Schockiert schauten die beiden Schwestern des Klosters Fahr in den Halbkreis bestehend aus Behördenvertretern Unterengstringens und einer Delegation der russischen Botschaft. Alt-Gemeindepräsident und Besitzer des Landstreifens, Jakob Meier, klärte an der gestrigen Kranzniederlegung die Frage, warum sich nur gerade zwei Gräber der rund 1000 gefallenen Soldaten auf Unterengstringer Gemeindeboden befinden. «Das Kloster Fahr wehrte sich dagegen, auf seinem Land Gräber für russisch-orthodoxe Soldaten zu errichten», so Meier. Aus diesem Grund fanden die Krieger ihre letzte Ruhestätte auf Oberengstringer Boden – einige Kilometer weit entfernt vom Ort der grausigen Schlacht. Heute wäre eine solche Haltung aus Sicht des Klosters Fahr undenkbar, ist aus den Gesichtern der Klosterfrauen abzulesen.

Zum elften Mal fand gestern die Kranzniederlegung nur wenige Meter oberhalb des Klosters Fahr statt. Damit wird der zweiten Schlacht von Zürich vom 25. September 1799 gedacht. Der französische General Masséna überquerte damals mit seinen Mannen die Limmat bei Dietikon, um die russischen Kosaken zu bekämpfen, die damals in Unterengstringen stationiert waren. Die russischen Truppen wurden im Anschluss an das Manöver zum Rückzug gezwungen.

«Tradition, die es zu schützen gilt»

Gemeindepräsident ad interim René Rey verwies in seiner Ansprache darauf, dass diese Zeremonie eine wunderbare Tradition sei, die es zu schützen gelte. «Wir sollen daran erinnert werden, dass solche grausamen Schlachten der Vergangenheit angehören. So etwas sollte sich nicht mehr wiederholen», fügte er an.

Schwerer, als man denkt: Die Kanonenkugeln im Besitz von Jakob Meier haben es in sich.

Schwerer, als man denkt: Die Kanonenkugeln im Besitz von Jakob Meier haben es in sich.

Erst im vergangenen Jahr, dem zehnjährigen Jubiläum der Kranzniederlegung, hätte im Rahmen des Unterengstringer Dorffestes ein spezieller Anlass stattfinden sollen. Die Suworow-Kadetten hätten durch das Festgelände defilieren sollen. Mit Betonung auf hätten. Denn nur wenige Wochen vor der Durchführung gab der damalige Unterengstringer Gemeindepräsident Peter Trombik bekannt, dass dieser Programmpunkt gestrichen sei. Grund war der anhaltende Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. «Unter den gegebenen Umständen ist es nicht opportun, einen solchen Anlass durchzuführen», sagte der mittlerweile verstorbene Trombik damals. Man wolle das Dorffest nicht mit der politischen Situation in der Ukraine vermischen, zumal der Gedenktag ausdrücken soll, dass so etwas nicht wieder geschehen dürfe. Damals nahm die russische Botschaft diesen Entscheid zur Kenntnis, wie Konsul Konstantin Nefedov bekannt gab. Er glänzte in diesem Jahr durch Abwesenheit und wurde durch Botschaftsrat Sergey Lysikov vertreten.

Noch keine Ruhe in der Ukraine

Zwar hat sich die mediale Berichterstattung über die umkämpften Gebiete in der Ukraine abgeschwächt, der Konflikt ist jedoch keineswegs beigelegt. So wird die Anfang September vereinbarte Waffenruhe zwischen den ukrainischen Regierungstruppen und den prorussischen Separatisten zwar laut OSZE-Beobachtern eingehalten. Dennoch kommt es seither zu vereinzelten Schusswechseln. Die beiden Konfliktparteien hatten per Anfang September dieses Jahres ein Ende der Gewalt vereinbart, da für rund 100 000 Kinder im Kriegsgebiet die Schule wieder begann.

«Dass der Konflikt noch nicht bereinigt ist, ist uns bewusst», sagt Interims-Gemeindepräsident René Rey. Doch habe man sich dafür entschieden, diesen Begegnungsanlass weiter durchzuführen, da diese Feier bereits Teil einer langjährigen Tradition sei. Im Fokus stehe nicht die heutige Politik, sondern die Schlacht von damals. Am Rande der Veranstaltung bemerkte ein Gast, dass es zudem nicht an der lokalen Exekutive sei, Weltpolitik zu betreiben.

Den Säbel liess er zu Hause

Unterengstringens Alt-Gemeindepräsident Jakob Meier sprach nach dem Vertreter der russischen Botschaft zu der Gästeschar und bot schweres Geschütz auf. So gewährte er einen Blick auf einige Memorabilien aus seinem privaten Besitz. Hauptattraktion waren zwei Kanonenkugeln, die beinahe zu schwer zum Aufheben waren: «Es sind die einzigen beiden Exemplare, die damals in der Schlacht nicht explodiert sind», sagte Meier. Weiter stellte er das Hufeisen eines Kosaken-Pferdes aus, das man durch die Anzahl Nägel und die Hufgrösse identifizieren könne. Zudem sei er noch in Besitz eines alten Kosakensäbels. Diesen brachte er nicht mit. Vielleicht zeige er ihn an der nächstjährigen Kranzniederlegung.