Birmensdorf
Judith Stamm:«Im Alter versöhnt man sich mit dem eigenen Leben.»

Alt Nationalrätin Judith Stamm sprach mit Autorin Nathalie Zeindler über Emanzipation, Krieg und Nelson Mandela – und ihr bewegtes Leben als Politikerin.

Senada Haralcic
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Hat Judith Stamm zwei Jahre lang begleitet und viel erfahren Autorin Nathalie Zeindler.

Hat Judith Stamm zwei Jahre lang begleitet und viel erfahren Autorin Nathalie Zeindler.

Limmattaler Zeitung

Judith Stamm kann heute auf viele Erfolge zurückblicken: von einem Jura-Studium zu ihrer Karriere in der Luzerner Kriminalpolizei über ihre Kandidatur für den Bundesrat bis hin zum Amt als Nationalratspräsidentin.

Ein junges Mädchen, das aneckte

Jedoch war der Weg der heute 79-Jährigen zur höchsten Schweizerin durchaus steinig, wie sie an einem vom Frauenverein und der Bibliothek Birmensdorfs organisierten Anlass erzählte. «Als Kind wäre es für mich undenkbar gewesen, dass ich eines Tages Nationalratspräsidentin werde», sagte die CVP-Politikerin vor den zahlreich erschienenen Gästen. Stamm gilt in der Politik als Frau der ersten Stunde: «In den stürmischen Zeiten der Emanzipationswelle und der mutigen Frauen hat Judith Stamm mit ihrem Engagement ein Zeichen gesetzt und vielen Frauen den Weg zur Gleichstellung geebnet», sagte Monika Auer, Präsidentin des Frauenvereins.

Als Kind sei sie positiv, religiös und anständig gewesen, gleichzeitig aber auch frech und kritisch, erzählte Autorin Nathalie Zeindler: «Ein junges Mädchen, das aneckte.» Zeindler hat Judith Stamm zwei Jahre lang begleitet und auch brisante Geschichten entlockt. Das meiste davon wurde in der Biografie «Beherzt und unerschrocken» veröffentlicht. «Alles, was nicht zwischen diesen Buchdeckeln steht, muss Nathalie mit ins Grab nehmen», sagte Judith Stamm und löste damit Gelächter aus.

Die Primarschulzeit war für die in Zürich aufgewachsene Stamm sehr prägend: «Es war damals der 2. Weltkrieg. Ich erinnere mich ans Verdunkeln und die schwarzen Vorhänge, kein Lichtstrahl durfte auf die Strasse.» Die Zeit sei geprägt von Angst und Hilflosigkeit gewesen. Trotzdem gab es einen Lichtblick: «Dank meines Primarschullehrers habe ich die Liebe zur Sprache entdeckt, viel gelesen und stets auf meine Wortwahl geachtet», erinnerte sich Stamm.

Wie ein Mantel, den sie ablegte

Sie war in der Geschichte der Schweiz erst die zweite Frau, die für den Bundesrat kandidierte. Das war 1986; gereicht hat es nicht. Trotzdem sagt sie heute: «Es war eine gute Übung, ich würde es nochmals tun.»

Der Politik blieb sie immer treu. Zehn Jahre später wurde sie zur Nationalratspräsidentin gewählt. «Ich durfte vieles erleben, habe zum Beispiel Nelson Mandela kennen gelernt», erzählte die Politikerin. Trotzdem vermied sie, dass das Amt Teil ihrer Identität wurde: «Es war für mich ein schwerer Mantel, den ich nach einem Amtsjahr ablegte.» Sie sei heute weniger frech und wurde von der Macherin zur Beobachterin, sagte Stamm: «Im Alter versöhnt man sich mit dem eigenen Leben.»