Schlieren
Jugendleiterin: «Jugendliche kennen ihre Cliquen-internen Begrüssungsrituale»

Jugendliche wissen oft nicht genau, wie man sich in der Erwachsenenwelt zu verhalten hat. Dem schafft das Angebot der Stadt Schlieren nun Abhilfe. In einem Knigge-Kurs lernen Jugendliche, sich optimal zu präsentieren.

Florian Niedermann
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Belinda Janjic macht die Schlieremer Jugend ab November fit für Bewerbungsgespräche.

Belinda Janjic macht die Schlieremer Jugend ab November fit für Bewerbungsgespräche.

Florian Niedermann

Frau Janjic, die Fachstelle Jugend der Stadt Schlieren bietet Knigge-Kurse für angehende Lehrlinge an. Können sich Jugendliche nicht benehmen?

Belinda Janjic: Sicher können sie. Viele von ihnen haben aber nie gelernt, wie man sich in der Berufswelt gegenüber anderen Menschen verhält.

Zur Person

Belinda Janjic wurde im August 1980 in Brugg AG geboren. Ihre Eltern sind in den 1970er-Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien, heute Republika Srpska, in die Schweiz eingewandert. Nach der regulären Schulzeit besuchte sie als erstes Mädchen im Kanton Aargau eine Lehreals Galvanikerin. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie in diversen Praktika und Stellen in der Jugendarbeit, in der Sozialpädagogik, im niederschwelligen Suchtbereich und in der sozialen Arbeit mit Behinderten. Nach einer Ausbildung zur Pflegefachfrau entschied sie sich, in der Jugendarbeit zu bleiben, bildete sich auf diesem Fachgebiet weiter. Heute lebt sie in Otelfingen ZH. Janjic arbeitet seit 2009 mit einem 60-Prozent-Pensum für die Fachstelle Jugend in der Stadt Schlieren, Seit ihrem Stellenantritt leitet sie die Knigge-Kurse für angehende Lehrlinge. (fni)

Ihnen das beizubringen wäre doch aber die Aufgabe der Eltern?

Klar könnte man hier die Eltern in die Verantwortung ziehen. Allerdings gibt es in Schlieren eine grosse Zahl von Familien, in denen beide Elternteile einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Ihnen fehlt die Zeit, um die Jugendlichen auf die sozialen Regeln der hiesigen Arbeitswelt vorzubereiten. Viele sind mit den Umgangsformen in der Schweiz auch zu wenig vertraut, als dass sie ihren Kindern das nötige Wissen vermitteln könnten.

Den Kurs besuchen also vornehmlich Heranwachsende mit Migrationshintergrund.

Ja.

Warum schuf die Stadt dieses Projekt?

Wir stellten fest, dass hier ein Bedürfnis besteht. Ausserdem ist es viel günstiger, die Schüler an vier Nachmittagen in einen solchen Kurs zu schicken, als sie ein Jahr lang zu betreuen, weil sie keine Lehrstelle finden.

Wie merkten Sie, dass dieses Bedürfnis besteht?

Es kamen viele Fragen auf uns zu, was Bewerbungsgespräche angeht. Ich mag mich etwa an einen Jungen erinnern, der nach einem gescheiterten Bewerbungsgespräch direkt zu uns kam, um zu fragen, was die Gründe gewesen sein könnten. Er trug ein silbernes Baseballcap und einen goldenen Traineranzug – seiner Ansicht nach seine schönsten Kleidungsstücke. Viele Schüler wissen schlicht nicht, wie sie sich in der Berufswelt kleiden sollten. Auch deshalb entwickelten wir dieses Angebot.

Wer schickt die Jugendlichen zu Ihnen, Eltern oder Lehrer?

Beide. Oft sind es Angehörige, Lehrer oder Schulsozialarbeiter, die sie bei uns anmelden. Immer wieder kommen auch Schüler von sich aus auf uns zu, um ein Feedback darüber zu erhalten, ob das, was sie tun, richtig ist.

Was lernen die Jugendlichen im Knigge-Kurs konkret?

Die Schüler der zweiten Oberstufe lernen an drei Nachmittagen in jeweils drei Lektionen den kommunikativen Umgang mit Vorgesetzten und Mitmenschen. Ziel ist es, dass sie danach etwa wissen, wie man sich im Arbeitsalltag korrekt kleidet oder welchen Einfluss ihre Facebook-Seite auf ihre Bewerbung haben kann. Wichtig ist auch, dass sie sich selbst und ihre Wirkung auf andere besser kennen lernen.

Knigge für die Schule

Die Fachstelle Jugend der Stadt Schlieren bietet seit 2009 Knigge-Kurse für Oberstufenschüler an. Ziel ist es, die Jugendlichen für Bewerbungsgespräche fit zu machen, sowie das Verhalten gegenüber Mitarbeitern und Vorgesetzten am Arbeitsplatz zu trainieren. Der nächste Kurs findet im November 2013 statt. An vier Tagen werden die Heranwachsenden dann drei Stunden lang durch Mitarbeitende der Fachstelle Jugend geschult. (fni)

Können Sie eine Übung nennen?

Vielen bereitet bereits ein einfacher Handschlag Probleme. Sie kennen ihre Cliquen-internen Begrüssungsrituale. Wenn wir sie in einer unserer Übungen dazu auffordern, sich die Hand zu geben und dem Gegenüber dabei in die Augen zu schauen, tun sich viele sehr schwer damit. Damit verbringen wir oft fast eine ganze Lektion. Einen weiteren wichtigen Bestandteil unseres Angebots bilden simulierte Vorstellungsgespräche. Wir zeichnen diese Gespräche auf Video auf und analysieren sie anschliessend mit den Teilnehmenden.

Nun geht es in Ihrem Kurs nicht nur um Bewerbungssituationen, sondern auch um zwischenmenschliches Verhalten allgemein. Müsste ein solcher Kurs nicht bereits für jüngere Heranwachsende bestehen?

Nein, ich denke viele Kinder in der Mittelstufe sind vom Entwicklungsstand her noch nicht so weit, dass sie gewisse Folgen ihres Agierens verstehen. Das beginnt erst mit der Pubertät. Eine generelle Verhaltensschulung mit der Lehrstellensuche zu koppeln, macht auch deshalb Sinn, weil es die Jugendlichen zusätzlich motiviert.

Oft mangelt es aber auch bei jüngeren Schülern an richtigen Umgangsformen.

Ja, aber diese Themen sprechen wir bei unserer alltäglichen Arbeit mit den Jugendlichen an, die nichts mit dem Knigge-Kurs zu tun hat. Diesen Kontakt zu ihnen bauen wir ab der Mittelstufe auf und dabei versuchen wir, ihnen bereits gewisse Verhaltensregeln beizubringen.

Welche Sorgen und Ängste tragen Jugendliche an Sie heran, die vor dem Wechsel von der Oberstufe in eine Lehre oder in eine weiterführende Schule stehen?

Die meisten plagt in dieser Phase des Lebens die Angst, zu versagen. Sie waren davor lange Zeit in einem geschützten Umfeld. In der Schule müssen sie wenig Eigenverantwortung übernehmen. Das müssen sie erst lernen. Ausserdem sind Schüler in diesem Alter sehr gegenwartsbezogen. Sie machen sich wenig Gedanken über ihre Zukunft. Wenn dann plötzlich erste Kollegen eine Lehrstelle erhalten, kommen sie unter Druck. Es entsteht Konkurrenz unter den Jugendlichen. Dazu sind sie mit altersbedingten Sorgen wie Liebeskummer sowie dem fehlenden Selbstbewusstsein oder Körpergefühl konfrontiert.

Wie sollten Eltern in dieser Phase reagieren?

Es hilft sicher, wenn man die eigenen Erfahrungen in ähnlichen Situationen an die Jugendlichen weitergibt. Wenn man ihnen aufzeigen kann, dass der Weg, den sie mit ihrer Berufswahl oder ihrer Ausbildung einschlagen, keine Einbahnstrasse ist.

Und erfahren Heranwachsende in Schlieren diese Unterstützung auch?

Viele Eltern in der Stadt kennen die hiesige Kultur und das System selbst kaum. Deshalb ist es für sie schwierig, die nötige Unterstützung zu bieten und ihnen den Druck zu nehmen. Einwanderer der ersten Generation wollen oft, dass ihr Kind eine kaufmännische Lehre absolviert, auch wenn die schulischen Leistungen dies teilweise nicht ermöglichen. Dort wäre es für die Jugendlichen wichtig, zu sehen, dass sie auch andere Wege einschlagen und trotzdem Erfolg haben können.

Arbeiten Sie auch mit den Eltern, damit diese wissen, wie sie ihre Kinder unterstützen können?

Das ist primär die Aufgabe der Schule. Sie steht immer wieder im direkten Kontakt mit den Eltern. Wir veranstalten immer wieder Info-Anlässe, die sich an Jugendliche und ihre Eltern richten. Aber unser Aktionsgebiet ist nicht die Welt der Erwachsenen, sondern die der Heranwachsenden.