«Meine Leidenschaft sind die Städte», eröffnet Jasmina Ritz ihre Rede aus dem Erkerfenster des Zentrums Karl der Grosse in Zürich. «Ob Dörfer, Agglomeration oder richtige Käffer, mich interessiert alles rund um den Städtebau.» Die Geschäftsführerin der Limmatstadt AG und ehemalige Dietiker Standortförderin hält die neunte von insgesamt dreissig Winterreden aus dem offenen Erkerfenster des Zentrums.

Während der Monate Dezember und Januar sprechen Kulturschaffende, Politiker, Journalisten und ganz allgemein Menschen, die etwas zu sagen haben, zum Publikum auf dem Grossmünsterplatz. Inhaltlich sind sie dabei völlig frei. Abgesehen von der Bedingung, dass die Ansprachen im Dezember einen Blick zurück auf die Vergangenheit werfen, während die Redner im Januar nach vorne in die Zukunft schauen werden.

Jasmina Ritz ist eine Verfechterin des Begriffs Limmatstadt, im Gegensatz zum Limmattal. Für sie soll in Zukunft die ganze Region an der Limmat den Namen Stadt verdienen. Die Stadt Zürich habe sich nämlich schon immer am westlichen Teil des Kantons orientiert: «Hier am Grossmünsterplatz steht ein wunderbares Gebäude, das Wettingerhaus. Das war 500 Jahre lang der Amtssitz des Klosters Wettingen», erzählt Ritz.

Die Bedeutung des Westens liege aber nicht nur in der Vergangenheit. Die Stadt Zürich werde langsam Opfer ihres eigenen Erfolges. «Sie leidet an Dichtestress, an Wohnungsnot, der Finanzplatz kracht zusammen und mutige Würfe wie ein neues Fussballstadion oder ein Kongresshaus enden oft im Desaster.» Währenddessen entstehe im Westen viel Neues. Die Region sei ein noch ungeschliffener Diamant. Namen wie Schlieren, Spreitenbach oder Neuenhof würden zugegebenermassen kein weltstädtisches Flair versprühen, aber unter dem Blickwinkel der neuen Limmatstadt sei die Gegend als zusammenhängender Raum zu betrachten. Auf den Brachen der industriellen Vergangenheit entstehen neue Quartiere und immer mehr treten die grössten Namen der Architektenszene in dieser Gegend auf den Plan.
Es gebe aber auch Unorte im Limmattal: «Auf hundert Hektar breitet sich ein Ungetüm aus, der Rangierbahnhof», sagt Jasmina Ritz kritisch. «Er ist chronisch unterbelastet. Stellen Sie sich vor, was da in Zukunft alles drauf entstehen könnte.» Die einen würden schon vom Central Park im Limmattal träumen. Eine Naturschönheit, die bereits eröffnet ist, sei der bis Baden durchgängige Erholungsraum «Agglomerationspark». «Naja, der Name ist etwas missglückt», lacht Ritz. «Aber es ist ein wunderschönes Naturschutz-Paradies.»

Neben der geplanten Schnell-Velo-Route von Baden nach Zürich stehe das Limmattal ausserdem vor der grössten, besten und wichtigsten Verkehrs-Veränderung: der Limmattalbahn. Nicht nur die Strassen würden dadurch entlastet, sie sei auch eine Image-Trägerin für die Region. Doch die Grenzen zwischen Zürich und Baden seien sowieso schon längst fliessend, denn: «Die Limmatstadt ist im besten Fall überall.»

Karls Winterreden: das Experiment mit der Rede

Immer Dienstag bis Freitag um 18 Uhr, vom 1. bis 19.12.2014 und 6. bis 30.1.2015, Zentrum Karl der Grosse am Grossmünsterplatz in Zürich.