Schlieren
Juden und Muslime reden über Vorurteile: Reicher Jude, terroristischer Muslim

Gemeinsam organisieren das «National Coalition Building Institute» aus Zürich und das «Dialog Institut» Veranstaltungen zur interreligiösen Verständigung. In Schlieren trafen sich Juden und Muslime zu einem offenen Gespräch über Vorurteile.

David Hunziker
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Für viele der teilnehmenden Juden und Muslime in Schlieren ist Religion ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags.

Für viele der teilnehmenden Juden und Muslime in Schlieren ist Religion ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags.

David Hunziker

Gemeinsam organisieren das «National Coalition Building Institute» aus Zürich und das «Dialog Institut» Veranstaltungen zur interreligiösen Verständigung. In Schlieren trafen sich dieses Mal Juden und Muslime zu einem offenen Gespräch über gegenseitige Vorurteile.

Eines wird an diesem Abend bald allen klar: Vorurteile gegenüber anderen Religionsgemeinschaften sind üblich und man hat sie selbst dann, wenn man das gar nicht will. Etwas Mut braucht es dennoch, sich den Menschen mitzuteilen, die die Vorurteile betreffen. Ein geschützter Rahmen kann dies ermöglichen. Die Muslime und Juden, die sich in diesem unscheinbaren Raum der islamisch-bosnischen Gemeinschaft in Schlieren versammelt haben, sind einer Einladung gefolgt, diesen Mut aufzubringen.

Traurig, ständig Vorurteile zu hören

Eingeladen dazu haben das «National Coalition Building Institute» und das «Dialog Institut», die sich für interreligiöse Verständigung einsetzen. Die Veranstaltung «Respect: Muslim- und Judenfeindlichkeit gemeinsam überwinden» findet an wechselnden Orten in der Schweiz statt. Die Muslimin Dijana Hasanbegovic und der Jude Arthur Braunschweig, die den Kurs gemeinsam leiten, zeigen verschiedene Übungen vor, die die Auseinandersetzung mit Vorurteilen ermöglichen sollen.

An der Wand ist auf einem Stück Papier ein Kreis gemalt. «Stellt euch vor», weist Hasanbegovic die Teilnehmenden an, «dieser Kreis sei eine CD in eurem Kopf. Darauf speichert ihr im Lauf eures Lebens Vorurteile ab.» Ein ehrlicher Blick auf diese CD wirft schnell bekannte Begriffe auf: reicher Jude, Ölscheich, abgeschlossene orthodoxe Gemeinschaft, unterdrückte Hausfrau, Zionismus, Scharia. «Ich war gerade sehr schockiert über mich selbst», berichtet ein muslimischer Gymnasiast von seiner Erfahrung während der Übung. Was die Übung bei allen zeigt: Es kommen fast immer mehr negative als positive Vorurteile an die Oberfläche.

Eine ältere Bosnierin, die ein Kopftuch trägt, wird auch ein wenig wütend: «Es ist schon traurig, die Vorurteile über die muslimische Frau immer wieder zu hören. Dabei hätten unserer Religionen so viel gemeinsam.» Auf der anderen Seite sei sie auch dankbar über die Ehrlichkeit des Gegenübers. Ein muslimischer Jugendlicher fügt an: «Die Vorurteile sind völlig verständlich. Sogar mir kommt beim Islam sofort der Begriff ‹Terrorist› in den Sinn. Die Medien sprechen ja dauernd davon.»

Im kleinen Raum treffen viele der negativen Stereotype aufeinander, die auch in der Gesellschaft verankert sind. Dies, obwohl diese Muslime und Juden sich alle intensiv mit der Religiosität auseinandersetzen. Fehlendes Wissen oder fehlende Sensibilität können also nicht die Gründe sein.

Fast alle im Raum geben an, dass Religion in ihrer Familie sehr wichtig ist, die meisten haben Vorfahren in anderen Ländern, fast alle folgen religiösen Essvorschriften oder engagieren sich in einer religiösen Gemeinde, zwei junge Männer studieren Islamwissenschaften an der Uni Zürich, ein älterer Jude engagiert sich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten und einige Frauen tragen ein Kopftuch.

Juden und Muslime im Studium

Ein Student berichtet etwa, dass Islam und Judentum in seinem Studium meist im Kontext von Konflikten thematisiert würden. «Es ist schwierig, sich von diesen Vorstellungen einfach so zu lösen», sagt er. Zwei Muslime geben auch an, dass sie früher sehr schlecht von Juden gedacht hätte. Dann fällt das Gespräch noch auf die Minarett-Initiative.

Sowohl eine jüngere Türkin als auch zwei ältere Bosnierinnen bestätigen, dass das diskriminierende Ereignis einen Einfluss auf ihren Glauben gehabt habe: «Danach wusste ich genau, dass ich ein Kopftuch tragen will», meint die eine Bosnierin. «Das liegt daran», fügt die junge Türkin an, «dass man durch ein solches Ereignis mit Fragen der eigenen Identität konfrontiert wird.»

Obwohl also vieles sie auseinandertreibt, haben die Teilnehmer dieses Abends sich auf das Gespräch geeinigt und darauf, aus Vorurteilen Urteile zu machen.