Sonntagsgespräch
Japan-Experte: «Im Japanischen gibt es kaum ein Nein»

Dieses Jahr feiern die Schweiz und Japan das 150. Jubiläum der Aufnahme ihrer Handelsbeziehungen. Auch der Geroldswiler Paul Laube hat die Beziehung der beiden Länder mit seiner jahrelangen Tätigkeit mitgestaltet.

Sandro Zimmerli
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Paul Laube hat sich ein halbes Jahrhundert lang mit Japan beschäftigt und dabei viel gelernt. Sandro Zimmerli

Paul Laube hat sich ein halbes Jahrhundert lang mit Japan beschäftigt und dabei viel gelernt. Sandro Zimmerli

Paul Laube, seit 150 Jahren unterhalten die Schweiz und Japan Handelsbeziehungen. Weshalb suchte sich ein neu gegründeter Bundesstaat einen über 9000 Kilometer entfernten Handelspartner?

Paul Laube: Das ist in der Tat aussergewöhnlich. Ein gewisser Aimé Humbert musste damals offensichtlich sehr aktiv gewesen sein. Wobei man sich fragen muss, wie es unter den damaligen Gegebenheiten überhaupt so weit kommen konnte.

Der Brückenbauer

Der bald 81-jährige Paul Laube reiste 1954 erstmals nach Japan. Nach abgeschlossener KV-Lehre wurde er von seiner damaligen Arbeitgeberin, einer Textilfirma, angefragt, ob er im japanischen Osaka arbeiten wolle. Obwohl er auch die Möglichkeit gehabt hätte, nach Chile zu gehen, entschied er sich für den Job in Japan.

In den Siebzigerjahren gründete Laube sein eigenes Textilunternehmen. Heute verkauft er paramedizinische Produkte nach Japan. Über 50 Jahre lang war Laube Vorstandsmitglied der Schweizerisch-Japanischen Gesellschaft. Heute ist er deren Ehrenmitglied.

Paul Laube wohnt seit 1968 in Geroldswil. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er war unter anderem Geroldswiler Delegierter in der katholischen Kirchenpflege Dietikon und später 16 Jahre lang Präsident der neu geschaffenen katholischen Kirchenpflege Geroldswil. Laube reist drei Mal im Jahr nach Japan.

Was sprechen Sie an?

Die Aufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen hatte eine jahrelange Vorgeschichte. Nur schon die Reise mit dem Schiff dauerte mehrere Wochen. Dann vergingen weitere Wochen, bis die Delegation empfangen wurde. Ich bewundere diese Leute, die das damals auf sich genommen haben.

So anstrengend das Knüpfen der Beziehungen war, so langlebig sind sie. Weshalb ist das so?

Offensichtlich haben die Schweizer die Gelegenheit erfasst und trotz der gewaltigen kulturellen Unterschiede in der gleichen Art und Weise verhandelt wie die Japaner.

Wie konnten die kulturellen Unterschiede bei den Verhandlungen überbrückt werden?

Zumindest müssen die Schweizer so verhandelt haben, wie es die Gegenseite gerne hörte. Im Japanisch gibt es beispielsweise kaum ein Nein. Das, was wir als Ja übersetzen, nämlich «hai», heisst in Wirklichkeit «ich habe verstanden».

Man muss also die Feinheiten der Sprache beachten?

Genau. Das «ich habe verstanden» hat schon manche Probleme verursacht. Gerade Amerikaner, die forsch zu Werke gehen, haben Mühe damit. Sie waren der Meinung, dass der Vertrag unterschriftsreif sei, während die Gegenseite lediglich bestätigt hat, dass verstanden worden sei, was im Vertrag steht.

Schweizer und Japaner haben sich diesbezüglich offenbar besser verstanden.

Das ist so. Kommt dazu, dass die Schweizer schon sehr früh in Japan waren. Als erste Europäer liessen sich niederländische Priester in Japan bei Nagasaki nieder. Die Schweiz zählt aber auch zu den europäischen Pionieren, was den Handel mit Japan anbelangt. Vor allem Uhren wurden in der Frühphase des Handelsabkommens exportiert. Im Gegenzug wurde Seide in die Schweiz importiert.

Obschon die Beziehungen der beiden Länder schon lange bestehen, hat man nicht das Gefühl, dass man in der Schweiz sehr gut über Japan Bescheid weiss. Weshalb ist das so?

Das ist eine gute Frage, die ich aber nicht beantworten kann. Ich weiss nicht, woran es liegt.

Sie sind eine Person, die beide Seiten kennt. Was haben Sie von Japan gelernt?

Es braucht viel Fantasie, um sich in Japanisch auszudrücken. Ich habe gelernt, gewisse Dinge zu umschreiben. Beispielsweise, als ich Freunden von einer Lawine erzählte. Ich kannte das Wort nicht und musste es umschreiben als Schnee, der vom Berg fällt. Bei mir ist das dem Wortschatz geschuldet. Aber auch Japaner umschreiben Dinge sehr gerne.

Was kann ein Schweizer sonst noch von den Japanern lernen?

Bei vielen europäischen Firmen ist es beliebt, die japanische Firmenkultur zu studieren. Während in Europa der CEO vorgibt, welche Schritte als nächste eingeleitet werden, ist es in Japan umgekehrt. Dort gibt die Basis vor, wie es weitergeht.

Das klingt nach einem sehr demokratischen Prinzip?

Diese Art der Firmenführung hat mit der Kultur des Gesichtsverlustes zu tun. In Japan ist es enorm wichtig, sein Gesicht nicht zu verlieren. Will also ein Firmenchef etwas erreichen, ohne dabei sein Gesicht zu verlieren, dann setzt er sich mit der Basis zusammen und diskutiert seine Ideen. Von dort erreicht ihn dann später seine Idee und der Chef kann sagen, die Angestellten hätten den Vorschlag gemacht. So kann er sein Gesicht wahren, wenn die Strategie nicht aufgeht. Auch die Innovationskraft der Japaner wird in Europa enorm geschätzt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Als ich 1954 das erste Mal in Japan weilte, dauerte es mit dem Nachtzug von Osaka nach Tokio 14 Stunden. Heute wird die rund 500 Kilometer lange Strecke in knapp drei Stunden zurückgelegt. Das ist eine enorme Leistung.

Was können Japaner im Gegenzug von uns Schweizern lernen?

Die Zuverlässigkeit und die Qualität in der Schweiz werden sehr geschätzt. Der Botschaftsposten in Bern ist bei japanischen Diplomaten eine sehr begehrte Stelle. Hier funktioniert alles. Oft werden Botschafter noch kurz vor ihrer Pensionierung nach Bern versetzt. Dafür ist man dankbar.

Zuverlässigkeit, Innovationskraft oder Präzision, so unterschiedlich sind die beiden Länder also gar nicht?

Wenn man es so betrachtet, dann nicht. Es gibt diesbezüglich grosse Unterschiede. Japan hat gemessen an der Bevölkerung fünf Mal mehr Ingenieure als die Schweiz. Es wird dort sehr viel Wert auf ein Hochschulstudium gelegt. Es kann aber durchaus sein, dass ein Hochschulabsolvent später den ganzen Tag in einem Toyotawerk am Fliessband steht. Die Hochschulen in Japan und in der Schweiz lassen sich kaum vergleichen. Bei uns beginnt mit dem Hochschuleintritt die Zeit der Prüfungen. In Japan steht am Beginn eine Prüfung, danach kommt keine mehr.

Vom Arbeitsethos der Japaner, die bis zum Umfallen arbeiten, hört man bei uns immer wieder. Stimmt das überhaupt oder ist das ein Mythos?

Auch in Japan ist die Entwicklung nicht stehen geblieben. Es ist noch nicht so weit, dass man ohne weiteres die Stelle wechselt. Aber das Prinzip, dass die Firma die Familie ist, löst sich langsam auf. Trotzdem ist die Arbeitswelt in Japan nicht mit unserer zu vergleichen.

Weshalb nicht?

Vor dem Hotel, in dem ich normalerweise logiere, verengt sich die Strasse und biegt nach links ab. Dort stehen vier Personen mit Neonleuchtstäben und weisen den Fahrzeugen den Weg. So werden die Leute beschäftigt. Bei uns würde es so etwas nicht geben. Ein anderes Beispiel ist das Geldwechseln.

Was ist daran besonders?

Sie geben dem Schalterbeamten eine Schweizer Note. In einer Bank muss die Schalterbeamtin die Schweizer Banknote und die Abrechnung mindestens drei weiteren Personen unterbreiten, was alles Zeit erfordert.

Japan ist ein enorm dicht besiedeltes Land.

Ja. Und vorwiegend der Küste entlang. Dort finden sie kaum einen nicht überbauten Landstrich. Insgesamt leben rund 127 Millionen Menschen in Japan. Interessanterweise sind davon rund 90 Millionen Buddhisten und 70 Millionen Shintoisten. Das geht also gar nicht auf.

Wie kommt es, dass die Statistiken trotzdem solche Zahlen ausweisen?

Sehr viele Japaner praktizieren beide Religionen. Traurige Anlässe werden nach buddhistischer Lehre begangen, während fröhliche Ereignisse wie Hochzeiten nach shintoistischem Brauch gefeiert werden.

Ein dicht besiedeltes, teilweise kompliziertes Land. Trotzdem muss Japan für Sie etwas Besonderes darstellen. Was fasziniert Sie an diesem Land?

Ich bin durchaus ein kritischer Mensch. Mir gefällt überhaupt nicht alles in Japan. Die dichte Besiedelung sagt mir überhaupt nicht zu. Nicht umsonst spricht man von einem Leben wie in einem Kaninchenstall. Aber ich liebe die Kultur, die Kunst und die jahrzehntelangen tiefen Freundschaften.

Welche Dinge sagen Ihnen zu?

Ich konnte schon mehrmals in einem buddhistischen Kloster übernachten. Das war in einer Tempelstadt mit rund 100 Tempeln. Sie befindet sich ausserhalb von Osaka. Diese Ruhe in den Zedernwäldern können sie hier nicht erleben.

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