Laut Anklage hat der  Limmattaler Bauarbeiter eine Kollegin mit K.O.-Tropfen betäubt und sie vergewaltigt. Während die Staatsanwaltschaft für den nicht geständigen Mann eine hohe Freiheitsstrafe von fünf Jahren verlangte, kam das Gericht nach dem Grundsatz im Zweifel für den Angeklagten zu einem Freispruch. 

Die Vorwürfe gegen den Schweizer Bauarbeiter aus dem Bezirk Dietikon wogen schwer. So hat er laut Anklage Ende Oktober 2012 eine Kollegin in deren Wohnung besucht und ihr in den Nachtstunden heimlich K.O-Tropfen der Sorte GHB in ihr Bierglas geschüttet. Kaum war die Mutter eingeschlafen, schleppte er sie von der Küche in das Schlafzimmer ihrer Tochter, wo er das bewusstlose Opfer sexuell missbrauchte. Bis hin zur Vergewaltigung. Gemäss Staatsanwaltschaft ging der Beschuldigte sehr grob vor und brachte der Geschädigten erhebliche Verletzungen an den Rippen sowie im Intimbereich bei.

227 Tage in Haft verbracht

Die heute über 40-jährige Privatklägerin wachte am nächsten Tag alleine auf und litt unter erheblichen Schmerzen. Zudem machte ihr ein völliger Filmriss zu schaffen. So konnte sie sich an vermutete sexuelle Kontakte mit ihrem Besucher nicht mehr erinnern. Rund zwei Wochen nach dem Vorfall erstattete sie gegen ihren Kollegen Strafanzeige bei der Kantonspolizei Zürich. Sie begab sich auch in eine ärztliche Untersuchung, worauf die Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung gegen den Limmattaler einleitete, wonach dieser bis zum August 2013 rund 227 Tage in Untersuchungshaft verbringen musste.

Haaranalyse: Starkes Indiz, aber kein Beweis

Zunächst schien vieles auf die Täterschaft des Beschuldigten hinzuweisen. Warum sollte die Geschädigte ihren Kollegen zu Unrecht belasten, fragte sich die zuständige Staatsanwältin. Hinzu kam, dass eine Haaranalyse bei der Privatklägerin tatsächlich Spuren von GHB ergab.

Die zuständige Staatsanwältin sprach am Mittwoch von einem harten Indiz gegen den Mittdreissiger. Der Verteidiger konterte mit dem Hinweis, dass dies noch lange kein Beweis sei. So habe das ärztliche Gutachten tatsächlich K.O.-Tropfen nachgewiesen. Jedoch nicht den Zeitpunkt der Verabreichung, plädierte er.        

Sex ja, Vergewaltigung nein

Der Beschuldigte stellte vor Gericht die Vorwürfe in Abrede. Er gab sexuelle Handlungen mit seiner Ex-Kollegin zu. Jedoch einvernehmlich. Wobei die Geschädigte massiv angetrunken gewesen sei. „Sie kippte vom Stuhl und torkelte herum“, erinnerte er sich zurück. Beim Sex sei sie wild gewesen und habe ihn geohrfeigt sowie in seine Lippen gebissen, ergänzte er.

Der Bauarbeiter musste allerdings zugeben, dass er seine bewusstlose Kollegin auf dem Boden fotografiert hatte. Was er zu Beginn der Untersuchung bis zur polizeilichen Sicherstellung des Bildes noch bestritten hatte.

Die zuständige Staatsanwältin zeigte sich von der Schuld des Limmattalers überzeugt. So habe die Geschädigte glaubhaft geschildert, wie sie nach dem Bier plötzlich die Kräfte in ihren Beinen verlassen hätten und dann weg gewesen sei.

Freispruch statt fünf Jahre Knast

Die Anklägerin forderte eine hohe Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Die Rechtsvertreterin der ihres Erachtens traumatisierten Privatklägerin verlangte ein Schmerzensgeld von 30 000 Franken. Der Verteidiger plädierte mangels Beweisen auf einen vollen Freispruch. Mit Erfolg. So kam das Bezirksgericht Dietikon nach dem Grundsatz im Zweifel für den Angeklagten zu einem Freispruch. Der Gerichtsvorsitzende Stephan Aeschbacher sprach von zu vielen Ungereimtheiten. Zum Beispiel bei zwei ärztlichen Gutachten, die sich teilweise beim Verletzungsbild widersprochen hätten. Oder das sichergestellte Foto, welches vom Datum her nicht zu den Zeitangaben der Geschädigten passe.

Zudem sei die Privatklägerin bereits eine Woche vor den eingeklagten Vorfällen gemäss Zeugenaussagen im Ausgang auf dem Heimweg mehrmals zusammengebrochen. Wobei es nicht ausgeschlossen sei, dass sie schon damals zu einem Ziel eines K.O.Tropfen-Einsatzes geworden sei. „Wir wollen lieber einen mutmasslichen Täter in Freiheit sehen, als eine unschuldige Person im Gefängnis“, brachte Aeschbacher den Fall auf den Punkt.

23 000 Franken Schmerzensgeld

Der erleichterte Beschuldigte nahm den Freispruch unter Tränen entgegen. „Ich war sehr erschrocken, als bei der Urteilseröffnung plötzlich ein Polizeibeamter erschienen war“, erklärte er. Er habe gedacht, er würde ihn nach dem Verdikt sogleich festnehmen. Das Gericht sprach dem entlasteten Bauarbeiter für die zu Unrecht erlittene Haft ein Schmerzensgeld von 23 000 Franken zu. Die finanziellen Forderungen der Geschädigten wurden dagegen abgewiesen.