Kinderschänder-Fall

Jetzt äussert sich die Pfadi: «Unsere Gedanken sind bei den Opfern»

Ein junger Pfader sammelt Holz während eines Pfingstlagers: Er muss nicht in Panik verfallen – Pfadi-Leiter werden in der Ausbildung auf das Thema Missbrauch sensibilisiert. Das Problem: Es war nicht immer so. Und es gibt den Einzelfall. (Symbolbild)

Ein junger Pfader sammelt Holz während eines Pfingstlagers: Er muss nicht in Panik verfallen – Pfadi-Leiter werden in der Ausbildung auf das Thema Missbrauch sensibilisiert. Das Problem: Es war nicht immer so. Und es gibt den Einzelfall. (Symbolbild)

Nach dem Bericht über die Anklage macht sich Bestürzung breit. Die Pfadi Züri erklärt, wie sie Missbrauch vorbeugt

Die Anklageschrift des Schreckens, über die die Limmattaler Zeitung gestern exklusiv berichtete, sorgt für nationales Aufsehen. Insbesondere gab zu reden, dass der Mann, der sich am 25. April wegen Hunderten Fällen von Kindsmissbrauch dem Dietiker Bezirksgericht stellen muss, einen Teil seiner Opfer in der Pfadi kennengelernt hat. Darum sah sich der Kantonalverband Pfadi Züri gestern gezwungen, zu handeln. Ein Krisenkonzept kam zum Einsatz. Kurz nach 10 Uhr schaltete er eine Mitteilung online: Der Pfadi Züri und den lokalen Pfadigruppen sei der Fall nicht bekannt, aber man habe in der Presse davon erfahren. «Wir verurteilen jegliche Ausübung sexueller Gewalt. Unsere Gedanken sind bei den Opfern», heisst es weiter.

Die Sprecherin Lea Halter nimmt auf Anfrage der Limmattaler Zeitung weiter Stellung: «Wir sind erschüttert. Wenn man sich mit Herzblut in einer Organisation engagiert, die gute Werte vermittelt, will man nicht auf diese Weise im Licht der nationalen Medien erscheinen.»
Eigentlich hat die Pfadi Vorkehrungen getroffen, um Fälle wie den jetzt ans Licht gekommenen zu vermeiden. Die Pfadi Züri gehörte zu den ersten, die solche Massnahmen umsetzten. «Wir arbeiten mit verschiedenen spezialisierten Fachstellen gegen sexuelle Ausbeutung zusammen, denn das sind die Profis. Zudem steht den Pfadern 24 Stunden am Tag die kantonale Bad-News-Hotline und die nationale Pfadi-Helpline zur Verfügung», erklärt Halter.

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Wichtiger ist der Pfadi aber, dass es gar nie zu einem solchen Notfall kommt: «Prävention liegt uns am Herzen», sagt Halter. Wer Pfadi-Leiter werden will, muss auch Kurse zum Thema Missbrauch absolvieren. «Zuerst werden unsere Leute darauf sensibilisiert, dass das Problem existiert, dass es einen Namen hat und dass man darüber sprechen muss», sagt Halter. Man werde auch darauf getrimmt, dass man lieber einmal zu viel als zu wenig einen Verdacht meldet. Und schliesslich lernen die Leiter, den Kindern schon von klein auf zu zeigen, dass es Grenzüberschreitungen gibt und sie zu allem Nein sagen dürfen.

Die Knaben, die beim Kinderschänder übernachteten, hatten aber wegen der Medikamenten-Cocktails, die er ihnen verabreicht haben soll, gar nie die Gelegenheit, Nein zu sagen.

«Heute würde man hellhörig»

Mit den regelmässigen Übernachtungen der Knaben bei ihrem Pfadi-Leiter konfrontiert, sagt Halter: «Würde ein anderer Leiter heutzutage von so etwas Wind bekommen, würde er sofort hellhörig und würde es melden.» Damit spricht sie den Umstand an, dass die Zeit der Sensibilisierung in Pfadis und anderen Vereinen für Kinder und Jugendliche noch nicht allzu lange andauert. «Seit den 2000er-Jahren wurde grosse Aufklärungsarbeit geleistet. Es ist gut möglich, dass man früher zu wenig sensibilisiert war», so Halter. Das erste dem Mann von der Staatsanwaltschaft zur Last gelegte Delikt datiert aus dem Jahr 1994. Die Limmattaler Zeitung weiss: Die Ermittler vermuten sogar ein Delikt, das ins Jahr 1989 zurückgeht, das aber verjährt ist. Damals wäre der Beschuldigte 24 Jahre alt gewesen.

Das Vertrauen, das viele in die Pfadi haben, so Halter, habe auch damit zu tun, dass kaum Quereinsteiger über 20 zur Pfadi stossen und Leiter werden. «99 Prozent unserer Leiter waren schon als Kind dabei. Bei den restlichen handelt es sich zum Beispiel um beste Kollegen bewährter Pfader», so Halter. Auch für Pfadi-Lager rekrutiere man keine Externen.

Es gibt keine Alterslimiten

Wie alt der Beschuldigte war, als er erstmals einen Pfader kennenlernte, ist unklar. Klar ist: Es gibt keine Alterslimiten für Pfadi-Leiter. «Wir schliessen niemanden altershalber aus. Die allermeisten hören aber mit rund 25 Jahren auf, da ihnen dann die Zeit fehlt, um jeden Samstag in den Wald zu gehen», sagt Halter.

Die Pfadi ist mit ihren Bemühungen gegen sexuelle Ausbeutung nicht allein. So verfügt etwa der Cevi Schweiz über ganz ähnliche Instrumente. «Die Prävention sexueller Ausbeutung hat im Cevi einen grossen Stellenwert», sagt Felix Furrer, Pressesprecher von Cevi Schweiz. Wie bei der Pfadi werden die Leiter in Kursen auf die Früherkennung von sexueller Ausbeutung sensibilisiert, es gibt klare Richtlinien, jeder Regionalverband hat eine präventionsverantwortliche Person und wie auch die Pfadi arbeitet der Cevi mit der Fachstelle Mira zur Prävention sexueller Gewalt zusammen, die von der Pro Juventute unterstützt wird.
All das ändert aber nichts daran, dass es für Opfer oft sehr schwierig ist, überhaupt über den Missbrauch zu reden: Im aktuellen Fall meldete sich nur eines von acht Opfern bei den Behörden.

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