Aufführung
Jens Nielsen: «Schnecken können keine Zweitwohnung haben»

Das Theater Dietikon startete mit einem satirischen Leckerbissen ins neue Jahr. Der Zürcher Autor und Schauspieler Jens Nielsen nahm sein Publikum mit auf eine turbulente Reise in die Welt des Sprachwitzes, der Assoziationen und Absurditäten.

Franziska Schädel
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Auch das Fernglas sorgt nicht für den Durchblick: Jens Nielsen rüttelt mit seiner cleveren Satire an den Grundfesten des Alltags.

Auch das Fernglas sorgt nicht für den Durchblick: Jens Nielsen rüttelt mit seiner cleveren Satire an den Grundfesten des Alltags.

Franziska Schädel

Auf der Bühne ein Spitalbett, ein paar ausgetretene Schuhe. Von der Decke baumeln eine Gabel und ein Operngucker. Die Requisiten sind so absurd wie die Dialoge, mit denen Jens Nielsen, barfuss und im Spitalhemd, Alltägliches spielend auf den Kopf stellt.

Er schwadroniert über sein Körpergewicht, das ausgerechnet in Peru anders sei als auf der restlichen Welt, denn in Peru habe es seit der Reformation nicht mehr geregnet. Er malt sich aus, wie es sich anfühlen würde, wenn man statt Zehen plötzlich Weinbergschnecken an den Füssen hat. Das sei nicht weiter schlimm, beruhigt Nielsen das Publikum. Es passe sogar gut zusammen, denn auch wir Menschen mögen Salat. Die Schnecken allerdings, die können keine Zweitwohnung haben.

Mit wenigen Worten und Sätzen, deren Ende er immer wieder gekonnt in der Luft hängen lässt, führt er dem Publikum Grotesken des Lebens vor Augen. Was weiss man schon von der Schwerkraft? Hat sie Freunde? Besucht sie eine Weiterbildung oder geht sie wohl bald in Pension? Und jeder wird sich mit Jens Nielsen einig sein, dass die Liste der Dinge, die man im Leben nie gemacht hat, immer länger wird. Ob es allerdings die Tatsache zu bedauern gilt, nie in ein Brot hineingekrochen zu sein, oder eine Badewanne aus dem Fenster geworfen zu haben, bleibe dahingestellt.

Mitunter macht sich beklemmendes Schweigen breit, wenn Jens Nielsen laut über den ersten und den letzten Atemzug nachdenkt, den wir im Leben tun oder über Sinn und Unsinn der Tropfen nachdenkt, welche uns Apotheken oder Ärzte verschreiben. Justus Klinger haben die Gedanken des Schauspielers zum Nachdenken angeregt: «Bei vielen Dingen im Leben, die Jens Nielsen angesprochen hat, muss man sich tatsächlich fragen, ob alles richtig ist.» Auch Bruno Ochsner hat den Abend genossen. «Man diskutiert ja seit einigen Tagen darüber, was Satire ist und darf. Jens Nielsen hat uns die feine Variante geboten.»

Was so schwerelos und leichtfüssig daherkommt, ist das Resultat langer Arbeit. Jens Nielsen hangelt sich entlang von Assoziationen vorwärts und schaut, wo ihn das hinführt. «Wenn man es wagt, den Pfad der Realität zu verlassen, können Erlebnisse und Begegnungen zu skurrilen Einfällen führen. Sie sind für mich ein gefundenes Fressen.» Da erstaunt es nicht mehr, dass er sich vorstellen kann, sein Gewicht durch einen Enkeltrick verloren zu haben. Die Badewanne, die hat Jens Nielsen irgendwann dann offenbar doch noch aus dem Fenster geworfen.