Asylwesen
Job suchen verboten - was sie dürfen, ist Abfall wegräumen

Zwei Tibeterinnen «fötzeln» regelmässig Dietikons Strassen — die einzige Arbeit, der sie nachgehen dürfen. Seit Jahren stecken sie im Asylsystem fest — eine frustrierende Situation.

Tobias Hänni
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Die beiden Tibeterinnen Tenzin Yangzom Norgyaltsang (links) und Choedon Ayra sind seit eiigen Jahren in der Schweiz.jpg

Die beiden Tibeterinnen Tenzin Yangzom Norgyaltsang (links) und Choedon Ayra sind seit eiigen Jahren in der Schweiz.jpg

Tobias Hänni

Choedon Arya würde gerne eine Ausbildung machen. «Zur Pflegehelferin», sagt die junge Frau mit dem Rossschwanz leise, während sie mit einer langen Greifzange eine Red-Bull-Dose vom Boden klaubt. Sie stockt bei der Berufsbezeichnung, als würde sie an ihrer korrekten Aussprache zweifeln, und fügt dann fast entschuldigend hinzu: «Ich würde auch gerne als Übersetzerin oder Coiffeuse arbeiten. Manchmal schneide ich Freunden die Haare.»

Doch die 30-jährige Tibeterin darf weder Leute pflegen, übersetzen, noch Haare schneiden; zumindest nicht in einer richtigen Anstellung. Mit ihrem Aufenthaltsstatus N (Asylsuchende; siehe Kasten) ist es ihr verboten, einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Was sie darf: Zweimal die Woche die Strassen und Plätze Dietikons vom Müll befreien. Jeweils Montag und Freitag ist Choedon Arya auf Putztour, ausgerüstet mit einer neongelben Leuchtweste, einer Zange und einem Gebührenabfallsack. Woche für Woche, seit über zwei Jahren sammelt sie im Rahmen des Beschäftigungsprogramms «Für ein sauberes Dietikon» Abfall ein.

Kein Kontakt seit drei Jahren

Auch an diesem frischen und klaren Montagmorgen ist sie unterwegs, und «fätzlet» für eine Stunde im Stadtzentrum. An ihrer Seite ist Tenzin Yangzom Norgyaltsang, ebenfalls Tibeterin, gute Freundin und Mitbewohnerin in der Asylwohnung in einer alten Liegenschaft an der Schöneggstrasse. «Am Montag ist es meistens ziemlich dreckig. Wegen des Wochenendes», sagt die 41-Jährige, die ein Medaillon mit dem Porträt des Dalai Lama um den Hals trägt. Sie muss es wissen: Seit bald drei Jahren nimmt sie am Programm teil. So lange, wie sie in Dietikon lebt, nachdem sie zunächst für ein paar Monate im Durchgangsheim in Kreuzlingen und dann in Winterthur gelebt hat. In dieser Zeit habe sie Englisch gelernt, «und ein wenig Deutsch», sagt sie mit Stolz in der Stimme.

Wer darf arbeiten?

Personen von Drittstatten, die in der Schweiz ein Asylgesuch stellen, wird einer von drei Ausweisen ausgestellt. Vom jeweiligen Status hängt das Recht auf eine Erwerbstätigkeit ab. Für EU-Bürger gelten andere Bestimmungen.

N-Status für AsylsuchendeFür Personen im Asylverfahren gilt ein generelles Arbeitsverbot von bis zu sechs Monaten. Danach dürften sie theoretisch arbeiten, die Hürden im Asylgesetz sind aber hoch: Schweizer haben den Vorrang, der Arbeitgeber muss ein Gesuch stellen und die Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage muss die Anstellung erlauben. Im Kanton Zürich werden Bewilligungen ausserdem nur für gewisse Branchen wie Landwirtschaft oder Gastgewerbe erteilt.

F-Bewilligung für vorläufig aufgenommene AusländerPersonen mit einem F-Ausweis müssten die Schweiz eigentlich verlassen, könne aus verschieden Gründen nicht weggewiesen werden. Wollen sie arbeiten, brauchen sie eine für jeweils 12 Monate gültige Aufenthaltsbewilligung. Branchenspezifische Einschränkungen gelten nicht..

B-Bewilligung:für anerkannte Flüchtlinge
Anerkannte Flüchtlinge erhalten eine Jahresaufenthaltsbewilligung. Eine Anstellung muss bewilligt und — wie beim F-Ausweis — orts- und branchenüblich entlöhnt werden.

Doch in den drei Jahren hatte sie auch keinen Kontakt zu ihrem Mann und ihren drei Kindern — aus Angst, diese in Gefahr zu bringen. Und beim Gedanken an ihre Familie kommen der kräftig gebauten Frau die Tränen. Sie habe in Tibet, in der Nähe zu Bhutan, als Bäuerin gearbeitet, erzählt sie. Doch weil sie Anfang 2012 gegen die chinesische Regierung protestiert hatte, wurde es in Tibet zu gefährlich für sie: 20 Teilnehmer der Demonstration kamen ins Gefängnis. «Freunde haben mir deshalb geraten, zu flüchten», sagt Norgyaltsang. Sie habe alles verloren: Die Familie, die Heimat — und ihr gesamtes Erspartes. 3000 Franken und ihre zwei goldenen Armreifen musste sie dem Schlepper geben, damit er sie in die Schweiz bringt.

Auch Choedon Arya, die in Tibet ein kleines Guesthouse geführt hat, verliess ihre Heimat aus Angst vor dem chinesischen Regime — zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Nichte. Sie habe einer Freundin ein Bild des Dalai Lama (?) geschenkt, wenig später sei diese deswegen verhaftet worden. «Die Polizei hätte irgendwann herausgefunden, dass das Bild von mir war.» Die Flucht sei sehr schwierig gewesen. «Wir mussten in der Nacht reisen, durch Wälder und das Gebirge.»

Flüchtlingsstatus abgelehnt

In der Schweiz angekommen, hatte die junge Tibeterin anfänglich grosse Hoffnungen. «Ich wollte studieren. Etwas arbeiten.» Dass sie und Tenzin Yangzom Norgyaltsang nun schon seit Jahren im Asylverfahren feststecken, haben sie beide nicht erwartet — und es frustriert sie. «Ich würde alles arbeiten, wenn ich die Papiere hätte», sagt Norgyaltsan. Statt Tränen der Trauer sind es nun jene der Ohnmacht, die über ihre Wangen rollen.

Beide Asylbewerberinnen haben schon mehrere Male Antrag auf Flüchtlingsstatus gestellt — immer mit negativem Bescheid. Laut den beiden Frauen wurde bei den Interviews im Rahmen des Antrags ihre tibetische Herkunft angezweifelt — auch von der anwesenden Übersetzerin. «Dabei hat sie einfach unseren Dialekt nicht richtig verstanden», ist Choedon Arya überzeugt. Nicht einmal ihr N-Ausweis sei beim letzten Mal verlängert, sondern von der Migrationsbehörde eingezogen worden. Seither ist die Kopie eines älteren, abgelaufenen Exemplars das Einzige, mit dem sie sich ausweisen kann.

Deshalb sei sie kürzlich auch für drei Tage im Gefängnis gewesen, sagt sie. «Bei einer Polizeikontrolle bei unserem Haus konnte ich nur diese Kopie vorweisen.» Die Demütigung ist ihr auch zwei Wochen nach dem Vorfall noch anzumerken.

Eine Rückkehr ist nicht möglich

Weshalb die beiden Frauen nicht längst als Flüchtlinge anerkannt worden sind, ist ihnen schleierhaft. «Die ganze Welt kennt die sehr schwierige Situation in Tibet», sagt Choedon Arya. Eine Rückkehr ist für beide nicht möglich, wollen sie nicht riskieren, für 15 oder 20 Jahren in einem chinesischen Gefängnis zu verschwinden. «Wir protestieren regelmässig vor dem Generalskonsulat der Volksrepublik in Zürich», sagt Choedon Arya. Dabei seien sie auch längst fotografiert worden. Und so bleibt den beiden Tibeterinnen nichts anderes übrig als zu warten, zu hoffen und neben Deutschkursen zweimal die Woche Dietikons Strassen zu reinigen. «Wir sind froh um die Arbeit», sagt Arya. «Sie erlaubt uns, etwas Geld zu verdienen.» Denn etwas wollten sie auf keinen Fall: «Auf Kosten der Gesellschaft leben.»

Arbeitsprojekte geben Asylbewerbern eine Struktur und einen Zustupf

Wenn Asylsuchende «für ein sauberes Dietikon» fätzeln gehen, erhalten sie eine «Motivationszulage». «Pro Einsatz, der 45 bis 90 Minuten dauert, erhalten die Teilnehmer 12.50 Franken«, sagt Lukas Kilchmann, Verantwortlicher für die Beschäftigungsprogramme bei der Firma ORS Service AG, die im Migrationsbereich Mandate für Gemeinden, Kantone und den Bund erledigt. Bei wöchentlich zwei Einsätzen kommen Asylsuchende auf einen Zusatzverdienst von 100 Franken pro Monat.

Das Beschäftigungsprogramm bietet Ablenkung vom Warten und ein Zustupf ans monatliche Budget von 485 Franken, das Asylbewerber — orientiert an der kantonalen Asylfürsorgeverordnung — erhalten.

Das Geld sei sicher eine wichtige Motivation für die Teilnahme am Programm, sagt Kilchmann: «Damit können sich Asylsuchende den Agglopass oder den 9-Uhr-Pass finanzieren.» Für viele ist das öV-Abo eine Notwendigkeit, etwa wenn sie ausserhalb ihrer Gemeinde Sprach- und andere Kurse besuchen müssen. Genauso wichtig scheint den Asylsuchenden laut Kilchmann aber auch der sinnstiftende Aspekt des Arbeitsprogramms zu sein. «Es gibt ihnen eine Struktur und eine sinnvolle Tätigkeit.» Asylbewerbern, die «für ein sauberes Dietikon» arbeiten, «geht es im Allgemeinen besser», sagt Kilchmann. Viele Menschen würden mit einem «riesigen Koffer» an Erwartungen in die Schweiz kommen, und dann monate- und manchmal jahrelang «in den Seilen hängen». Ausländerinnen und Ausländer mit einer N-Bewilligung, wie sie die beiden Tibeterinnen haben, befänden sich in einer Warteposition.

Gewinn für beide Seiten

Kein Wunder sind Arbeitsprogramme wie das in Dietikon bei den Asylbewerbern beliebt. «Wir können in Dietikon meistens 20 oder mehr Personen einsetzen», so Kilchmann. Die Teilnehmer seien sehr bemüht, und sie «arbeiten nicht anders als Schweizer Angestellte.»

Natürlich gebe es, wie überall, auch solche, die es sich möglichst gemütlich einrichten wollen — weshalb sein Mitarbeiter auch regelmässige Kontrollen durchführe. Das Programm stösst auch bei den Gemeinden auf Anklang. «Wir erhalten immer sehr gute Rückmeldungen.» In Dietikon könnte das Programm laut Kilchmann angesichts des Interesses der Asylbewerber auch problemlos ausgebaut werden. «Ein Ausbau des Leistungsaufrags wurde bislang aber nicht diskutiert.» Deshalb überlege die ORS derzeit, eine Frist für die Einsätze einzuführen, damit neue Teilnehmer nachrücken könnten.

«Für ein sauberes Dietikon» ist das einzige Beschäftigungsprogramm, dass die Asylorganisation mit Sitz in Zürich im Limmattal durchführt. Im ganzen Kanton sind es deren fünf, darunter auch Arbeitsprojekte für kommunale Werk- oder Friedhöfe. «Es gäbe sicher auch in anderen Gemeinden und Bereichen Bedarf und Einsatzmöglichkeiten», ist Kilchmann überzeugt. Die ORS stelle den Gemeinden ihr Angebot für Beschäftigungsprogramme vor, «wir hausieren aber nicht.»

Der Entscheid, ein Beschäftigungsprojekt aufzubauen, müsse letztlich beim Gemeinderat oder der Gemeindeversammlung liegen. Damit könne verhindert werden, dass Asylsuchende als billige Arbeitskräfte in der Privatwirtschaft eingesetzt würden. «Wir erhalten immer wieder solche Anfragen, etwa von landwirtschaftlichen Betrieben», erzählt Kilchmann.