösten und in der Kaffezubereitung mitbrachte, den Betrieb. Renato Ferrari übernahm die Rösterei 1949 von seinem Vater. (fsc)

Renato Ferrari als Bub – schon damals mit der Pfeife im Mund.

Die erste Rösterei stand bis 1894 an der Bahnhofstrasse in Zürich. Als man mitten in der Stadt keine Produktionsstätten mit Lärm und Kutschenverkehr mehr wollte, verlegte der damalige Inhaber Jean Rau die Rösterei 1895 nach Dietikon in das Riegelhaus an der Bremgartenstrasse, wo Renato Ferrari noch heute wohnt und, mit Unterstützung seines Neffen, nach alter Tradition die Kaffeebohnen über dem Kohlefeuer röstet. 1924 übernahmen Paul Suter, welcher gerade aus Sumatra in die Schweiz zurückgekehrt und vor allem im Gewürzhandel tätig war, und Luigi Ferrari, welcher aus dem Tessin Erfahrung im Rösten und in der Kaffezubereitung mitbrachte, den Betrieb. Renato Ferrari übernahm die Rösterei 1949 von seinem Vater. (fsc)

Schneemann auf den Schienen

Bei Walter Fischbacher werden an diesem Morgen Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend wach, die er allerdings in St. Gallen verbrachte. «Ferrari ist ein brillanter Erzähler, es ist spannend, im zuzuhören», sagt er. Irene Brioschi, Präsidentin des Verein Theater Dietikon will die Veranstaltungsreihe «Mis Dietike...» weiterführen. Geplant sind jährlich zwei Matinees mit Menschen, die Interessantes über ihren Wohnort zu erzählen wissen. Ihr hat die Geschichte vom gefrorenen Schneemann auf den Gleisen der Bremgartenbahn am besten gefallen: «So schräg», lacht sie. Ein Schneepflug musste von Bremgarten angefordert werden, um das Hindernis wegzuräumen, das Renato Ferrari und seine Freunde bei Nacht und Nebel auf den Gleisen aufgebaut hatten.

Bei aller Nostalgie – Renato Ferrari steht mit beiden Beinen in der Gegenwart. Die Lebensmittelinspektoren müssen sich warm anziehen, wenn sie dem alten Fuchs Paroli bieten wollen. Das Internet brachte ihm einen Prozess mit der Autofirma Ferrari ein. Aber, so verkündet er zum Schluss stolz: «Jetzt gibt es auch beim Ferrari Kaffeekapseln zu kaufen.»