Schlieren
Jürg Wildermuth ist ein Pfarrer mit Kriegserfahrung

Am Sonntag führt Jürg Wildermuth seine zivile und seine militärische Funktion zusammen: An seinem fünfzigsten Geburtstag gibt er in Kirche seinen Rücktritt vom militärischen Dienst.

Florian Niedermann
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Jürg Wildermuth ist ein Pfarrer mit Kriegserfahrung.

Jürg Wildermuth ist ein Pfarrer mit Kriegserfahrung.

Die afghanisch-pakistanische Grenzregion Peschawar im Jahr 1988: Ein Team von Mitarbeitern des Internationalen Kommittes des Roten Kreuzes soll zwei Verletzte mit einem Jeep abholen und nach Quetta ins Spital bringen.

Es ist die Zeit, in der die sowjetische Armee aus Afghanistan abzieht. Noch immer kommt es täglich zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Roten Armee und den Mudschaheddin. Während der langen Fahrt stirbt einer der beiden Verletzten. - Es ist das erste Mal, dass der knapp 25-jährige Theologiestudent Jürg Wildermuth hautnah erlebt, wie ein Mensch stirbt. Er ist geschockt. «Das war ein prägender Moment für mich», erklärt er heute, 25 Jahre später. «Solche Erlebnisse machen einem hellhörig für den Krieg. Man weiss, was er in einem Menschen anrichten kann.»

Er begab sich nach Pakistan, um als Funker für das IKRK zu arbeiten. Wildermuth hatte parallel zu seinem Studium aus technischem Interesse eine Schule für Schiffsfunker in Bern absolviert. Dadurch war er zu dieser Aufgabe befähigt. «Die Zeit in Pakistan bedeutete einen Bruch in meinem Leben», sagt er.

Als er 1989 nach einem Jahr in Pakistan in die Schweiz zurückkehrte, hatte sich sein Weltbild verändert: Der angehende Theologe spielt mit dem Gedanken, sein Studium abzubrechen. «Ich konnte doch nicht hier in Ruhe studieren, während andernorts die Welt brennt», erklärt Wildermuth. Als er jedoch seine Frau kennen lernte und eine Familie gründete, entschloss er sich dennoch dazu, das Studium zu abzuschliessen.

Dienstverweigerung kam nie infrage

Nach seinem Abschluss absolviert er das Vikariat in Seegräben, bevor er schliesslich 1997 ordiniert wird. Heute ist Wildermuth Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Schlieren. Mit seinem Stellenantritt beginnt auch sein Engagement als Feldprediger der Schweizer Armee in den Kasernen Dübendorf und Kloten-Bülach. Der ausgebildete Sanitätssoldat hatte zu dem Zeitpunkt nur noch sieben Diensttage zu leisten.

Dennoch entschied er sich, auch weiterhin im Dienst der Armee zu bleiben. Wie kann man als Geistlicher mit seinen Erfahrungen in einer Organisation dienen, die den Krieg übt? Eine Dienstverweigerung sei für ihn nie infrage gekommen, sagt Wildermuth. Er habe sich als Kind der Sonntagsschulbewegung stark mit der Frage auseinandergesetzt, ob man überhaupt Krieg führen darf. Als ihm die Rekrutenschule bevorstand, habe er waffenlosen Dienst leisten wollen. «Ich konnte mich aber nicht durchsetzen. Schliesslich erhielt ich doch eine Pistole.»

Vertrauensperson in der Rekrutenschule

Er sei davon überzeugt, dass er in seiner Funktion als Feldprediger den angehenden Soldaten eine wichtige Stütze biete. «Es ist wichtig, dass wir uns anfangs der Rekrutenschule präsentieren und den jungen Männern zeigen, dass sie in uns jemanden haben, dem sie vertrauen können.», so Wildermuth.

Meist seien die Rekruten erstmals länger von ihrer Familie getrennt. Da komme es vor, dass unverarbeitete familiäre Konflikte, Trauer oder andere Belastungen ausbrechen würden. Die schönsten Momente in seinem Dienst seien jene gewesen, wenn er in den Augen der Rekruten gesehen habe, dass er sie mit seinen Worten erreicht habe, sagt Wildermuth.

Der Pfarrer tritt morgen Sonntag, an seinem fünfzigsten Geburtstag, von seiner militärischen Funktion zurück. Er feiert dies im Rahmen des Adventsgottesdienstes in der grossen reformierten Kirche. «Ich freue mich sehr. Ich habe die einmalige Möglichkeit, meine beiden Arbeitsbereiche – das Militär und die Kirchgemeinde – zusammenzuführen», so Wildermuth.