Schlieren
Jean-Claude Perrin: «Schlieren hat die Pubertät hinter sich»

Die Stadt Schlieren revidierte ihren Verkehrsplan. Darin sind einschneidende Massnahmen für das Stadtbild festgelegt. Bauvorstand Jean-Claude Perrin (SVP) will das Zentrum zum Mittelpunkt des städtischen Lebens machen, wie er im Interview sagt.

Florian Niedermann
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In seiner Vision wird der Stadtplatz zum Zentrum des städtischen Lebens in Schlieren – Bauvorstand Jean-Claude Perrin (SVP).

In seiner Vision wird der Stadtplatz zum Zentrum des städtischen Lebens in Schlieren – Bauvorstand Jean-Claude Perrin (SVP).

Andreas Meier/Freshfocus

Herr Perrin, welches Verkehrsmittel nutzen Sie im Alltag am häufigsten?

Jean-Claude Perrin: Je nach Arbeitstag. Wenn ich einen dicht gedrängten Terminplan habe und von Ort zu Ort hetzen muss, dann nehme ich meinen Kleinwagen. Nach Möglichkeit aber bewege ich mich zu Fuss.

Fussgänger spielen auch im neuen Verkehrsplan eine zentrale Rolle. Welche Bedeutung hat der Verkehrsplan für die Stadt Schlieren?

Wenn er angenommen wird, schafft er bedeutende Voraussetzungen zur Ge-staltung der Stadt. Die Optimierung der Erschliessung des bisherigen Industrie- und Gewerbegebiets nördlich der Bahnlinie und die Öffnungen der Goldschlägi- und der Rütistrasse zur Bernstrasse sind ein bedeutender Bestandteil der Stadtentwicklung.

Was bedeutet das für den motorisierten Verkehr?

Der Durchgangsverkehr muss um die Stadt herum auf die Bernstrasse geleitet werden. Die Schaffung eines Fussgängerbereichs im Zentrum gibt uns die Grundlage dafür, dort den motorisierten Individualverkehr zu entschleunigen und die urbane Attraktivität der Stadtmitte aufzuwerten.

Wie sieht Ihre Vision für die Stadt aus?

Schlieren hat noch nicht gelernt, sich als Stadt zu fühlen und zu geben. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass wir keinen Mittelpunkt des sozialen Lebens haben, kein markantes, erkennbares, spürbares Zentrum. Ich wage da den Vergleich mit dem Wesen eines Menschen. Ich kann mich mit einem Menschen erst dann ernsthaft auseinandersetzen, wenn ich seine Seele erkenne. Diese Ausstrahlung hat Schlieren bisher gefehlt. Ich freue mich deshalb sehr darüber, dass sich durch die bauliche und verkehrstechnische Entwicklung der Stadt langsam ein eigenes Gesicht abzeichnet. Meine Vision ist ein Zentrum, das Charakter hat und etwas Persönliches, das Identität schafft. In dem die Seele offen ist. Das wird erst dann der Fall sein, wenn dieser Ort nicht mehr durch Hektik geprägt ist, sondern Geruhsamkeit für den Aufenthalt und Gelegenheit für Begegnung bietet. Schlieren sollte jetzt seine Pubertätsphase endlich abgeschlossen haben und
zur Festigung seiner Persönlichkeit bereit sein.

Das Projekt Stadtplatz hat Ängste vor einem Chaos im Zentrum geweckt. Werden die Kritiker recht behalten?

Nein. In Schlieren war der stadtquerende motorisierte Verkehr bisher sehr privilegiert. Nun muss der Privilegierte etwas zurückstecken zugunsten der anderen, nämlich des Langsam- und Fussgängerverkehrs. Wenn Schlieren wirklich eine Stadt sein will, dann muss es sich auch mit städtischen Gegebenheiten wie mit entschleunigtem Verkehr und einem deklarierten Fussgängerbereich abfinden.

Welche Gegenleistung erhalten die Automobilisten für die Aufgabe ihrer Privilegien?

Durch die Schaffung eines Fussgängerbereichs gewinnt man ein städtisches Leben, ein urbanes Zentrum und wird gleichzeitig den Durchfahrtsverkehr los, den eigentlich niemand in der Stadt will. Aber dieser Fortschritt bedingt, dass man in Zukunft nicht mehr in drei Minuten quer durch die Stadt fahren kann. Zwar wird man durch Dosierungsampelanlagen vor dem Zentrumskreisel gebremst, die den Stau verhindern sollen. Doch diese Massnahmen werden lediglich von Montag bis Donnerstag zwischen 17 und 18 Uhr getroffen.

Erziehen Sie die autophilen Kreise in der Stadt auf diesem Weg also zu einem Umdenken?

Das ist überhaupt nicht meine Absicht, ich bin kein Verkehrserzieher. Ich glaube auch nicht daran, dass man durch Schikane-Massnahmen jemanden umerziehen kann. Im Normalfall erzeugt das nur einen noch stärkeren Widerstand. Ein Umdenken kann, wenn überhaupt, nur durch Verständnis und Überzeugung erreicht werden. Genau deshalb sind wir im Rahmen der Revision des Verkehrsplans auch mit den verschiedenen Interessegruppen zusammengesessen.

Der Verkehrsplan ist also eine Kompromisslösung.

Jedes Projekt, das man als Stadtrat verwirklicht, ist letztlich durch Kompromisse geprägt. Ich habe im Laufe meiner Tätigkeit feststellen müssen, dass für konstruktive Lösungen dort, wo es der Planungsprozess zulässt, alle Beteiligten angehört werden müssen. Anschliessend muss eruiert werden, mit welcher Lösung der Gesamtheit am ehesten gedient ist. Es kann nicht sein, dass eine Mehrheit zugunsten von einigen wenigen starken Individuen das Nachsehen hat. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass die Privilegien von Einzelnen manchmal zum Wohle der Gemeinschaft beschnitten werden müssen.

Das sehen offensichtlich nicht alle so: Vergangene Woche drohten bereits erste Einwohner mit einem Rekurs. Können Sie da noch ruhig schlafen?

Auf jeden Fall, auch wenn es mich sehr beschäftigt. Widerstand muss man als gegeben hinnehmen, denn es gehört zu unserem System, eigene Anliegen vertreten zu können, auch mit Vehemenz. Man hat als Exekutive die Möglichkeit, über Vorgespräche oder einen runden Tisch festzustellen, ob eine Annäherung zu den Gegnern eines Projekts möglich ist. Wenn das nicht gelingt, muss man das akzeptieren. Solange Kritik sachbezogen bleibt, stört sie mich nicht.

Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie zuerst die Kür, nämlich den Stadtplatz, und erst dann die Pflicht, die Engstringerkreuzung, angehen würden.

Dieser Vorwurf wird nicht mir, sondern dem Kanton gemacht.

Der Verkehrsplan ist in erster Linie ein Strategiepapier. Wie stehen die Chancen, dass die darin festgehaltenen Massnahmen jemals realisiert werden?

Bei den kommunalen Festlegungen gut. Mit den Anträgen an übergeordnete Planungsstellen gilt schon eher das Hoffnungsprinzip. Diese Einträge sollen vor allem gewährleisten, dass bestimmte Ziele nicht aus dem Sichtfeld verschwinden. Man soll das Weiterverfolgen angedachter Lösungsmöglichkeiten nicht vergessen. Auch wenn Teile dieses Planungsinstrumentes im Moment sehr visionär wirkten, braucht es diese Triebfeder, um eine Veränderung überhaupt herbeiführen zu können.

Konkret: Welche Massnahmen, die im Verkehrsplan aufgeführt sind, werden mit Sicherheit umgesetzt?

Sicher realisiert werden die beiden Öffnungen an der Goldschlägi- und der Rütistrasse. Deren Umsetzung ist auch schon zeitlich festgelegt. Dann bleiben noch die beiden Netzerweiterungen beim Erdbeerifeld und der NZZ-Druckerei. Da müssen wir nun abwarten, ob der Kanton diese Massnahmen toleriert.

Sobald der Kanton eine Massnahme bewilligen muss, ist das Gelingen des Projekts allein von ihm abhängig.

Das ist so nicht richtig. Wir haben sehr wohl unsere Möglichkeiten, um Einfluss zu nehmen. Wenn der Kanton seine Verkehrsplanung revidiert, muss er den Entwurf – wie auch wir auf Gemeindeebene – auflegen. Dann kann der Stadtrat vortreten, Einwände einbringen und eigene Anliegen zur Aufnahme in die übergeordnete Planung vorschlagen.

Im Fall der Gleisunterquerung bei der NZZ-Druckerei scheint ein Erfolg aber unwahrscheinlich. Dort ist nicht nur der Kanton, sondern darüber hinaus auch die SBB – sprich der Bund – involviert.

Dagegen mag die Stadt vielleicht wie ein politisches Leichtgewicht wirken. Aber betrachten wir es einmal so: Am Bahnhof Zürich wurde die Durchmesserlinie umgesetzt. Das ist ein Millionen- wenn nicht gar ein Milliardenprojekt. Auch dieses wurde von einzelnen Menschen angedacht. Das ist in Schlieren genau dasselbe: Es sind einzelne Menschen, die sich einsetzen, sich Mitstreiter suchen, und irgendwann an ihr Ziel gelangen. Wieso soll unser Projekt nicht umsetzbar sein, wenn es in Zürich möglich ist, den ganzen Bahnhof zu unterwühlen?

Im vergangenen Februar stand Schlieren im Rahmen der «Giacobbo/Müller»-Sendung einmal mehr in einem schlechten Licht. Ist der Verkehrsplan auch ein Mittel im Kampf gegen das schlechte Image?

Sicher geht es uns auch darum, dass Schlieren in Zukunft von aussen als lebenswerte Stadt wahrgenommen wird. Für die Schlieremer Bevölkerung selbst ist sie es schon lange. Ich als Ressortvorsteher Bau und Planung konnte solchen Negativschlagzeilen bisher immer positive Effekte zuschreiben.

Inwiefern?

Die Aussensicht auf Schlieren führt vielen vor Augen, dass etwas verändert werden muss. Das ist oft überzeugender als teure Studien. Als im Jahr 2004 das Schweizer Fernsehen eine Woche lang jeden Tag aus Schlieren berichtete, hat das der Stadtplanung erheblich den Weg geebnet. Visionäre Gedanken wurden gehört und aufgenommen. Der Wunsch auf Verbesserung und wahre «Entwicklung» hat denn auch das Stadtentwicklungskonzept 2005 wesentlich geprägt.