Urdorf

Kämpfen ist für sie eine Lebensschule — sie bilden Kämpfer aus

Nach einer Schreckensdiagnose wollte Marco Witzig den Kampfsport, seine grösste Leidenschaft, eigentlich aufgeben. Doch dann kam alles anders und er bildet heute zusammen mit Patrick Berglas in der Lions Fight Academy junge Kämpfer aus.

Bei der Lions Fight Academy in Urdorf gilt bis ganz zum Schluss des Trainings: «Einer für alle, alle für einen». Das zeigt sich, als Coach Patrick Berglas alle zusammenruft um das Erlebte kurz besprechen. Die hohe Disziplin im Training kommt auch beim anschliessenden Aufräumen zum Tragen. Wer nicht putzen könne, dem bringe er es gerne bei, fügt Berglas an und lacht. «Eure Mütter werden sicher Freude haben.» Gerade ist das Box- und Kickbox Training zu Ende gegangen und das bedeutet, dass gereinigt und aufgeräumt werden muss. «Ich finde es super, dass Patrick für Ordnung sorgt», sagt Marco Witzig, der die Academy zusammen mit Berglas als Verein gegründet hat. So herrschten perfekte Bedingungen, um sich voll auf den Sport fokussieren zu können.

Während des Trainings wird augenfällig, dass die beiden Coaches gut harmonieren. Zu Beginn bringt Berglas die jungen Athleten mit anstrengenden Übungen ins Schwitzen. Dabei pusht der fitte und muskulöse 49-Jährige seine Schützlinge nicht nur, sondern geht meist mit gutem Beispiel voran. Headcoach Witzig verfolgt das Geschehen von der Seite und ruft zwischendurch Anweisungen rein. Immer wieder unterbricht er Athleten, die meist in Paaren verschiedene Techniken und Kombinationen trainieren, und erklärt die Feinheiten der Schläge.

Neue Motivation gefunden nach Schreckensdiagnose

Dass Witzig vor allem die Fäden von der Seite aus zieht, hat einen guten Grund. Vor rund fünf Jahren wurde bei ihm eine Autoimmunkrankheit diagnostiziert. «Ich habe noch 28 Prozent meines Lungenvolumens», erklärt der hagere 50-Jährige. Gleichzeitig scheiterte der Umzug seiner kleinen Kampfschule von Zürich nach Schlieren wegen Unstimmigkeiten am neuen Ort. Nachdem er sein Leben als erfolgreicher Kämpfer und Trainer dem Kampfsport gewidmet hatte, wollte er nun alles hinschmeissen.

Zufällig hatte Witzig einst als Jugendlicher ein Training besucht, weil er früher mit seiner Punkband oft beim Drahtschmidli in Zürich spielte und beim Töggelen einen Kung-Fu-Kämpfer kennenlernte. Auch Berglas, ebenfalls Zürcher, ist seit der Jugend vom Kampfsport angefressen. Zwischenzeitlich trainierte er in Wohlen, wo sich Schweizer Kampfsportlegenden wie Andi Hug und Rocco Cipriano zusammenfanden. Es sei ein absoluter Glücksfall, so Witzig, dass er in Schlieren Berglas kennenlernte, der dort einen eigenen Schützling trainierte. «Wir haben uns auf anhin sehr gut verstanden und teilen die Einstellung, dass man in diesem Sport Unglaubliches leisten muss», sagt Berglas. So entstand die Idee, die Lions Fight Academy gemeinsam weiterzuführen. «Die Motivation, die Patrick und die Jungen mitgebracht haben, war unglaublich», sagt Witzig. Sie hätten ihn nicht mehr in Ruhe gelassen. Anfang 2017 fanden sie schliesslich in der Urdorfer Industriezone einen passenden Raum.

Lions Fight Academy in Urdorf

Gespannt schauen die anderen zu, wie Colin Heinzer und Jason Berglas (goldene Handschuhe) zusammen Schlagkombinationen trainieren.

Heute trainieren rund 60 Aktive in der Lions Fight Academy – 20 Jugendliche, 10 Erwachsene und rund 25 bis 30 Kinder, bei denen die Mädchen sogar leicht in der Überzahl sind. «Ich erziele die grössten Erfolge mit Frauen. Sie sind viel fokussierter und viel konsequenter, wenn sie etwas wollen», sagt Witzig. Zudem verfügt die Academy über eine schlagfertige Wettkampftruppe mit sechs Nachwuchskämpfern.

Für ihn sei das neue Team das Beste gewesen, das passieren konnte, sagt Witzig rückblickend. Körperlich habe ihm die Krankheit schon so viel genommen. «Wenn ich ihr mein ganzes Leben gegeben hätte, wäre ich verbittert und böse geworden.» Jetzt sehe er seine Aufgabe darin, sein Wissen an seine Schülerinnen und Schüler weiterzugeben und sie auf ihrem Weg zu begleiten. «Ich habe so wieder Halt im Leben gefunden, das ist etwas Schönes.»

Obwohl nicht alle Athleten den sportlichen Wettkampf im Ring anstreben, wollen Berglas und Witzig Kampfsportler ausbilden. Sie hätten ihre kompetitiven Erfolge gehabt und müssten niemandem mehr etwas beweisen. «Wir wollen den Jungen vermitteln, wie man diesen langen und steinigen Weg gehen kann», sagt Witzig. Denn beide sind überzeugt vom Kampfsport als Lebensschule.

Der kompletteste und vielfältigste stehende Wettkampf

In Urdorf wird K-1 trainiert. Die gleichnamige Kampfsportorganisation hat ein Regelwerk eingeführt, dass viele verschiedene stehende Disziplinen wie Kickboxen, Thaiboxen, Kung fu oder Karte zusammenbringt. K-1 sei deshalb am komplettesten und vielfältigsten und biete zudem die besten kompetiviten Möglichkeiten, sagt Berglas. «Obwohl man kämpft ist es ein edler und respektvoller Sport mit wunderschönen Techniken.»

Lions Fight Academy in Urdorf

Colin Heinzer und Jason Berglas (goldene Handschuhe) zusammen im Ring

Jason Berglas ist einer der Kämpfer, die von Anfang in Urdorf mit dabei waren. Vor knapp vier Jahren entschied der heute 19-Jährige, in die Fussstapfen seines Vaters Patrick zu treten. Sogar internationale Erfolge liessen nicht lange auf sich warten. Vergangenes Jahr gewann er an den Weltmeisterschaften der International Sport Karate Association in zwei Kategorien die Bronzemedaille.

Die Erfolge sind harter Arbeit zu verdanken. Bis zu neun Trainingseinheiten habe er im Vorfeld wöchentlich absolviert, erzählt Jason Berglas. Im Alltag stehe er fünf Mal pro Woche auf der Matte und lernt stetig Neues. «Ich hätte nicht gedacht, dass die Technik ein Zusammenspiel des gesamten Körpers ist», sagt der Furttaler. Ein guter Uppercut müsse aus den Zehen ent­stehen, um die maximale Kraft zu ­entwickeln.

Aus dem Schatten seines Bruders getreten

Jason habe im Team alle Rollen durchgemacht vom unerfahrenen, jungen Wilden bis zum Vorbild, der selbst erste Trainings leitet, sagt Vater und Coach Patrick Berglas. «Mit dem Kampfsport ist er auch persönlich extrem gewachsen und hat den Schritt aus dem Schatten seines Bruders gemacht, dem ­erfolgreichen Kart-Fahrer Randy Berglas», sagt Marco Witzig. An Wettkämpfen hilft Jason Berglas den jüngeren Kämpfer bei der Vorbereitung und im Umgang mit ihrer Nervosität. Beide Coaches legen Wert darauf, dass die Truppe zusammenhält. «Marco betont immer wieder, dass wir wie eine Familie sind. Das ist mir auch extrem wichtig», sagt Patrick Berglas

Seit seinem ersten Kampf hat Jason Berglas viel Routine dazugewonnen. Nach seinem Debüt habe er vor lauter Adrenalin gar nicht mehr gewusst, was genau passiert war, sagt er. Jetzt sei sein Kopf völlig leer, wenn der Kampf startet. Das sei irgendwann von alleine gekommen. «Aber egal wie laut es in einer Halle ist, Marcos Stimme höre ich immer», fügt er an. Derzeit trainiert er wieder besonders intensiv, weil er am 6. März in Österreich zu seinem nächsten Kampf antritt.

Als Trainer und Kämpfer bereiste Marco Witzig verschiedene asiatische Länder. Und seine Leidenschaft ist wieder entfacht: «Ich habe schon im Hinterkopf, dass ich wieder mit meinen Kämpfern nach Hongkong oder Tokio gehen will.»

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