«Viele verachten die edle Musik», konstatierte der Stadtzürcher Komponist Johann Kaspar Bachofen im 18. Jahrhundert. Und brachte diese Klage in einem Chorlied zum Ausdruck. Auch im 21. Jahrhundert erfreut sich die «edle Musik» keiner grosser Beliebtheit. Doch in der katholischen Kirche Schlieren zeigte sich, dass ihr einige auch weiterhin sehr gerne lauschen. Immerhin zur Hälfte war sie gefüllt. Johann Kaspar Bachofen, ein Zeitgenosse Bachs, hätte sich damit wohl zufriedengegeben.

Kraftvoll trug der Männerchor Engstringen am vergangenen Sonntag das Chorlied vor. Der Dirigent Gunhard Mattes liess es sich nicht nehmen, den Text des nächsten Stücks – «Kloster Grabow» – amüsant zu erläutern. Zwei gottgesandte Fische hätten zu ausgesuchten Zeiten das Kloster besucht. Nur einer durfte verspeist, der andere musste zurückgeschickt werden. Als die Mönche einst allzu lustvoll beide ihrem Magen zuführten, sei gar kein Fisch mehr gekommen. Und so donnerte der Chor: «Sie hätten sich sollen begnügen, sie hätten sich sollen begnügen!»

Bevor der Frauenchor Schlieren auftrat, lockerte Igor Retnev den Abend mit einem Intermezzo auf. Der Dirigent des Frauenchors zeigte, dass er auch das Spiel auf der Querflöte beherrscht. Er berührte das Publikum mit dem C-Dur-Andante von Mozart. Unterstützt wurde Retnev von Maria Gerter auf dem Klavier. Sie begleitete beide Chöre.

Temperamentvoll und beschwingt

Nicht nur der «edlen Musik» huldigte daraufhin der Frauenchor Schlieren. Jugendlich frisch trat er auf – und fast ein wenig keck. Bevor er das Schlagerlied «Es war einmal ein Jäger» zum Besten gab, wurde der liebe Gott gebeten, ein Auge zuzudrücken. Bevor «Hail Holy Queen» erklang, warnte man auch den Pfarrer: Es werde nun recht beschwingt und temperamentvoll – er schien es zu verzeihen. Das an Gospel erinnernde Stück animierte zu kräftigem Mitklatschen. Zu guter Letzt sangen die beiden Chöre gemeinsam den «Gefangenenchor» aus «Nabucco». Das Stück von hohem Wiedererkennungswert wurde vom Publikum teilweise mit geschlossenen Augen genossen. Wie sich im «Ungarischen Tanz» von Johannes Brahms zeigte, kann «edle Musik» auch schwungvoll und mitreissend sein. Beide Chöre verstanden es, die robuste Lebenslust dieses Stücks zu transportieren.

Die Stimmen aus dem Publikum waren positiv. «Der Gefangenenchor von Verdi war ganz gross», meinte etwa Fredi Wild aus Schwerzenbach. Mit Bezug auf die beiden Chöre scherzte er: «Zum Glück entstand keine Konkurrenzsituation, da der Männerchor nicht aus Schlieren ist.» «Mir hat eigentlich alles gefallen», sagte Irmgard Hasler aus Dietikon, «besonders schön war das Zusammenwirken der beiden Chöre. So etwas hört man nicht oft.»