Dietikon
Johannes Felber: Ein kämpferischer Philosoph tritt zurück

In den letzten zwölf Jahren musste Sozialvorstand Johannes Felber einiges aushalten. Im Gespräch blickt der Dietiker auf seine Arbeit zurück und gibt seinem Nachfolger Tipps.

Bettina Hamilton-Irvine
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Unbequeme Wahrheiten statt Gemeinplätzen: Johannes Felbers Botschaften sind nie simpel oder bequem.

Unbequeme Wahrheiten statt Gemeinplätzen: Johannes Felbers Botschaften sind nie simpel oder bequem.

Mathias Marx

«Das Wesen der Dinge hat die Angewohnheit, sich zu verbergen.» Während des eineinhalbstündigen Gesprächs am Küchentisch in seinem Haus im Dietiker Blüemli-Quartier sagt Johannes Felber diesen Satz mehrmals. Es ist ein Zitat des griechischen Philosophen Heraklit von Ephesus, den man wegen seiner nicht leicht zu entschlüsselnden Botschaften auch «der Dunkle» nannte.

Dunkel ist Johannes Felber nicht, obwohl er in den vergangenen zwölf Jahren als Dietiker Sozialvorsteher oft genug Grund dazu gehabt hätte. Aber etwas philosophisch ist der 55-jährige CVP-Politiker durchaus. Und auch seine Botschaften sind nie simpel oder bequem. Lieber nimmt er einen Umweg, als Gemeinplätze zu verbreiten. Da ist er konsequent.

Johannes Felber, der nun abtritt, hatte keine einfache Aufgabe. Nicht nur, weil er nach jeder Gesetzesänderung – er hat zwei Revisionen der Arbeitslosenversicherung und zweieinhalb der IV erlebt – wieder umstrukturieren und anpassen musste. Sondern auch, weil seine Sozialabteilung mit ihren rasant steigenden Kosten in den letzten Jahren zunehmend zum Sündenbock wurde, der für die finanzielle Misere der Stadt Dietikon verantwortlich gemacht wurde. Zwischen 2002 und 2012 stiegen die Fallzahlen auf dem Sozialamt von 560 auf 1200, Dietikon hat mit 7,1 Prozent die höchste Sozialhilfequote im Kanton. Für dieses Jahr sind im Budget 41 Millionen Franken für die soziale Wohlfahrt bereitgestellt. Weil das niemanden freut, wurde auf Johannes Felber viel herumgehackt, nicht nur im Parlament. Manchmal bekam er Tipps wie: «Der soll einfach mal etwas strenger sein.» Hat ihn das nicht ausgelaugt? Er nimmt einen Schluck Espresso und überlegt eine Weile lang. «Es gab schon Momente, in denen ich dachte: Mein Gott, braucht das viel Kraft», sagt er dann.

Zuerst musste er, dann wollte er

Als die grösste Herausforderung während der vergangenen drei Legislaturperioden bezeichnet Johannes Felber aber die Überzeugungsarbeit, die er innerhalb des Stadtrats habe leisten müssen. Man benötige viel Sensibilität und Energie, um jemanden für ein Projekt zu gewinnen, der schon viel Kraft für eigene Projekte brauche, sagt er. Doch er gibt sich auch selbstkritisch: «Aufgrund meiner Ungeduld hat es mit der Sensibilität nicht immer geklappt.»

Vor dem Aufwand gescheut hat er sich aber nie: «Überzeugen ist schwierig, aber ich liebe die Auseinandersetzung», sagt er. Denn wenn es darum gehe, das wahre Wesen der Dinge zu entdecken, liege die Lösung nicht in den Schnellschüssen, sondern in den kleinen Schritten.

Übernommen hat er das anspruchsvolle Sozialressort damals, vor zwölf Jahren, «weil ich musste», sagt er. Doch sehr schnell wuchs es ihm ans Herzen. Er hätte es danach nicht mehr abgegeben, sagt er.

Wenn er zurückschaut, ist er vor allem stolz auf die «täglichen vielen kleinen Schritte mit dem Team», wie er sagt. Man merkt, er mag sich nicht selber loben oder in den Mittelpunkt stellen. Obwohl es eine ganze Liste von Projekten gibt, die er erfolgreich umgesetzt hat. Aber man muss Johannes Felber zuerst auffordern, bis er sie vorliest: der Aufbau der schul- und familienergänzenden Betreuung, die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde, die Tagesfamilienorganisation, das Integrationsprojekt Dock im Limmattal, Tischlein-deck-dich, das Beschäftigungsprogramm für Asylbewerber, die Entwicklung des Ateliers 23 und den Übergang ins Dock, die Projekte Autark und Travo.

Ärgert es ihn, dass viele Leute wenig über die Arbeit der Sozialabteilung wissen und stattdessen nur über hohe Kosten und Sozialhilfemissbrauch sprechen? Man könne nicht erwarten, dass sich alle vertieft mit der Sozialabteilung auseinandersetzen, sagt er. Doch: «Punktuell war ich schon verärgert», sagt er. «Wieso wird nur die Sozialabteilung immer so überprüft?» Dabei habe sich schon manchmal der Eindruck aufgedrängt, es gehe primär um die politische Befriedigung.

Lernen, Umsetzen, Geniessen

Keine der externen Analysen ergab grundsätzliche Mängel in der Sozialabteilung. Im Gegenteil: Sie stellten der Sozialbehörde ein gutes Zeugnis aus. Für Johannes Felber wenig überraschend wurde auch deutlich, dass die hohe Sozialhilfequote mit organisatorischen Massnahmen alleine nicht gesenkt werden kann.

Aber wie denn? Allein mit mehr Personal geht es auch nicht, wenn die entsprechenden Strukturen nicht da sind, sagt Johannes Felber: «Eine engere Betreuung der Sozialhilfeempfänger nützt nur dann etwas, wenn man eine höhere Integrationsleistung erzielen kann.» Ein Abschreckungskonzept bringe gar nichts. Viel wichtiger sei die soziale Balance in einer Gemeinde: «Es gibt keine Fachmeinung, die etwas anderes sagt.» Wichtig sei zudem, dass sich der Gesamtstadtrat vehement dafür einsetze, dass Gemeinden, die wie Dietikon sozialdemografisch besonders stark belastet sind, im Finanzausgleich dafür entschädigt werden.

Doch dafür wird Johannes Felber nicht mehr selber kämpfen müssen. Für ihn ist es Zeit, zu gehen. Bei seinem Amtsantritt habe er gesagt, er werde drei Legislaturperioden absolvieren, erzählt er: eine zum Lernen, eine zum Umsetzen und eine zum Geniessen. Das Lernen sei dann kürzer geworden, das Umsetzen länger. Und das Geniessen? Er lacht. «Etwas weniger.»

«Jeder Weg hat Steine drauf»

Seinem Nachfolger rät er, seinen Weg unbeirrt zu gehen, konsequent zu sein und die Ruhe zu bewahren: «Jeder Weg hat Steine drauf. Auch mein Nachfolger wird seine Steine finden.» Und: Man müsse Interesse und Lust daran haben, sich für Menschen zu engagieren, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stünden.

Johannes Felber, der Elektroingenieur ist und seit 25 Jahren ein eigenes Geschäft hat, wird nun wieder mehr Zeit für den Job haben. Und für die Hobbys, die in den letzten Jahren zu kurz kamen. Und für die Familie. «Ich war in den letzten drei Wochen schon zwei Mal mit meiner Frau im Ausgang», sagt er und lacht. «Das ist statistisch gesehen eine unerwartete Zunahme.»