Hausarzt-Mangel
«Junge Ärzte wollen nicht mehr ihre ganze Freizeit für den Beruf opfern»

Der Mangel an Hausärzten wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen, sagt Ricardo Torriani, Präsident des kantonalen Berufsverbands Hausärzte Zürich. Die Grundversorgung ist für ihn nicht nur in ländlichen Regionen gefährdet.

Tobias Hänni
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Hausärzte: Ein Drittel geht in den nächsten fünf bis zehn Jahren in Pension. (Symbolbild)

Hausärzte: Ein Drittel geht in den nächsten fünf bis zehn Jahren in Pension. (Symbolbild)

Keystone

Herr Torriani, man hört immer wieder vom Hausärztemangel. Wie schlimm ist die Situation im Kanton Zürich?

Ricardo Torriani: Es ist eindeutig so: Hausärzte sind Mangelware. Und die Situation wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. Ein Drittel der Hausärzte geht in den nächsten fünf bis zehn Jahren in Pension. Schon jetzt haben viele Mühe, für ihre Einzelpraxis einen Nachfolger zu finden. Dieses Problem zeigt sich nicht nur auf dem Land. Selbst in Winterthur, wo ich praktiziere, haben zwei Kollegen keinen Nachfolger für ihre Praxis gefunden.

Ricardo Torriani Präsident des Berufsverbands Hausärzte Zürich: «Hausärzte sind Mangelware.»

Ricardo Torriani Präsident des Berufsverbands Hausärzte Zürich: «Hausärzte sind Mangelware.»

Tobias Hänni

Woran liegt das?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einerseits ist der Beruf des Hausarztes angesichts der vergleichsweise tiefen Entlöhnung und der hohen Arbeitsbelastung, insbesondere wegen des enorm strengen Notfalldiensts, nicht so attraktiv. Junge Ärzte wollen nicht mehr ihre ganze Freizeit für den Beruf opfern, viele möchten Teilzeit arbeiten. Das hat auch mit dem steigenden Frauenanteil in der Medizin zu tun. Dann wollen sich viele Junge mit einer eigenen Praxis nicht verschulden. Ausserdem werden generell zu wenig Ärzte ausgebildet. Kommt hinzu, dass das Hausarztstudium in der Medizin nicht wirklich angesehen ist.

Vielerorts entstehen Gemeinschaftspraxen und grosse Hausarztzentren. Gleichen diese den Verlust an Einzelpraxen nicht aus?

Nein, bei weitem nicht. Ein Landarzt alten Schlages hat ein Arbeitspensum zwischen 140 und 150 Prozent. Im Vergleich dazu kommt eine Gruppenpraxis mit drei Ärzten in Teilzeitanstellung auf etwa 200 Stellenprozent. Wenn also anstelle von zwei Einzelpraxen eine Gruppenpraxis eröffnet wird, wird das Angebot der medizinischen Grundversorgung kleiner.

Dann steuern wir auf einen Versorgungsengpass hin?

Den gibt es bereits, auch im Kanton Zürich. Im Flaachtal beispielsweise wird der letzte Hausarzt im Sommer in Pension gehen, ohne dass jemand seine Praxis übernimmt. Ab dann müssen die Talbewohner 20 bis 30 Minuten bis zum nächsten Arzt fahren. Wobei nicht garantiert ist, dass dieser sie überhaupt aufnehmen kann. Zahlreiche Hausärzte haben gar keine Kapazitäten mehr für neue Patienten.

Gemeinschaftspraxen heben gerne die Vorteile für den Patienten gegenüber dem klassischen Hausarzt hervor: längere und durchgehende Öffnungszeiten, Konsultationen ohne Anmeldung, die enge Zusammenarbeit mit Spezialisten. Wie beurteilen Sie die Ärztezentren aus Patientensicht?

Eine Studie in den USA, wo es praktisch nur noch solche Zentren gibt, hat gezeigt, dass sich die meisten Patienten einen eigenen Hausarzt wünschen. In einem grossen Ärztehaus haben Sie als Patient nicht immer den gleichen Arzt. Das ist ein Nachteil: Die Betreuung ist weniger eng, das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient nicht so ausgeprägt. Ausserdem sind die Ärzte mit den Patientenakten weniger vertraut.

2014 hat das Stimmvolk die medizinische Grundversorgung in der Verfassung festgeschrieben, der Bund hat ein Massnahmepaket für deren Stärkung aufgegleist. Wird das den Hausärztemangel künftig lindern?

Es hat bereits Verbesserungen gegeben. So wurden im Rahmen von Tarmed die Stundenansätze für Hausärzte erhöht. Ob dies Bestand haben wird, muss sich aber erst noch zeigen. Dann sind Studienplätze geschaffen worden, dank derer künftig pro Jahr 200 bis 300 Ärzte mehr ausgebildet werden. Das reicht aber bei weitem nicht. Wir brauchen jährlich etwa 1000 zusätzliche Ärzte. Kommt hinzu, dass ein Medizinstudium mit Zusatzausbildung zum Hausarzt 10 bis 11 Jahre dauert. Für die bevorstehende Pensionierungswelle kommt die Erhöhung der Anzahl Studienplätze deshalb ohnehin zu spät.

Welche weiteren Massnahmen würden gegen den Hausärztemangel helfen?

Es bräuchte etwa strukturelle Unterstützung für Ärzte, die sich mit einer Praxis selbstständig machen wollen. Nicht in Form von Direktzahlungen, aber etwa, indem die Infrastruktur günstig bereitgestellt wird. Einige Gemeinden machen dies bereits und bieten Hausärzten kommunale Liegenschaften an – kostenlos. Dafür können sie damit werben, einen Hausarzt im Dorf zu haben. Das gilt heute bereits als Standortvorteil.