Dietikon
Jede Stunde Feldarbeit wird mit Bio-Gemüse entlohnt

Die Gemüsekooperative Ortoloco wird fünfjährig. Im Gespräch erklärt Mitinitiant Christian Müller, warum die aktuell 220 Mitgliederhaushalte genug sind.

Von Alex Rudolf
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Auch bei Ernteausfällen sind die Mitglieder von Ortoloco nicht auf den Grossverteiler angewiesen – anderen Kooperativen sei Dank.

Auch bei Ernteausfällen sind die Mitglieder von Ortoloco nicht auf den Grossverteiler angewiesen – anderen Kooperativen sei Dank.

Julia Wartmann

Herr Müller, Sie sehen Ortoloco als Labor der angewandten Wirtschaftsforschung. Was verstehen Sie darunter?

Christian Müller: Wir wollen herausfinden, wie man nachhaltig wirtschaften kann. Das heisst eine ökonomische Weise entwickeln, mit der man die Lebensmittel biologisch, fair, regional und saisonal produziert. So verteilen wir frisches Gemüse an unsere Mitglieder. Leisten müssen sie dafür zehn Arbeitseinsätze auf dem Feld und einen finanziellen Beitrag, der von der Grösse der wöchentlichen Gemüsetasche abhängt. So kommen wir im Gegensatz zu Schweizer Bauern, die von Gastarbeitern aus Osteuropa abhängig sind, um dem Preisdruck standhalten zu können, ohne Tieflöhne aus.

Dies klingt schon sehr nachhaltig. Wo sehen Sie denn noch Potenzial?

Beispielsweise absolvieren wir unsere Verteiltouren durch das Limmattal und Zürich in einem alten Toyota-Bus, ein Energiefresser. Dies könnten wir noch verbessern. Aber auch das Know-how unserer rund 220 Mitgliedshaushalte wollen wir erweitern, sodass in Zukunft weitere Konsumbereiche von dieser Art des Wirtschaftens profitieren können.

«Wir sehen uns als Ratgeber für andere, die nachhaltige Nahrungsmittel produzieren wollen. » Christian Müller, Ortoloco

«Wir sehen uns als Ratgeber für andere, die nachhaltige Nahrungsmittel produzieren wollen. » Christian Müller, Ortoloco

ZVG

Wie haben sich die Mitgliederzahlen in den letzten fünf Jahren entwickelt?

Sowohl die Anzahl beteiligter Familien wie auch die bewirtschaftete Landwirtschaftsfläche haben sich seit der Gründung verdoppelt.

Stossen Sie an Grenzen?

Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir nicht weiter wachsen möchten. Wir wollen die persönliche Atmosphäre unter den Mitgliedern beibehalten. Daher sehen wir uns künftig eher als Ratgeber für andere Kooperativen, die ebenfalls nachhaltige Nahrungsmittel produzieren wollen. Alljährlich werden jedoch ein paar Gemüseabo-Plätze frei, sodass man bei Ortoloco durchaus noch einsteigen kann.

Im vergangenen Frühling richtete Hagel grosse Schäden bei Landwirtschaftsbetrieben in der Region an. Wie reagieren Mitglieder, wenn ihr Gemüsekorb plötzlich leer ist?

Die Grösse der Ration variiert ohnehin von Woche zu Woche sowie von Saison zu Saison. Bei grossen Ernteausfällen, wie damals bei Hagel, zeigt sich auch die Nachhaltigkeit unseres Systems. Nicht nur die Ernte wird auf unsere Mitglieder verteilt, sondern auch das Risiko auf einen Ernteausfall. Bei grossen Unwettern leidet also nicht ein Bauer finanziell, sondern diese Last wird auf viele Schultern verteilt.

Gemüsetasche für 1100 Franken

Die Gemüsekooperative «Ortoloco» verteilt wöchentlich rund 220 Gemüsetaschen von ihrem Feld im Dietiker Fondli-Quartier. Das Gemüse-Abonnement für 2 bis 3 Personen kostet jährlich 1100 Franken, dasjenige für 4 bis 6 Personen 2200 Franken. Auch verpflichten sich die Mitglieder, pro Jahr zehn Arbeitseinsätze – auf dem Feld, an Feiern oder als Fahrer – zu leisten.

Und dann gehen Sie zum Grossverteiler, um Gemüse zu kaufen?

Nicht zwingend. Wir arbeiten bei Ausfällen mit anderen Kooperativen zusammen. Wir geben ihnen nach Möglichkeit einen Teil der Ernte ab, wenn sie Ausfälle verzeichneten. Sie tun für uns dasselbe.

Solche Initiativen wie die Ihrige gibt es im Lebensmittelbereich bereits einige. Kooperativen backen Brot und verarbeiten Milchprodukte. Kann dieses Konzept auch einem anderen Bereich angewandt werden, etwa dem Pflege- oder Transportbereich?

Im Lebensmittelbereich gibt es in der Tat viele Möglichkeiten, mittels einer Kooperative Nahrungsmittel zu beziehen. Auch wir haben uns überlegt, wie man dieses Konzept ausweiten könnte. Beispielsweise haben wir Ideen für ein Restaurant. Etwas Konkretes gibt es aber noch nicht. Die von Ihnen vorgebrachten Beispiele aus dem Pflege- oder Transportbereich sind spannend. Projekte sind mir jedoch nicht bekannt. Tolle Fantasien sind dies jedoch allemal.

Morgen Samstag feiert Ortoloco den fünften Geburtstag. Was ist die Hauptattraktion am Fest?

Das lässt sich nicht so einfach sagen. Das Fest ist ähnlich aufgebaut wie die Kooperative selber. Niemand ist der Star. Die Gesamtheit der Künstler und Gastronomen macht den Charme aus.

Morgen feiert Ortoloco: Beim Biohof Fondli spielt ab 14 Uhr bis spät in die Nacht Musik, verköstigt werden die Besucher ebenso lang. Neben Klassikern wie Schlangenbrot gibt es auch Seitan-
kebab, vegetarische Momos und Smoothies. Neben verschiedenen Bands können die Besucher auch Pingpong spielen und töggelen sowie ihre Kleider bedrucken lassen. Das Ortoloco-Festival ist gratis und öffentlich, die ganze Bevölkerung ist eingeladen.