Es ist einem Zufall zu verdanken, dass Rosa Suter heute noch im Limmattal lebt. Einem Zufall, der ihr Leben verändern sollte. Es geschah im Jahr 1932, sie war 16 Jahre alt und absolvierte bei einem Inkassobüro an der Zürcher Löwenstrasse ihre kaufmännische Lehre. Jeden Tag fuhr sie von der Wohnung ihrer Eltern beim Bahnhof Urdorf mit dem Zug zur Arbeit. «Ich sass immer im drittvordersten Wagen», erinnert sich die rüstige 99-Jährige. Eines Tages im Dezember traf sie dort auf Otto Suter, der mit anderen jungen Männern im gleichen Wagen sass. Auch er wohnte bei seinen Eltern in Birmensdorf, arbeitete im Jelmoli und gefiel der jungen Schlieremerin auf Anhieb.

An den folgenden Tagen fuhr er immer im gleichen Waggon mit – die beiden lernten sich besser kennen und verliebten sich ineinander. Als Suter ihre Lehre abschloss, bewarb sie sich bei Globus. «Ich hatte mich seit meiner Lehre immer stark nach Zürich orientiert», sagt sie. Doch in jenem Dezember 1932 habe sie in den täglichen Begegnungen im Zug noch einen weiteren Grund dafür gefunden, in der Stadt eine Arbeit zu suchen, sagt sie und lächelt. Als es zwischen den beiden ernster wurde, sagte Otto, dass er sie heiraten würde, sobald er 500 Franken im Monat verdiene. Damals lagen Einstiegslöhne weit tiefer – Rosa Suter selbst verdiente bei Globus zu Beginn 175 Franken monatlich. Bis es soweit war, war sie 25, er 30 Jahre alt. Sie war mit ihren Eltern und ihrer Schwester zwischenzeitlich in die Stadt nach Altstetten gezogen und fuhr weiterhin jeden morgen mit dem Zug zur Arbeit – immer im drittvordersten Wagen.

Nagellack sorgte für grosse Augen

Nach der Hochzeit zog Suter mit ihrem Angetrauten in dessen Elternhaus an der Aescherstrasse in Birmensdorf. Die Leute machten anfänglich grosse Augen, wenn sie mit ihren rot lackierten Nägeln im Dorf umhermarschierte. Als Ehefrau blieb sie, die noch heute elegant gekleidet und äusserst vital ist, fortan zu Hause – es schickte sich nicht, weiter zu arbeiten. Während der Ehemann sich bei Jelmoli bis zum Direktor hocharbeitete, blieb ihr nur, sich an das Landleben und die Arbeit im Garten gewöhnen. «Das war für mich eine grosse Umstellung», sagt Suter.

Doch die junge Städterin gewöhnte sich schnell daran, kam bald in der Dorfgemeinschaft an, engagierte sich später in der Schulpflege und im Frauenverein. «Ich wurde eine rechte Birmensdorferin», sagt Suter nicht ohne Stolz. Dennoch blieb ihr Blick immer auch über den Tellerrand hinaus gerichtet. Ein bis zwei Mal pro Woche fuhr sie weiterhin nach Zürich, um ihre alten Freunde zu treffen und einen Kaffee zu trinken. Mit ihrem Mann, der oft und in der ganzen Welt herumreiste, besuchte sie 1972 China. Eine prägende Erfahrung, wie sie sagt: «Davon zu berichten, würde einen halben Tag dauern.» Eine Kostprobe gibt sie dann doch zum Besten: Wenn sie mit ihrem Mann, dem Kaufhausdirektor, durch die Strassen ging, habe sich innert kürzester Zeit eine Menschentraube um das Paar gebildet. Den chinesischen Frauen – «alle mit Pagenschnitt» – waren Rosa Suters blonde Haare und ihre Seidenstrümpfe so fremd, dass sie sie unbedingt berühren wollten.

Zweite Ehe kam nicht infrage

Birmensdorf blieb Suter auch treu, als ihr Ehemann 1980 verstarb. Das Einfamilienhaus, das sie 1947 im Haldenacher gebaut und in dem sie zwei Töchter grossgezogen hatten, verliess sie nur ein Jahr später, um in eine Attika-Wohnung zu ziehen – alleine. Nochmals zu heiraten habe sie nie in Betracht gezogen, sagt die Seniorin achselzuckend: «Ich hatte einen guten Mann in meinem Leben. Es wäre gar kein anderer mehr infrage gekommen.» Einsam habe sie sich deswegen nie gefühlt. Ins Alterszentrum am Bach, wo sie heute lebt, ist sie nur gezogen, weil sie nach einem Unfall nicht mehr selbstständig wohnen konnte.

Am ersten Januar feiert Rosa Suter ihren hundertsten Geburtstag. Bereits am 25. November bereitet das Alterszentrum ihr und Hedwig Gut-Eberle, einer Birmensdorferin mit Jahrgang 1915, ein grosses Fest. Die Frage, wie man ein so stolzes Alter erreichen kann, amüsiert Suter: «Kein Wasser zum Essen, keinen Sport und jeden Tag ein Gläschen Wein», sagt sie und lacht schelmisch.